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True News

Twitter - © Foto: Getty Images / Archive Photos (Bildbearbeitung: Rainer Messerklinger)
Medien

Die Ökonomie der Beachtung

1945 1960 1980 2000 2020

Die Wissenschaftlerin Romy Jaster erklärt, wie Fake News groß wurden, was sie mit uns machen und wie wir als Gesellschaft wieder zusammenwachsen können.

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Die Wissenschaftlerin Romy Jaster erklärt, wie Fake News groß wurden, was sie mit uns machen und wie wir als Gesellschaft wieder zusammenwachsen können.

Romy Jaster ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Interview mit der FURCHE spricht sie über Willensfreiheit, Fake News und das postfaktische Zeitalter.

DIE FURCHE: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Fake News?
Romy Jaster: Das ist vielschichtig. Zum einen springen Menschen auf negative und angstmachende Nachrichten ganz besonders an. Da Produzenten von Fake News nicht an die Wahrheit gebunden sind, können sie Inhalte erfinden, mit denen sie ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit generieren. Zudem besteht ein ungünstiges Wechselspiel zwischen der Funktionslogik der sozialen Medien und unserer psychischen Bauweise. Wenn viele Menschen eine Nachricht teilen, wirkt diese auch für mich glaubwürdiger und die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Meldung weiterverbreite, ist höher. Man spricht hier von einer Informationskaskade. Dieser Effekt ist auch dann gegeben, wenn es sich um
eine falsche Information handelt. Da sich soziale Medien in Echokammern organisieren, funktioniert dieses Schneeballsystem gut: Innerhalb einer Gruppe Gleichdenkender entsteht leichter eine kritische Masse von Menschen, die eine Meldung für wahr hält.

DIE FURCHE: Das bedeutet also, wir können falsche Meldungen kaum mehr von richtigen unterscheiden und wissen nicht mehr, was eine seriöse Quelle ist?
Jaster: Jein. Besonders der älteren Generation fehlt die Medienkompetenz, wenn es um sogenannte Neue Medien geht. Älteren Menschen fällt es online schwerer, verlässliche von nicht so verlässlichen Nachrichtenquellen zu unterscheiden. Ein weiterer Punkt ist, dass es mittlerweile eine richtige Fake-News-Industrie gibt und diese vermeintlichen Nachrichtenseiten auf den ersten Blick tatsächlich nicht von seriösen Seiten zu unterscheiden sind.

DIE FURCHE: Wenn man das Wort Fake-News-Industrie hört, denkt man automatisch an verborgene Fabrikshallen, in denen anonyme Programmierer sitzen, die die Welt verändern wollen. Wer steckt tatsächlich hinter dieser Maschinerie?
Jaster: Das sind nicht immer verborgene Kräfte, ganz im Gegenteil. Die russische Nachrichten-Seite „RT“ ist ein gutes Beispiel für einen Fake-News-Kanal. Dort finden sich sehr viele Falschmeldungen, die bestimmte, in dem Fall pro-russische Narrative bedienen. Ein anderes prominentes Beispiel ist die Seite „Breitbart“, deren Chefredakteur lange der ehemalige Trump-Berater Stephen Bannon war. Die Produzenten dieser öffentlichen Seiten arbeiten nicht im Verborgenen.

DIE FURCHE: Mit Falschmeldungen lässt sich nicht nur ein bestimmtes Weltbild kreieren, sondern auch gut Geld verdienen.
Jaster: Das ist die zweite Gruppe von Fake-News-Produzenten. Diese Gruppe hat es sich zum Geschäftsmodell gemacht, stark aufmerksamkeitsheischende Meldungen in die Welt zu setzen, die Angst, Ekel oder bestehende Vorurteile weiter vorantreiben. Diese Personen möchten sich häufig durch Google Ads, dem personalisierten Werbesystem von Google, Geld dazuverdienen und experimentieren anfangs herum. Wenn sie merken, dass Meldungen, die zum Beispiel den Anhängern von Trump in die Karten spielen, die höchsten Gewinne einfahren, dann bleiben sie dabei. Die Vorstellung, dass da irgendwelche anonymen Personen in leeren Fabrikshallen sitzen und massenhaft Falschmeldungen verbreiten, ist aber sehr irreführend. Eher kann man sagen, dass es eine Reihe von Multiplikatoren von Falschmeldungen gibt, die mehr oder weniger nahe an herkömmlichen Nachrichtenformaten sind und ganz öffentlich arbeiten.

