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Feuilleton

"Mein Gefühl hat immer Recht"

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

Theater gegen Gewalt

Das Österreichische Zentrum für Kriminalprävention in Graz bietet verschiedene theaterpädagogische Präventionsprogramme für Schulen an. Nähere Infos unter www.aktiv4u.at.

Durch unser Programm erleben Kinder oft zum ersten Mal, dass sie nicht allein von Missbrauch betroffen sind und dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören und helfen können. (Günther Ebenschweiger)

Das Mädchen ist ganz aufgeregt: Beim Chatten hat es gerade einen Buben kennengelernt, Urs heißt er -und er hat einen kleinen Hund! Wenn sie will, kann sie ihn sehen, vielleicht morgen schon, im Park. Sie schleicht sich also von zu Hause weg, was für ein Abenteuer! Doch im Park ist niemand, weit und breit kein Urs und schon gar kein süßer Hund. Schon will die Kleine nach Hause gehen, als plötzlich ein Mann aus den Büschen tritt

Die Szene ist eine der beklemmendsten aus dem Präventionsprogramm "Mein Körper gehört mir!" Vertrauen ist gut, soll sie Kindern bewusst machen, aber noch besser ist es, sich in zweifelhaften Situationen lieber drei Fragen zu stellen: Habe ich ein Ja-oder ein Nein-Gefühl? Weiß jemand, wo ich bin? Und: Bekomme ich Hilfe, wenn ich sie brauche? Schuld ist das Mädchen in dieser Szene trotzdem nicht, betonen die beiden Darsteller, nachdem sie ihre Kostüme vor der versammelten Klasse abgelegt haben: Schuld ist immer nur und einzig der Erwachsene.

Österreichweit knapp 190.000 Volksschulkinder der dritten und vierten Klassen haben diese und andere Szenen bereits gesehen. Sie haben miterlebt, wie schon beim Kämmen von Haaren Ja-oder Nein-Gefühle entstehen können; sie haben erfahren, dass es "gute" und "schlechte" Geheimnisse gibt; sie haben realisiert, wie schwierig, aber rettend ein lautes "Nein" sein kann, wenn einem jemand im Schulbus zu nahe kommt; und sie haben gelernt, was "Exhibitionist" bedeutet. Neben all dem haben sie vor allem aber auch eines gesehen: Dass nicht nur fremde, sondern auch vertraute oder gar geliebte Menschen Kindern weh tun können -der Onkel, der große Bruder, ja sogar die eigene Mutter. Gerade hier, innerhalb der Familie, lastet das Tabu sexueller Gewalt schließlich besonders schwer.

Das Schweigen brechen, Kinder vor Missbrauch schützen -und jenen, die bereits Opfer geworden sind, Mut machen, jemandem davon zu erzählen: Das sind die Ziele von "Mein Körper gehört mir!", erklärt Günther Ebenschweiger vom Österreichischen Zentrum für Kriminalprävention in Graz. Der mittlerweile pensionierte Polizist hat das Missbrauchs-Präventionsprogramm, das von den Osnabrücker Theaterpädagogen Anna Pallas und Reinhard Gesse entwickelt wurde, 2001 nach Österreich geholt. Bis heute wurde es in 2900 Schulen gezeigt, aktuell sind bundesweit 50 Theaterpädagoginnen und -pädagogen im Einsatz. Schon vorab bekommen die Lehrkräfte und Eltern der Kinder die Szenen en suite an einem Informationsabend zu sehen. Den Schülerinnen und Schülern selbst wird das Programm dann in drei Teilen vorgeführt -mit je einer Woche Pause zur Nachbesprechung.

"Sexting" und "Grooming" als neue Probleme

Um Interaktion zu ermöglichen, werden die Szenen zudem immer nur vor einer einzigen Klasse präsentiert. "Nur so kann man auf konkrete Fragen eingehen", weiß Ebenschweiger, "bei zwei Klassen traut sich schon wieder niemand fragen". Dass die einzelnen Szenen stets inhaltlich und sprachlich angepasst werden, verstehe sich von selbst. "Das betrifft etwa auch die Parkszene", erklärt der Ex-Polizist. Von sich aus gingen heute schließlich nur noch wenige Kinder dorthin, doch die Themen "Sexting" und "Grooming" (also das Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen durch Erwachsene) seien leider hochaktuell.

1500 Euro kostet einer Schule dieses Programm. Auf Förderungen irgendwelcher Ministerien warte man bis heute freilich vergebens, heißt es im Zentrum für Kriminalprävention. Ohne die finanzielle Mithilfe der Elternvereine oder von Sponsoren wie dem Lions Club wäre diese nachhaltige Form der Sensibilisierung nicht möglich. Dabei ist das Problem enorm: Laut dem Kinderschutzzentrum MÖWE sitzen etwa in jeder Klasse ein bis zwei Kinder, die schon einmal sexuellen Missbrauch erfahren mussten. "Durch unser Programm erleben sie oft zum ersten Mal, dass sie nicht allein betroffen sind und dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören und helfen können", erklärt Günther Ebenschweiger. "Mein Gefühl, das ist echt, mein Gefühl hat immer Recht", heißt es in jenem Lied, das die Theaterpädagogen gemeinsam mit den Kindern singen. Und der Refrain lautet: "Mein Körper, der gehört mir allein! Du bestimmst über dein' und ich über mein'."

