Mehr Freude mit Kopf und Bauch

Irgendwann ist der Kopf schwer geworden. Überfüttert mit Bildern, Wortmüll aus theoretischem und technokratischem Gestammel. Unsere Sprache ist im Eimer.

Unser Hirn dreht durch, rotiert, kommt nicht zur Ruhe. Das Köpfchen wird abgelegt, hinter dem Bauch, der sich in beängstigendem Schnellwuchs befindet. Was stopfen wir nicht alles in ihn hinein: verseuchte Wohlstands-Kadaver, hilflos vorgetäuschte Gefühle, verbrecherische Machtstrategien, jede Menge Selbstbeweihräucherung -vermengt zu unverdaulichen Klumpen, die unseren Organismus zum Erliegen bringen. Übergroß ist er jetzt, der Bauch. Eine Bombe, die jederzeit explodieren kann. Ein mächtiges, alle und alles bedrohendes Ungetüm, das unser Köpfchen zu erdrücken droht. Die Fläche unseres ganzen Landes nimmt er bereits ein. Dumpf ist seine Regentschaft und berechenbar.

"Ich lieg und besitz, lass mich schlafen", grunzt der in einen Wurm verwandelte, geraubtes Gold hortende Riese in Wagners "Siegfried". Auch unser Bauch grunzt so ähnlich. Sein Rülpsen wird zur Landessprache erhoben. Seine Blähungen als Geistesblitze gefeiert. Seine Schwerfälligkeit senkt sich auf das müde, dahinsiechende Land. Das verzweifelte Aufbegehren eines Teils der geprellten Bevölkerung wird schon im Keim von neuen Ausbeutern genutzt und vermarktet. Rettung ist nur durch die Wiederbelebung des Köpfchens möglich. Seine Erstarrung hat beängstigende Ausmaße angenommen. Seine Entschlackung kostet beträchtliche Mühe. Wir müssen den Kreislauf neu beleben, die Einheit von Kopf und Bauch wieder herstellen. Nur ihr gemeinsames Wirken ermöglicht, was wir so dringend brauchen: Entscheidungen und Handlungen, mit Vernunft und Gefühl gleichermaßen getroffen. Ein Ende unseres Stillstands und Fortschritt im wahrsten Sinn des Wortes wären die Folge. Vor allem aber mehr Freude am Leben.

Der Autor ist Kulturmoderator beim Privatsender ATV

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