Romy Jaster ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. Im Interview mit der FURCHE spricht sie über Willensfreiheit, Fake News und das postfaktische Zeitalter.

DIE FURCHE: Was ist das Erfolgsgeheimnis von Fake News?
Romy Jaster: Das ist vielschichtig. Zum einen springen Menschen auf negative und angstmachende Nachrichten ganz besonders an. Da Produzenten von Fake News nicht an die Wahrheit gebunden sind, können sie Inhalte erfinden, mit denen sie ein Höchstmaß an Aufmerksamkeit generieren. Zudem besteht ein ungünstiges Wechselspiel zwischen der Funktionslogik der sozialen Medien und unserer psychischen Bauweise. Wenn viele Menschen eine Nachricht teilen, wirkt diese auch für mich glaubwürdiger und die Wahrscheinlichkeit, dass ich die Meldung weiterverbreite, ist höher. Man spricht hier von einer Informationskaskade. Dieser Effekt ist auch dann gegeben, wenn es sich um
eine falsche Information handelt. Da sich soziale Medien in Echokammern organisieren, funktioniert dieses Schneeballsystem gut: Innerhalb einer Gruppe Gleichdenkender entsteht leichter eine kritische Masse von Menschen, die eine Meldung für wahr hält.

DIE FURCHE: Das bedeutet also, wir können falsche Meldungen kaum mehr von richtigen unterscheiden und wissen nicht mehr, was eine seriöse Quelle ist?
Jaster: Jein. Besonders der älteren Generation fehlt die Medienkompetenz, wenn es um sogenannte Neue Medien geht. Älteren Menschen fällt es online schwerer, verlässliche von nicht so verlässlichen Nachrichtenquellen zu unterscheiden. Ein weiterer Punkt ist, dass es mittlerweile eine richtige Fake-News-Industrie gibt und diese vermeintlichen Nachrichtenseiten auf den ersten Blick tatsächlich nicht von seriösen Seiten zu unterscheiden sind.

DIE FURCHE: Wenn man das Wort Fake-News-Industrie hört, denkt man automatisch an verborgene Fabrikshallen, in denen anonyme Programmierer sitzen, die die Welt verändern wollen. Wer steckt tatsächlich hinter dieser Maschinerie?
Jaster: Das sind nicht immer verborgene Kräfte, ganz im Gegenteil. Die russische Nachrichten-Seite „RT“ ist ein gutes Beispiel für einen Fake-News-Kanal. Dort finden sich sehr viele Falschmeldungen, die bestimmte, in dem Fall pro-russische Narrative bedienen. Ein anderes prominentes Beispiel ist die Seite „Breitbart“, deren Chefredakteur lange der ehemalige Trump-Berater Stephen Bannon war. Die Produzenten dieser öffentlichen Seiten arbeiten nicht im Verborgenen.

DIE FURCHE: Mit Falschmeldungen lässt sich nicht nur ein bestimmtes Weltbild kreieren, sondern auch gut Geld verdienen.
Jaster: Das ist die zweite Gruppe von Fake-News-Produzenten. Diese Gruppe hat es sich zum Geschäftsmodell gemacht, stark aufmerksamkeitsheischende Meldungen in die Welt zu setzen, die Angst, Ekel oder bestehende Vorurteile weiter vorantreiben. Diese Personen möchten sich häufig durch Google Ads, dem personalisierten Werbesystem von Google, Geld dazuverdienen und experimentieren anfangs herum. Wenn sie merken, dass Meldungen, die zum Beispiel den Anhängern von Trump in die Karten spielen, die höchsten Gewinne einfahren, dann bleiben sie dabei. Die Vorstellung, dass da irgendwelche anonymen Personen in leeren Fabrikshallen sitzen und massenhaft Falschmeldungen verbreiten, ist aber sehr irreführend. Eher kann man sagen, dass es eine Reihe von Multiplikatoren von Falschmeldungen gibt, die mehr oder weniger nahe an herkömmlichen Nachrichtenformaten sind und ganz öffentlich arbeiten.

Das eigene Weltbild muss sich zuvor in einer leichten Schieflage befinden, damit der Prozess der Radikalisierung durch Falschmeldungen unterstützt werden kann.