Theater gegen Gewalt

Das Österreichische Zentrum für Kriminalprävention in Graz bietet verschiedene theaterpädagogische Präventionsprogramme für Schulen an. Nähere Infos unter www.aktiv4u.at.

Durch unser Programm erleben Kinder oft zum ersten Mal, dass sie nicht allein von Missbrauch betroffen sind und dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören und helfen können. (Günther Ebenschweiger)

Das Mädchen ist ganz aufgeregt: Beim Chatten hat es gerade einen Buben kennengelernt, Urs heißt er -und er hat einen kleinen Hund! Wenn sie will, kann sie ihn sehen, vielleicht morgen schon, im Park. Sie schleicht sich also von zu Hause weg, was für ein Abenteuer! Doch im Park ist niemand, weit und breit kein Urs und schon gar kein süßer Hund. Schon will die Kleine nach Hause gehen, als plötzlich ein Mann aus den Büschen tritt

Die Szene ist eine der beklemmendsten aus dem Präventionsprogramm "Mein Körper gehört mir!" Vertrauen ist gut, soll sie Kindern bewusst machen, aber noch besser ist es, sich in zweifelhaften Situationen lieber drei Fragen zu stellen: Habe ich ein Ja-oder ein Nein-Gefühl? Weiß jemand, wo ich bin? Und: Bekomme ich Hilfe, wenn ich sie brauche? Schuld ist das Mädchen in dieser Szene trotzdem nicht, betonen die beiden Darsteller, nachdem sie ihre Kostüme vor der versammelten Klasse abgelegt haben: Schuld ist immer nur und einzig der Erwachsene.

Österreichweit knapp 190.000 Volksschulkinder der dritten und vierten Klassen haben diese und andere Szenen bereits gesehen. Sie haben miterlebt, wie schon beim Kämmen von Haaren Ja-oder Nein-Gefühle entstehen können; sie haben erfahren, dass es "gute" und "schlechte" Geheimnisse gibt; sie haben realisiert, wie schwierig, aber rettend ein lautes "Nein" sein kann, wenn einem jemand im Schulbus zu nahe kommt; und sie haben gelernt, was "Exhibitionist" bedeutet. Neben all dem haben sie vor allem aber auch eines gesehen: Dass nicht nur fremde, sondern auch vertraute oder gar geliebte Menschen Kindern weh tun können -der Onkel, der große Bruder, ja sogar die eigene Mutter. Gerade hier, innerhalb der Familie, lastet das Tabu sexueller Gewalt schließlich besonders schwer.

Das Schweigen brechen, Kinder vor Missbrauch schützen -und jenen, die bereits Opfer geworden sind, Mut machen, jemandem davon zu erzählen: Das sind die Ziele von "Mein Körper gehört mir!", erklärt Günther Ebenschweiger vom Österreichischen Zentrum für Kriminalprävention in Graz. Der mittlerweile pensionierte Polizist hat das Missbrauchs-Präventionsprogramm, das von den Osnabrücker Theaterpädagogen Anna Pallas und Reinhard Gesse entwickelt wurde, 2001 nach Österreich geholt. Bis heute wurde es in 2900 Schulen gezeigt, aktuell sind bundesweit 50 Theaterpädagoginnen und -pädagogen im Einsatz. Schon vorab bekommen die Lehrkräfte und Eltern der Kinder die Szenen en suite an einem Informationsabend zu sehen. Den Schülerinnen und Schülern selbst wird das Programm dann in drei Teilen vorgeführt -mit je einer Woche Pause zur Nachbesprechung.

"Sexting" und "Grooming" als neue Probleme

Um Interaktion zu ermöglichen, werden die Szenen zudem immer nur vor einer einzigen Klasse präsentiert. "Nur so kann man auf konkrete Fragen eingehen", weiß Ebenschweiger, "bei zwei Klassen traut sich schon wieder niemand fragen". Dass die einzelnen Szenen stets inhaltlich und sprachlich angepasst werden, verstehe sich von selbst. "Das betrifft etwa auch die Parkszene", erklärt der Ex-Polizist. Von sich aus gingen heute schließlich nur noch wenige Kinder dorthin, doch die Themen "Sexting" und "Grooming" (also das Anbahnen sexueller Kontakte mit Minderjährigen durch Erwachsene) seien leider hochaktuell.

1500 Euro kostet einer Schule dieses Programm. Auf Förderungen irgendwelcher Ministerien warte man bis heute freilich vergebens, heißt es im Zentrum für Kriminalprävention. Ohne die finanzielle Mithilfe der Elternvereine oder von Sponsoren wie dem Lions Club wäre diese nachhaltige Form der Sensibilisierung nicht möglich. Dabei ist das Problem enorm: Laut dem Kinderschutzzentrum MÖWE sitzen etwa in jeder Klasse ein bis zwei Kinder, die schon einmal sexuellen Missbrauch erfahren mussten. "Durch unser Programm erleben sie oft zum ersten Mal, dass sie nicht allein betroffen sind und dass es Menschen gibt, die ihnen zuhören und helfen können", erklärt Günther Ebenschweiger. "Mein Gefühl, das ist echt, mein Gefühl hat immer Recht", heißt es in jenem Lied, das die Theaterpädagogen gemeinsam mit den Kindern singen. Und der Refrain lautet: "Mein Körper, der gehört mir allein! Du bestimmst über dein' und ich über mein'."