„Mein letztes Ziel ist und bleibt Wien“

Das Österreichische Theatermuseum widmet sich in einer informativen, klar gegliederten Schau dem Thema „Gustav Mahler und Wien“. Mit Notenmaterial, Programmzetteln, Porträts, Skizzen und Kostümen wird man durch Mahlers Leben und Schaffen gelotst.

Seine Zeit werde erst kommen, zeigte sich Gustav Mahler stets überzeugt. Er sollte recht behalten. Auch wenn es bis in die 1960er-Jahre dauern sollte, bis man seine Bedeutung erkannte. Heute sind Mahler und sein Œuvre zur Selbstverständlichkeit im klassischen Musikbetrieb geworden. So selbstverständlich, dass es sich eine Mahler-Stadt wie Wien leisten kann, in diesen beiden Mahler-Jahren – heuer wird Mahlers 150. Geburtstag gefeiert, im kommenden Jahr seines 100. Todestages gedacht – auf einen Mahler-Symphonienzyklus wie ihn das Concertgebouw Orchester in Amsterdam bietet oder das Leipziger Mahler-Fest mit verschiedenen Orchestern für kommendes Jahr avisiert, zu verzichten. Immerhin führt Bertrand de Billy zu Ende seiner Tätigkeit als Chefdirigent des RSO Wien Mahlers Achte auf. Und die Wiener Philharmoniker unter Daniele Gatti eröffnen mit Mahlers Fünfter das Musikfest der diesjährigen Wiener Festwochen.

Mahler-Experten unterstützen Kuratoren

Wiens größte Mahler-Hommage findet im Museum statt. Konkret im Österreichischen Theatermuseum. „leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener“ lautet, frei nach Mahler, der Untertitel dieser vom Direktor des Hauses, Thomas Trabitsch, im Zusammenwirken mit dem Vizepräsidenten der Internationalen Gustav Mahler Gesellschaft, Reinhold Kubik, kuratierten Schau. Man wollte keine der üblichen Musiker-Ausstellungen mit einer Vielzahl von Noten und Büsten. Auch keine Exposition, bei der die Quantität der Exponate die Qualität der Aussage verdrängt, wie man es von so manchem Musikergedenkjahr in zwiespältiger Erinnerung hat.

Die von einer Reihe ausgewiesener Mahler-Experten unterstützten Kuratoren, die bei den Leihgaben mit zahlreichen prominenten in- und ausländischen Institutionen erfolgreich kooperierten, sind beiden Vorgaben gerecht geworden. Nicht zuletzt, weil sie sich für eine klare Ausstellungsdramaturgie entschieden: eine Art „Symphonie in drei Sätzen“. Der erste umfasst Mahlers Wiener Studienjahre, die ihn bereits mit 15 Jahren in die Reichshauptstadt führten. Der zweite seine Zeit als Hofoperndirektor. Der dritte seine letzten Jahre, in denen er zwischen Amerika und Europa pendelte und Wien der Ort wurde, zu dem er immer wieder zurückkehrte.

Ausgedrückt wird diese Dreiheit durch entsprechende Musikbeispiele: die Jugendjahre durch das „Klagende Lied“, die Wiener Direktionsjahre durch die fünfte, das Lebensfinale durch die neunte Symphonie. Sie alle kann man, unterstützt durch einen über engagiertes Bemühen nicht hinaus kommenden Visualisierungsversuch (Claudia Rohrmoser), auch hören. Überraschenderweise ausschließlich in Aufnahmen ausländischer Orchester.

Gegliedert ist die Schau, zu der man von Rodins berühmter Mahler-Büste im Treppenhaus des Museums begrüßt wird, in zwölf, auf ebenso viele Räume aufgeteilte Kapitel. Sie reichen von „Jugend in Wien“ über „Frühe Wanderjahre“, „Die Eroberung der Hofoper“, „Das Reformwerk“ bis zu „Tod und Nachleben“ und „Das Erbe“. Mittels Videomontagen, Bildern, sorgfältig ausgewählten Notenmaterials, Programmzetteln, Porträts, Fotografien, Zeichnungen, Aquarellen, Dekorationsentwürfen, Skizzen, Kostümen wird man durch Mahlers Leben und Schaffen ebenso selbstverständlich gelotst wie zu seinen Freunden, Gönnern und Mitarbeitern geführt. Damit werden auch die Leistungen von Mahlers bevorzugtem Bühnenbildner Alfred Roller, der mit seinen Türmen die Theaterarchitektur bis heute beeinflusst und dessen Nachlass das Österreichische Theatermuseum beherbergt, deutlich.

Umfangreicher Begleitkatalog

Ebenso gezielt informiert „Gustav Mahler und Wien“, wozu ein umfangreicher Begleitkatalog erschienen ist, über Mahlers Wiener Wohnungen und bevorzugte Lokalitäten, sein Privatleben, die Wiener Gesellschaft, seine Regieambitionen, Gastspiele, sein Verhältnis zur 2. Wiener Schule oder sein von der Öffentlichkeit mitverfolgtes Sterben. Interviews führender Mahler-Dirigenten schließen den Ausstellungsbogen.

„leider bleibe ich ein eingefleischter Wiener“

Gustav Mahler in Wien Österreichisches Theatermuseum, Lobkowitzplatz 2, 1010 Wien

bis 3. Oktober 2010, Di–So 10–18 Uhr

Katalog: 400 S.; Chr. Brandstätter Verl., E 29,90

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