Radio retro - © fancycrave1 / Pixabay

Ö3: Die "Krone" des Radios

1945 1960 1980 2000 2020

Europas erfolgreichster Popsender Ö3: Vom "All Feeds One"-Radio zur Cash Cow des ORF. Für die Furche traf Ö3-Chef Georg Spatt seinen Altvorderen Rudi Klausnitzer.

1945 1960 1980 2000 2020

Europas erfolgreichster Popsender Ö3: Vom "All Feeds One"-Radio zur Cash Cow des ORF. Für die Furche traf Ö3-Chef Georg Spatt seinen Altvorderen Rudi Klausnitzer.

Ö3-Legende trifft - im Furche-Doppelinterview - den Senderchef von heute: Rudi Klausnitzer, Jahrgang 1948, verantwortete ab 1969 den Ö3-Wecker und war damals mindestens so bekannt wie später Hary Raithofer oder heute Robert Kratky. 1979 wurde Klausnitzer Ö3-Chef, bis er Mitte der 80er Jahre als Geburtshelfer zum neuen Privatfernsehen nach Deutschland ging, etwa zu Sat.1 als Programmchef (1987) oder zu Premiere (ab 1989). Ab 1992 war er Intendant der Vereinigten Bühnen Wien, 2002-06 übernahm er die Geschäftsführung der News-Gruppe. 2006 bewarb sich Klausnitzer auch für den Posten des ORF-Generaldirektors.

Der heutige Ö3-Boss Georg Spatt, Jahrgang 1966, verdiente zwar seine ersten Radiosporen bei Ö3, war aber 1989-95 bei damals noch vom Ausland nach Österreich sendenden Privatradios (Antenne Austria, Radio CD) tätig. 1996 kehrte er zu Ö3 zurück, zwei Jahre später wurde er stellvertretender, 2002 dann endgültig Ö3-Chef.

DIE FURCHE: Herr Klausnitzer, Sie waren ab 1969 bei Ö3 und ab 1979 Senderchef. Wenn Sie heute Ö3 hören, erkennen Sie sich darin noch wieder?
Rudi Klausnitzer: Heute erkenne ich mich darin wieder, weil ich das Gefühl habe, dass entweder ich ein bisschen jünger geworden bin, oder die Musik ein bisschen älter. Aber Ö3 ist mir wieder vertrauter geworden. 50 Prozent der Titel, die in Ö3 laufen, sind noch in meiner DNA. Ich glaube, dass das den Erfolg des Senders ausmacht. Ö3 ist es in einem exorbitanten Ausmaß gelungen, eine Klammer über unterschiedliche Altersgruppen zu bilden. Anders wäre der hohe Marktanteil überhaupt nicht möglich. Der ist nur vergleichbar mit der Kronen Zeitung im Printsektor.

Ö3-Legende trifft - im Furche-Doppelinterview - den Senderchef von heute: Rudi Klausnitzer, Jahrgang 1948, verantwortete ab 1969 den Ö3-Wecker und war damals mindestens so bekannt wie später Hary Raithofer oder heute Robert Kratky. 1979 wurde Klausnitzer Ö3-Chef, bis er Mitte der 80er Jahre als Geburtshelfer zum neuen Privatfernsehen nach Deutschland ging, etwa zu Sat.1 als Programmchef (1987) oder zu Premiere (ab 1989). Ab 1992 war er Intendant der Vereinigten Bühnen Wien, 2002-06 übernahm er die Geschäftsführung der News-Gruppe. 2006 bewarb sich Klausnitzer auch für den Posten des ORF-Generaldirektors.

Der heutige Ö3-Boss Georg Spatt, Jahrgang 1966, verdiente zwar seine ersten Radiosporen bei Ö3, war aber 1989-95 bei damals noch vom Ausland nach Österreich sendenden Privatradios (Antenne Austria, Radio CD) tätig. 1996 kehrte er zu Ö3 zurück, zwei Jahre später wurde er stellvertretender, 2002 dann endgültig Ö3-Chef.

DIE FURCHE: Herr Klausnitzer, Sie waren ab 1969 bei Ö3 und ab 1979 Senderchef. Wenn Sie heute Ö3 hören, erkennen Sie sich darin noch wieder?
Rudi Klausnitzer: Heute erkenne ich mich darin wieder, weil ich das Gefühl habe, dass entweder ich ein bisschen jünger geworden bin, oder die Musik ein bisschen älter. Aber Ö3 ist mir wieder vertrauter geworden. 50 Prozent der Titel, die in Ö3 laufen, sind noch in meiner DNA. Ich glaube, dass das den Erfolg des Senders ausmacht. Ö3 ist es in einem exorbitanten Ausmaß gelungen, eine Klammer über unterschiedliche Altersgruppen zu bilden. Anders wäre der hohe Marktanteil überhaupt nicht möglich. Der ist nur vergleichbar mit der Kronen Zeitung im Printsektor.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

