Mehr Intelligenz in das Stromsystem

Der Bedarf an Energie steigt, besonders jener nach ökologisch produzierter. VERBUND investiert, wie Vorstand Wolfgang Anzengruber bestätigt.

Ökologische Stromproduktion, Sicherheit in der Stromversorgung, bessere Nutzung des Stroms - das diktiert die Agenda von VERBUND-Generaldirektor Wolfgang Anzengruber.

Die Furche: Wie sicher ist die Energieversorgung - mit oder ohne Kernenergie? Wie ökologisch, wie nachhaltig ist die Produktion?

Wolfgang Anzengruber: Energiesicherheit und Stromsicherheit sind zwei Paar Schuhe. Bei Strom, da ist VERBUND zuständig, liegen wir aus österreichischer Sicht gut. Knapp über 60 Prozent kommen aus der Wasserkraft, aus eigenen Ressourcen. Circa sechs Prozent kommen aus anderen erneuerbaren Energien, Wind, Fotovoltaik. Es bleiben etwas mehr als 30 Prozent an Strom aus thermischen Kraftwerken, also aus Gas und Kohle. Öl spielt keine Rolle. Insgesamt ist die Versorgungssicherheit gut, trotz der Schwankungen: Im Winter besteht ein hoher Strombedarf bei geringer Wasserführung in den Flüssen, es gibt saisonale Schwankungen ...

Die Furche: ... die wie ausgeglichen werden können?

Anzengruber: Durch Handel. Wegen des saisonalen Ausgleichs ist die Anbindung an andere Strommärkte so wichtig.

Die Furche: Dort wird ja mit sogenanntem Atomstrom gehandelt?

Anzengruber: Der europäische Strommarkt ist ein Gesamtmarkt. An diesem, bezeichnen wir das als großen See, hängen 450 Millionen Endkunden, die Wasser entnehmen. Die Produzenten füllen ein. Im physikalischen Stromnetz weiß keiner, aus welcher Quelle schließlich sein Schluck Wasser kommt, vertraglich schon. Denn die Stromlieferanten müssen angeben, welches Stromprodukt sie anbieten. Wir bieten unseren Endkunden 100 Prozent Strom aus TÜV-zertifizierten Wasserkraftwerken und haben keine Verträge mit irgendeinem Kernkraftwerk. Abgesehen davon wird die Welt aus der Nukleartechnologie aussteigen müssen - es ist der falsche Weg. Wir beherrschen sie nicht, es gibt keine Lösung für die Endlagerung. Auf die Behälter müssen wir 24.000 Jahre aufpassen.

Die Furche: Apropos Märkte: Wie steht es um Energieautarkie?

Anzengruber: Eine Politik der Autarkie hat noch niemals etwas gebracht. Sollen wir uns abschneiden vom grenzüberschreitenden Austausch? Obwohl alle ihn brauchen! Wozu haben wir die EU? Netto betrachtet importieren wir Strom. Zudem: An Europas Küsten herrscht Wind, die Sonne scheint im Süden, das Wasser fließt in den Bergen. Also soll man jeden Euro dort investieren, wo er den größten Wirkungsgrad hat. Wegen der wetterabhängigen Windparks in Deutschland benötigt deren Stromversorgung den Ausgleich aus Pumpspeicherkraftwerken. Der kommt von uns. Die zunehmende Erzeugung aus erneuerbarer Energie bringt eben starke Schwankungen ins Netz.Wir müssen daher alle in Europa kooperieren. Niemand ist beigetreten, um autark zu werden. Das ist ein skurriler Zugang zur Materie. Es braucht weitere Anläufe zu internationaler Kooperation, selbst wenn Energie ein Gegenstand nationaler Politik bleibt, worauf ja auch Österreich gedrängt hat.

Die Furche: Kooperation und Sicherheit benötigen Leitungsnetze, die aber noch Lücken aufweisen.

Anzengruber: In Österreichs 380-kV-Ringleitung, unserem Rückgrat der Stromversorgung, fehlt das Stück von Salzburg Stadt nach Kaprun. Wir suchen eine optimale Trasse. Die Raumordnung hat vieles an Hausbau zugelassen, weswegen für Schienen, Straßen und Leitungen Platz fehlt. Außerdem wird geprüft, ob diese Leitung nach dem Starkstromwegegesetz des Bundes oder nach dem Salzburger Landeselektrizitätsgesetz zu beantragen ist. Wird falsch eingereicht, wird Einspruch erhoben.

Die Furche: Ein Hoffnungsgebiet der Energiepolitik, auch der Energiestrategie Österreichs, sind intelligente Netze und Geräte. Zu Recht?

Anzengruber: Wir müssen Energie effizienter nutzen. Das Potenzial der Smart Grids und des Smart Metering ist groß. Eben dadurch, Energie nicht ständig, sondern bei Bedarf zur Verfügung zu stellen. Das gilt auch für die Elektromobilität, die kommen wird: Wir müssen Bedarf und Erzeugung besser aufeinander abstimmen. Ebenso in den Haushalten mit ihrer heute sehr hohen Ausstattung an Geräten, die Strom benötigen, aber nicht immer. Wir brauchen Leitungen, die nicht nur Strom liefern, sondern den Bedarf zurückmelden. Wer trägt die Investitionskosten für neue Leitungen, für neue Zähler? Wer schützt die Daten der Verbraucher? Das sind schwierige Fragen der Investition, heikle der Datensicherheit und des Datenschutzes. Im Herbst wird sich vielleicht einiges entscheiden. Wir wollen die Stromversorgung jedenfalls intelligenter machen.

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