DIE FURCHE: Was war zuerst da: die professionelle Fake-News-Industrie oder der Hang zu Verschwörungstheorien?
Jaster: Das kann ich nicht sicher beantworten. Einerseits steigt, zum Beispiel in Deutschland, das Vertrauen in die Leitmedien. Gleichzeitig ist es so, dass es einen nicht ganz unerheblichen Teil der Gesellschaft gibt, der zu verschwörungstheoretischem Denken neigt. Diese Menschen hegen eine relativ große Skepsis gegenüber allem, was sie als dem System zugehörig betrachten. Dazu gehören eben auch Politik und die klassischen Medien. Meiner Ansicht nach war das gesellschaftliche Klima von Vorteil für Produzenten von Fake News, die mit ihren Kampagnen noch mehr Unsicherheit schüren. Momentan befinden wir uns definitiv in einer Art Negativ-Spirale, in der die Produzenten von Fake News ganz gut erkannt haben, welche Themen sie bespielen müssen, um einen Teil der Gesellschaft in ihrem Denken zu bestätigen und immer wei- ter von der Mehrheitsgesellschaft zu entkoppeln.

DIE FURCHE: Wie hat sich unsere Urteilskraft durch soziale Medien verändert?
Jaster: Grundsätzlich ist es so, dass wir neue, in unserem Feed ankommende Nachrichten positiver bewerten, wenn sie unserem Weltbild entsprechen. Wir können uns also besser an jene Nachrichten erinnern und sie erscheinen uns plausibler, weil sie zu dem passen, was wir ohnehin schon glauben. Da wir in sozialen Medien tendenziell Inhalte gezeigt bekommen, die uns gefallen könnten, begünstigen diese zusammen mit dem „Bestätigungsfehler“ die Verzerrung von Weltbildern. Dennoch muss sich das eigene Weltbild zuerst in einer leichten Schieflage befinden, um den Prozess der Radikalisierung zu unterstützen. Jemand, der aufgeklärt in die Welt blickt und sich nicht abschottet, kommt durch Falschnachrichten eher selten vom Weg ab.

DIE FURCHE: Können wir unter diesen Umständen demokratische Diskurse führen?
Jaster: Wir sind derzeit in einer ungünstigen Situation, weil sich selbst politische Akteure nicht mehr an das Mindestgebot halten, sich an der Wirklichkeit zu orientieren. Politiker wie Donald Trump nutzen das System der Aufmerksamkeitsökonomie für sich, indem sie nicht immer das sagen, was der Wahrheit entspricht. Aber nicht nur Trump, auch die Alternative für Deutschland (AfD) gibt permament Falschmeldungen über eigene Kanäle heraus. Wenn das eine gängige Haltung wird, haben wir ein großes Problem. Denn dann werden jene, die sich weiterhin an die Wahrheit binden, Schwierigkeiten haben zu bestehen.

DIE FURCHE: Verändern soziale Medien auch das politische Framing?
Jaster: Auch das Framing ist im Zeitalter sozialer Medien ein großes Thema. 2015 hat man im Zuge der Flüchtlingsbewegung immer wieder die Formulierung gehört: „Merkel hat die Grenze geöffnet.“ In rechtskonservativen Kreisen besonders beliebt ist die Zuspitzung: „Merkel hat illegal die Grenze geöffnet.“ Das Problem ist, dass beide Aussagen falsch sind. Die deutschen Grenzen zu den Nachbarländern waren ja schon vorher offen. Merkel hatte sich damals nur nicht dazu entschieden, diese zu schließen. Das ist ein großer Unterschied. Die Rede von der illegalen Grenzöffnung ist also sehr stark von Personen vorangetrieben worden, die eine politische Agenda haben. Bis in die Mehrheitsgesellschaft sollte sich der Gedanke durchsetzen, dass Merkel die flüchtenden Menschen durch bloßes Nichtstun davon hätte abhalten können, nach Deutschland zu kommen. Und dieses Framing ist den jeweiligen Akteuren in diesem Fall auch gelungen.

Romy Jaster - Romy Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin. - © Foto: Zeit Online
© Foto: Zeit Online

Romy Jaster, wissenschaftliche Mitarbeiterin für theoretische Philosophie an der Humboldt-Universität zu Berlin.

