Illustration Brille rosa orange Sommer - © Rainer Messerklinger

Objektivität aufgeben? Der Stellenwert von Neutralität im Journalismus

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Kein Mensch ist frei von Meinungen. Auch Journalisten nicht. Wie gelingt im Wahlkampf trotzdem möglichst objektive Berichterstattung? Eine Suche in der Phänomenologie.

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Kein Mensch ist frei von Meinungen. Auch Journalisten nicht. Wie gelingt im Wahlkampf trotzdem möglichst objektive Berichterstattung? Eine Suche in der Phänomenologie.

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Um eine glatte Stunde haben wir die Nachmittagssitzung des Seminars „Einführung in den Wissenschaftsjournalismus“ überzogen. Erschwerend kommt hinzu: Das geschah an einem Sommersamstag bei bestem Biergartenwetter. Es ging um die Frage: Wie objektiv muss und kann Journalismus arbeiten? Kann ein Journalist neutral sein?

Schnell hatten wir die üblichen Fragen bezüglich der lebensweltlichen Prägung und bestehender weltanschaulicher Positionen, die auch Journalisten haben, abgehakt. Natürlich wirken sich solche individuellen Haltungen und persönlichen Präferenzen auf die journalistische Tagesarbeit aus. Davon können wir uns nie freimachen. Aber müssen wir die Orientierung am Objektivitätsideal deshalb aufgeben? Leitet uns diese Erfahrung der journalistischen Praxis wirklich zur Forderung „Schafft die Neutralität im Journalismus ab“?

Die Nähe zwischen Wissenschaft und Journalismus

Journalismus sei da aber doch ziemlich nah an der Wissenschaft, erst recht der Wissenschaftsjournalismus, meinte eine Seminarteilnehmerin. Flugs hatte ein anderer Teilnehmer das passende Zitat aus dem Seminarapparat parat: „Wissenschaft betreiben heißt: methodisch kontrolliert Probleme bearbeiten“, schrieb Bernhard Pörksen in seiner „Erkenntnistheorie der Journalistik“ aus dem Jahr 2006. Zumindest in der Recherche sei das doch im Journalismus ganz ähnlich. Also müsse man sich anschauen, wie dieses Wissen eben produziert werde.

Und dafür nahmen wir noch einmal den Samstagvormittag in den Blick. Wir hatten uns angeschaut, wie ein Video aus Butscha, einer Vorstadt von Kiew, das die Medien in Deutschland am 3. April 2022 erreichte, verifiziert worden war. Wir hatten die üblichen Plausibilitätschecks an diesem Video vorgenommen und hatten die belegbaren Aussagen, die in videoforensischer Hinsicht getroffen werden konnten, zusammengefasst. Dabei wurden auch die Grenzen der vorgestellten videoforensischen Methoden thematisiert und damit, welche Aussagen in einem journalistischen Beitrag über das Video aus Butscha getroffen werden konnten und zu welchen Themen wir uns als Rechercheure und Journalisten jeder Aussage zu enthalten hatten.

Der Zeitpunkt der Videoaufnahme ließ sich feststellen, ebenso, dass das Video auf einer Patrouillenfahrt durch Butscha aufgenommen worden war. Wir konnten die Stellen, an denen Leichen lagen, sehr genau ermitteln. Und wir konnten anhand von Satellitenfotos feststellen, dass die Toten dort am 19. März 2022 lagen, aber noch nicht vor der russischen Besatzung auf einer Satellitenaufnahme vom 28. Februar zu sehen waren. Daraus lässt sich der Schluss ziehen, dass die toten Menschen während der russischen Besatzung auf die Jablunska-Straße kamen und nicht erst nach dem Rückzug der russischen Truppen am 30. März 2022.

Faktenprüfung im Journalismus

Um Aussagen darüber treffen zu können, was in Butscha passiert war, vergegenwärtigten wir uns noch einmal den ehernen Grundsatz der Faktenprüfung, der leider immer wieder von so vielen Factcheckern missachtet wird: Faktenprüfung muss unvoreingenommen und ohne Tendenzvorgabe erfolgen. Nur die festgestellten und belegten Fakten dürfen dabei bewertet werden. Unsere politischen oder weltanschaulichen Vorstellungen haben bei einer Faktenprüfung nichts zu suchen. So müsse das doch generell im Journalismus gehandhabt werden, merkte ein Seminarteilnehmer an und verwies auf eine weitere Folie des Vormittags, die die drei „goldenen Regeln für die Faktenprüfung“ präsentierte. Er zitierte die erste „goldene Regel“, nämlich: „Es wird unvoreingenommen geprüft, alle lebensweltlich-weltanschaulichen (Vor-)Urteile werden eingeklammert und außer Kraft gesetzt (erkenntnistheoretische Methode der phänomenologischen Reduktion).“ Das mit der Reduktion müsse doch von der Faktenprüfung auf den gesamten Journalismus übertragbar sein.

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