DIE FURCHE: Herr Spatt, ist Ö3 tatsächlich die "Krone" des Radios?
Georg Spatt: In manchen Punkten sicher. Das hat mit der über die letzten 40 Jahre aufgebauten Identität dieses Senders zu tun und der damit verbundenen Hörer-Bindung. Ö3 ist stark in Musik, Information und Unterhaltung. Wie die Moderatoren bei Ö3 sprechen und sich der Sender seinem Publikum präsentiert, ist nach wie vor eines der stärksten Identifikationsmerkmale der Marke Ö3. In den letzten Jahren veränderte sich die Art, wie Musik vom Rezipient aufgenommen wird. Internet-Downloads haben einen sehr differenzierten Musikmarkt durch alle Altersgruppen hervorgebracht. Die Jungen stehen wieder auf Rock, auch aus vergangenen Jahrzehnten. Wir haben über die Marktforschung herausgefunden, dass 17-Jährige die Stones oder The Who cool finden.
Klausnitzer: Die Bindung der Hörer läuft aber zunehmend über die Inhalte und über die Moderation, weniger über die Musik. Wenn ich in der Früh im Auto sitze und den Professor Kaiser höre, oder die Stimme von Robert Kratky, dann ist mir das vertraut.

DIE FURCHE: Wie beurteilen Sie den Wandel vom einstigen erwachenden kritischen Bewusstsein in einem Radioprogramm zu einem Formatradio, das praktisch einzig und allein dazu da ist, Profit zu erwirtschaften?
Spatt: Früher gab es auf Ö3 eine Stunde lang die Musicbox. Jetzt haben wir mit FM4 einen 24-stündigen Sender, der den Geist der Musicbox fortsetzt.
Klausnitzer: Damals gab es die Musicbox, heute gibt es FM4. Die Medien mussten die "One Feeds All"-Mentalität verlassen, die Inhalte wurden in mehrere Sparten aufgeteilt. Daher kann man nicht sagen, das kritische Bewusstsein sei verschwunden. Es ist nur in einer anderen Form wieder aufgetaucht. Wenn ich heute FM4 höre, dann höre ich die Musicbox, auf viele Stunden verteilt.

DIE FURCHE: FM4 ist aber in keiner Weise so populär ist wie Ö3. Beim "All Feeds One"-Radio musste man das hören, was geboten wurde, weil es keine Alternative gab. Ich behaupte, die breite Masse der Hörer wurde auf diese Weise auch mit gesellschaftspolitischen Themen konfrontiert, während diese Themen heute eher gettoisiert auf Spartensendern wie FM4 behandelt werden.
Spatt: Einspruch! Ö3 ist heute politischer als es früher war. Oder zumindest ebenso politisch.
Klausnitzer: Da widerspreche ich ein bisschen. Es stimmt zwar, dass Ö3 politischer ist, ich würde aber eher sagen: boulevardpolitischer. Es ist fraglich, ob die Verboulevardisierung der Berichterstattung - also das Infotainment - die Aufgabe eines öffentlich-rechtlichen Mediums ist. Der ORF hat das Problem, sowohl den öffentlich-rechtlichen Bereich als auch die kommerziellen Aspekte unter einen Hut zu bringen. Ö3 war von Anfang an - wie Gerd Bacher sagte - ein, Vergnügungsdampfer', wo Geld verdient wird, wenn die Leute an Deck tanzen. Leider bekommt man in unserem heutigen Mediensystem zuviel von dem, was einem vertraut ist. Dass man bei etwas zuhört, wo man eigentlich gar nicht zuhören wollte, ist selten. Dabei finden hier die spannenden Themen statt.

DIE FURCHE: Ö3 ist eine Cash-Cow für den ORF geworden - erlaubt dieser Erfolgsdruck überhaupt eine konzeptuelle Änderung des Sendeschemas?
Spatt: Ich will gar nicht dagegen argumentieren. Daher nicht als Ver-teidigung, sondern mehr als Erklärung: Sowohl ich als Ö3-Chef, als auch meine Mannschaft haben ein ständiges Bemühen, um unsere Möglichkeiten innerhalb der Vorgaben auszuloten. Es gibt aber zurecht eine Diskussion über die Aufgaben der Öffentlich-rechtlichen. Ö3 spielt da eine gewisse Symbolrolle. Aber ein Theaterstück ist per se weder rein kommerziell, nur weil es in einem großen Haus aufgeführt wird. Andererseits: Nicht jedes kritische Kabarettstück, das auf einer Kellerbühne aufgeführt wird, hat deshalb einen gesellschaftskritischen Wert.
Klausnitzer: Die Finanzierung von öffentlichen Aufgaben ist schon in erster Linie vom Verständnis getrieben, dass diese Aufgaben wichtig ist, und weniger von der Quantität des Konsums. Wenn ich auf die Quantität aus bin, befinde ich mich in einem marktwirtschaftlichen Modell.

DIE FURCHE: Ö3 ist aber auf Quantität aus. Müsste man den Sender dann nicht aus dem Konglomerat des öffentlich-rechtlichen ORF ausgliedern?
Spatt: Im Gegenteil. Öffentlich-rechtlich heißt: Unabhängig, objektiv und verpflichtet den Interessen der Gesellschaft. Und nicht verpflichtet den Interessen eines privaten Eigentümers, der sich heuer mit dem Markterfolg von Ö3 brüsten würde, in zwei Jahren aber andere Ziele verfolgt. Es geht um die Versorgung mit Information. Sehen Sie sich die Tage rund um Weihnachten an, wo fast niemand Radio hört: Soll man da die Nachrichtenredaktion, Wetterredaktion, Verkehrsredaktion einfach zusperren? Das machen die privaten Mitbewerber.
Klausnitzer: Es gibt die Wahrnehmung der gesellschaftlichen Interessen, aber gleichzeitig immer wieder kommerzielle Interessen. Geht es bei einer PR-Aktion z.B. um gesellschaftliches Interesse oder darum, dass Ford 15 Autos zur Verfügung gestellt hat und obendrein dafür zahlt, dass diese Aktion gemacht wird? Das ist aber nicht Ö3 anzulasten. Ö3 hat die Aufgabe, das bestmöglich unter einen Hut zu bringen. Es gibt im Augenblick keinen Sender, der den Community-Gedanken besser rüberbringt als Ö3. Man hat das Gefühl, Ö3 denkt darüber nach, was mich als Hörer täglich beschäftigt.
Spatt: Die Trennung zwischen werblichen und programmlichen Interessen ist ja gesetzlich geregelt. Daher ist es mir wichtig, festzuhalten, dass Ö3 trotz scharfer Konkurrenz nie verurteilt wurde. Sie haben trotzdem recht - auch aus kommerziellen Interessen setzen wir manchmal Programmaktionen an, aber offensichtlich so korrekt, dass wir trotz heftiger Beobachtung durch Behörde und Mitbewerber diesbezüglich während meiner elfjährigen Verantwortung noch nie verurteilt wurden.

DIE FURCHE: Ö3 ist auch das Geburtsradio des Austropop und kümmert sich heute wieder um einen Österreichbezug in der Musik, was jahrelang nicht der Fall war.
Spatt:
Ö3 hat sicher nicht immer Dinge gemacht, die richtig waren. Wir haben die heimische Musikszene viele Jahre vernachlässigt, die Diskussion mit den Musik-schaffenden verloren, und uns stark über den Bereich Kabarett, Unterhaltung und Comedy definiert. Doch vor drei Jahren haben wir mit einem ersten Versuch eines Bandwettbewerbes begonnen, dem Ö3 Soundcheck. Heuer haben wir diesen Wettbewerb bereits zum 3. Mal gemacht. Der Versuch, zurück in die Diskussion zu kommen, hat funktioniert. Das ist uns auch durchaus aus egoistischen Gründen ein Anliegen, weil es stark mit der Identität des Senders zusammenhängt.

DIE FURCHE: Herr Klausnitzer, als Sie bei Ö3 begonnen haben, war da der Zugang zum Thema "Welche Musik spiele ich und worauf muss ich achten" naiver als heute? Was konnten Sie sich damals erlauben, was man sich heute nicht mehr erlauben kann?
Klausnitzer: Ich glaube, heute kann man sich wesentlich mehr erlauben! Damals war die Zensur im Kopf größer und die öffentlich-rechtliche Glocke schwebte über einem. Es wäre undenkbar gewesen, dass ein Ö3-Moderator ein politisches Interview macht, das war Sache der Informations-Abteilung. Wir sind damals sicher an manche Dinge naiver herangegangen, vor allem impulsiver. Aber was Ö3 heute macht - davon habe ich immer geträumt. Eben nicht mehr zur Nachrichtenredaktion umstöpseln zu müssen, wenn etwas Politisches passiert.
Spatt: Das Informationsangebot wurde in den letzten Jahren bei Ö3 wesentlich stärker und aktueller. Wenn etwas passiert, gibt es das Verlangen der Hörer, Ö3 einzuschalten. Das ist ein gelernter Mechanismus, weil das Programm auf Ö3 dann sofort umgestellt wird. Das bringt Ö3 einen ungeheuren Wettbewerbsvorteil den Privaten gegenüber, weil sich die das einfach nicht leisten können.
Klausnitzer:
Der große Unterschied zwischen damals und heute ist der Wechsel in der Position. Am Anfang stand eine Markteroberung, heute geht es um Marktverteidigung.

DIE FURCHE: Dazu muss man sagen, dass es damals bei dieser "Markteroberung" keinen Markt gab, also keine Mitbewerber.
Klausnitzer: Wir als Radiomacher hatten damals jedenfalls nicht das Gefühl, dass wir irgendeinen Markt erobern müssen. Einmal im Jahr bekamen wir die Zahlen. Man hat uns weder dafür gefeiert, wenn sie gut waren, noch bestraft, wenn sie schlechter ausfielen. Das hat sich heute geändert. Es schafft schon eine andere Befindlichkeit, als wenn du munter in den Tag hinein produzierst und dir über so etwas wie Marktanteile keine Gedanken machen musst.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau