Reporter berichten vom Krieg in der Ukraine - Reporter berichten vom Krieg in der Ukraine. - © GettyImages/Anadolu

Ukraine-Krieg: Michael Haller und Hans-Peter Waldrich im Diskurs über Frieden und Verantwortung

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Der Briefwechsel zwischen Michael Haller und Hans-Peter Waldrich bietet tiefgehende Einblicke in die Ursachen und Folgen des Ukraine-Kriegs. Ihr Buch ist eine wertvolle Ergänzung zur aktuellen Debatte.

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Der Briefwechsel zwischen Michael Haller und Hans-Peter Waldrich bietet tiefgehende Einblicke in die Ursachen und Folgen des Ukraine-Kriegs. Ihr Buch ist eine wertvolle Ergänzung zur aktuellen Debatte.

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Der Krieg in der Ukraine dauert an – und mit ihm der Diskurs, ob und wie er sich beenden lässt. Dazu leisten Michael Haller, emeritierter Journalistikprofessor aus Leipzig, und der Politologe und Friedensaktivist Hans-Peter Waldrich einen ungewöhnlichen Beitrag: ein Briefwechsel, der die Zeitspanne von Frühjahr bis Herbst 2023 umspannt und dann als Buch veröffentlicht wurde. Die Autoren bedienen sich damit zweier Medien, die im Zeitalter von Tiktok und Instagram wie aus der Zeit gefallen wirken. Ihr Beitrag ist aber vor allem deshalb lesenswert, weil die beiden Protagonisten ernsthaft argumentieren und nahezu mustergültig vorexerzieren, wie man beim Versuch, aufeinander einzugehen, voneinander lernen kann – und wo dieser Lernprozess dann eben doch auf Grenzen stößt und sich dann gelegentlich die Argumente im Kreise drehen.

Wer trägt die Verantwortung im Krieg?

Beide Autoren rechnen sich selbst dem linksliberalen Lager zu – aber Haller betont das Recht der Ukraine, sich und ihre Freiheit gegenüber dem russischen Aggressor zu verteidigen, während der Gegenspieler Waldrich zusammen mit Sahra Wagenknecht und Alice Schwarzer im Februar 2023, also ein Jahr nach dem Angriff Putins, bei der Großdemo „Aufstand für Frieden“ in Berlin auf dem Podium stand. Gemeinsam mit ihnen und zuletzt mit dem SPD-Fraktionsvorsitzenden Rolf Mützenich möchte er so schnell wie möglich den Krieg „einfrieren“. Dabei übersehen er und seine Gesinnungsgenossen freilich, dass Wladimir Putin gar nicht verhandlungsbereit ist – und auch Zweifel mehr als angebracht sind, ob er sich an einen Friedensvertrag halten würde. Russland hätte ja niemals neuerlich in die Ukraine einmarschieren dürfen, wenn es sich an bestehende Verträge, zum Beispiel das Minsker Abkommen, gebunden fühlte.

Die Ausgangspositionen sind mithin bekannt – aber was beide Seiten, obschon sie nicht im engeren Sinn Militärexperten oder Russland- bzw. Ukraine-Kenner sind, auf insgesamt 280 Seiten an Argumenten und Fakten zusammengetragen haben, ist dann doch beeindruckend. Es trägt dazu bei, die Fragen von „Schuld, Verantwortung und Solidarität“ – so der sperrige Titel, der nicht eben zur Lektüre einlädt – im Ukrainekrieg (der eigentlich „Krieg in der Ukraine“ oder, präziser, „Russlands Krieg gegen die Ukraine“ heißen müsste) differenzierter zu sehen.

So argumentiert Waldrich, dass der Konflikt „außer der widerrechtlichen Aggression Russlands“ noch eine „ganze weitere Reihe von Ursachen“ habe, die „in kriegerischer Form einer Lösung zugeführt werden sollen“. Kriege seien oft „Ersatzhandlungen“, nachdem der „Aufbau einer klugen, diplomatisch gesteuerten Friedensarchitektur im Vorlauf verfehlt wurde“. Auch dieser Krieg, meint Waldrich, könne als „Symptom für eine tieferliegende Dysfunktion“ angesehen werden, nämlich als „Symptom für eine schlechte Außenpolitik der maßgeblichen Mächte, denen es nicht gelang, eine stabile Friedensordnung aufzurichten“. Womöglich lachen sich Putin, Medwedjew und Lawrow allerdings ins Fäustchen, wenn sie von solcher Schuldumverteilung hören, die sich in den Fußstapfen der russischen Propaganda bewegt. Die Formel „Frieden statt Waffen“ kann eben nur funktionieren, wenn beide Konfliktparteien auf den Einsatz von Kriegsgerät verzichten.

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