Digital In Arbeit

MEHR ALS NUR EIN SAISON-BEGINN

1945 1960 1980 2000 2020

TROTZ NEGATIVER STIMMUNGEN IN DER BUCHBRANCHE WERDEN IN ÖSTERREICH VERLAGE GEGRÜNDET.

1945 1960 1980 2000 2020

TROTZ NEGATIVER STIMMUNGEN IN DER BUCHBRANCHE WERDEN IN ÖSTERREICH VERLAGE GEGRÜNDET.

Jedes Jahr im Herbst wird eine neue Literatur-Saison eingeläutet, und sie beginnt mit Lesungen und Buchpräsentationen. Die Österreichische Gesellschaft für Literatur etwa widmete ihre ersten drei Leseabende den Neuerscheinungen dreier österreichischer Verlage: zwei davon, der Verlag "Wortreich" und "Kremayr & Scheriau" mit seiner eben gestarteten Literaturreihe, sind ganz neu, der dritte, "Septime", existiert seit wenigen Jahren und hat sich bereits einigermaßen etablieren können.

Ungeachtet zahlloser Diskussionen um Digitalisierung, sinkende Buchabsätze oder Urheberrechtsprobleme, gar nicht zu reden von wenig rosigen finanziellen Aussichten, finden sich also nach wie vor Menschen, die in Österreich Verlage gründen. Trotz der im Einzelnen unterschiedlichen Schwerpunktsetzungen fallen schon auf den ersten Blick gemeinsame Nenner auf: Im Großen und Ganzen konzentrieren sich die beiden neuen, aber auch der etwas ältere Septime Verlag, auf Prosa, und alle drei produzieren aufwändig gemachte Bücher, manchmal gar mit Lesebändchen, stets aber mit Hardcover und professionell gestaltetem Schutzumschlag. Zu einem gewichtigen Teil werden in ihnen zudem österreichische Texte veröffentlicht, und da wiederum speziell Debüts junger Schreibender.

Schön gestaltete Bücher

Einer dieser Verlage, Wortreich, wurde zu Jahresbeginn von Karoline Cvancara gegründet. Die aus der Jazzszene kommende Verlagsleiterin, die selbst schreibt und - was ungewöhnlich ist - in ihrem Verlag auch eigene Bücher verlegt, betreut ein kleines Programm schön gestalteter Bücher von etablierten ebenso wie von unbekannten Autoren. Vom neuen Roman von Patricia Brooks, "Die Grammatik der Zeit", bis hin zum ersten Roman der auch durch ihre Hörspiele bekannten Niederösterreicherin Magda Woitzuck, "Über allem war Licht", finden sich im Verlag einige bemerkenswerte Bücher.

Mit "Zuerst der Tee" von Gábor Fonyád ist im Herbst ein weiterer Debütroman bei Wortreich erschienen. Mit hintergründigem Humor spinnt der aus Wien stammende Autor eine liebevoll leichte Geschichte um seine drei Hauptfiguren, die aus unterschiedlichen Gründen in einem verschlafenen englischen Dorf stranden. Der Roman ist aber daneben auch eine kenntnisreiche Hommage an Henry James, eine Satire auf den universitären Wissenschaftsbetrieb, ein Entwicklungsroman auf mehreren Ebenen und ein Spiel mit dem alten Gegensatzpaar homo faber versus homo ludens.

Romane wie "Zuerst der Tee" und das neue Buch des Bachmannpreis-Gewinners Peter Wawerzinek ("Ich - Dylan - Ich") belegen, dass Cvancara, wie sie betont, mit ihrem Verlagsprogramm ausdrücklich auf den gesamten deutschsprachigen Markt für belletristische Literatur abzielt - nicht nur in Bezug auf die Buchgestaltung, sondern auch, was Autorinnen-und Autorenauswahl, Themen und Schreibweisen anbelangt.

Diese Ansage an die, wirtschaftlich gesehen, traditionell übermächtige Konkurrenz aus dem Norden ist ein selbstbewusstes Signal, das zudem durchaus auch für die beiden anderen Verlage, Septime und Kremayr und Scheriau, gelten könnte. Und so stellt sich die Frage, ob sich aus dieser Beobachtung am Saisonbeginn ein angesichts negativer Stimmungen in der Buchbranche überraschender Trend ableiten lässt. Bislang galten ja unabhängige österreichische Kleinverlage tendenziell nicht gerade als klassische Belletristikproduzenten, sondern waren oft sehr gut im Finden kleinerer und größerer Nischen, von spielerischem Experiment oder dem Fortschreiben einer spezifisch österreichischen Tradition literarischer Sprachkritik bis hin zu inhaltlicher und gestalterischer Buchkunst.