DIE FURCHE: Wie können wir dem als Gesellschaft etwas entgegensetzen?
Jaster: Ich halte es für sehr wichtig, dass der Nährboden für die Empfänglichkeit von Fake News angegangen wird. In dem Buch „Die Wahrheit schafft sich ab“, das ich gemeinsam mit meinem Kollegen David Lanius geschrieben habe, sprechen wir davon, dass man eine demokratische Streitkultur leben soll. Das Ziel muss es sein, die Fragmentierung von gesellschaftlichen Mi lieus bestmöglich aufzuhalten. Man weiß aus der Forschung, dass der regelmäßige Austausch mit Andersdenkenden tendenziell dazu führt, dass die Weltbilder moderater werden. Und diesen Prozess muss man sich in einem größeren Rahmen vorstellen. Wir brauchen gesellschaftliche Strukturen, die dafür sorgen, dass unterschiedliche Menschen über bestimmte Sachfragen miteinander diskutieren. Außerdem sollte eine Medienkompetenz vermittelt werden – und das nicht nur in der Schule.

DIE FURCHE: Sie sprechen in Ihrem Buch auch vom postfaktischen Zeitalter. Was bedeutet das für uns?
Jaster: Ich bin nicht ganz glücklich mit der Rede vom postfaktischen Zeitalter. Dennoch: Wir leben in einem Zeitalter, in dem einige politische Kräfte den Wert der Wahrheit aktiv unterwandern. Da scheint uns eine große Gegenbewegung notwendig – und das über alle Generationen hinweg. Ich nenne mal ein paar Beispiele: In einer Zeit, in der der Überfluss an Informationen eines der größten Themen ist, müssen Strukturen über die Schule hinaus geschaffen werden, damit alle den Umgang mit seriösen und nicht seriösen Quellen lernen. Ein weiterer zentraler Punkt ist, das sogenannte kritische Denken zu stärken. Da geht es zum Beispiel darum, dass Schüler lernen, bestimmte Begriffe kritisch zu hinterfragen, Statistiken kritisch zu interpretieren und Argumente zu Meinungen zu suchen, die man nicht selbst vertritt. Es geht also darum, die Gegenseite einzunehmen und zu lernen, wie man argumentiert. Da gibt es in den USA eigene Fächer dafür. Ein dritter Punkt ist die Förderung epistemischer Tugenden, also Tugenden, deren Anwendung zu Erkenntnis führt. Zum Beispiel sollte man Zweifel gegenüber allzu einfachen Wahrheiten an den Tag legen und gedankliche Komplexität zulassen. Es scheint uns ein gesamtgesellschaftliches Projekt zu sein, solche Tugenden beispielsweise im öffentlichen Diskurs zu fördern.

DIE FURCHE: Was kann von Seiten der Politik getan werden, um gegenzusteuern?
Jaster: Es gibt in Deutschland einige Gesetze, zum Beispiel das Netzwerkdurchsuchungsgesetz, die sich gegen Falschmeldungen und Hate Speech richten. Dennoch kommt dieses Gesetz hauptsächlich dann zum Einsatz, wenn es sich um illegale Inhalte handelt. Das ist bei vielen Falschmeldungen überhaupt nicht der Fall. Viele streuen zudem lieber Falschmeldungen im Netz, anstatt puren Hass zu verbreiten. Ein Beispiel: Man kann nicht einfach sagen: „Nordafrikaner sind Vergewaltiger“, das wäre rassistisch. Aber schreibt man eine erfundene Meldung darüber, dass ein Nord afrikaner jüngst eine Schülerin vergewaltigt hat, wird dieser tausendmal geteilt, auch, wenn es diesen Vorfall nie gegeben hat. Der Effekt bleibt derselbe: Eine Personengruppe wird als gefährlich eingestuft. Damit das nicht passiert, braucht es Aufklärungskampagnen, Unterstützung bei der Medienkompetenz und ständigen Austausch von Menschen unterschiedlicher Meinungen. Ich denke, solche Strukturen können auch von politischen Akteuren weiter unterstützt werden, um dem Klima der Spaltung etwas entgegenzusetzen.

Die Wahrheit schafft sich ab - © Foto: Reclam
© Foto: Reclam
Buch

Die Wahrheit schafft sich ab

Wie Fake News Politik machen.
Von Romy Jaster und David Lanius.
Reclam 2019 129 Seiten,
Softcover, € 6,–