Das wirtschaftliche Risiko, das hinter einem Verlag für Belletristik -wie auch immer man das oft gemiedene, weil mit "Unterhaltungsliteratur" assoziierte Wort für sich definiert - steckt, ist nicht unbedingt geringer, da die Produktionskosten angesichts der oft teuren Buchausstattung zunächst vorfinanziert werden müssen: So muss zum Erreichen der nach wie vor für die meisten österreichischen Literaturverlage lebenswichtigen Verlagsförderung drei Jahre lang ein ambitioniertes, den Fördervorgaben entsprechendes Programm nachgewiesen werden - zu den Kriterien gehört unter anderem eine Produktion von zumindest fünf Büchern pro Jahr sowie professionelle Verlagsarbeit und Vertriebspraxis. In den ersten Jahren eines Verlags sind daher keine Förderungen zu erwarten, die allein vorzufinanzierenden Kosten von Büchern, die vom Lektorats-und Gestaltungsaufwand her mit den Produkten der Großverlage konkurrieren wollen, aber dementsprechend hoch. Die ersten drei Jahre gut überstanden hat der Septime Verlag. Bei ihm kam ein weiterer Kostenfaktor hinzu, vor dem viele österreichische Verlage zurückschrecken: Hier erscheinen auch Übersetzungen, und einige davon, etwa die Romane von Ryū Murakami oder die James Tiptree Jr.-Werkausgabe, sind mittlerweile auf dem deutschen Buchmarkt erfolgreich. Auch der Verlagsleiter von Septime, Jürgen Schütz, kommt nicht aus dem Literaturbetrieb; sein ursprünglicher Arbeitgeber ist die Autobranche. Und wie im Verlag Wortreich konzentriert man sich auch bei Septime schwerpunktmäßig auf Prosa, aufwändiges Buchdesign und literarische Debüts.

Ambitioniertes literarisches Programm

Kremayr &Scheriau, nun mit seiner Literaturreihe startend, tanzt ein wenig aus der Reihe, ist doch das Haus seit langem als Sachbuchverlag eine fixe Größe in der österreichischen Verlagslandschaft, was zahlreiche Vorteile mit sich bringt, von der Produktion bis zum Vertrieb. Im von der Literatur-Programmleiterin Tanja Raich zusammengestellten, sehr ambitionierten literarischen Programm finden sich vier aufwändig gestaltete Hardcover-Bände österreichischer Autorinnen und Autoren. Medial ist derzeit das hochaktuelle Buch Daniel Zipfels "Eine Handvoll Rosinen" besonders präsent, das von einem Fremdenpolizisten in Traiskirchen handelt. Neben Marianne Jungmaiers "Das Tortenprotokoll" (siehe Seite 10) und Irmgard Fuchs' "Wir zerschneiden die Schwerkraft" ist es aber vor allem "183 Tage" von Ianina Ilitcheva, das die inhaltliche und gestalterische Spannweite des neuen Verlags eindrucksvoll zeigt: Diese Dokumentation eines halbjährigen Selbstversuchs, in dessen Verlauf nahezu alle sozialen Verbindungen zur Außenwelt gekappt werden, um die Ursprünge der eigenen Kreativität zu hinterfragen, erfolgt nicht nur mittels literarischer Texte, sondern auch durch handschriftliche Notizen, Zeichnungen, Selfies und vieles mehr. Das Buch sammelt all diese Quellen, stellt sie aus und wird so zum Katalog eines Lebens-Halbjahrs.

Es ist einiges los in diesem Jahr in Österreichs Verlagen -es wird sich zeigen, ob man dies als Indiz für eine mögliche Gegenbewegung zu vielerlei Sorgen im Literaturbetrieb bewerten kann. Spannend bleibt es.

Zuerst der Tee

Roman von Gábor Fonyád Wortreich 2015

200 S., geb., € 19,90

Liebe ist der Plan

Sämtliche Erzählungen, Band 2. Von James Tiptree Jr. Aus dem Amerik. von F. Böhmert, L. Scheifinger, E. Bittner, A. Stumpf, S. N. D. Wohl, E. Bauche-Eppers, S. Gmeiner, M. J. Warnken. Septime 2015.

528 S., geb., € 24,90

183 Tage

Von Ianina Ilitcheva Kremayr & Scheriau 2015.

256 S., geb., € 29,90

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau