Menschen und Gipfel geliebt

26. September: 20. Todestag des Schriftstellers und Weltreisenden Herbert Tichy.

Manchmal hatte ich das große Glück der Wunschlosigkeit gespürt, jene große Stille, die jede Musik und alle Schönheit der Erde erschließt." So huldigte Herbert Tichy dem Himalaja, jener Landschaft, die er so vollkommen wie ein Gebet empfunden hatte. Mit Pasang Dawa Lama, Sepp Jöchler und Helmut Heuberger hatte er 1954 den Achttausender Cho Oyu zum ersten Mal bestiegen. Seine demütige Dankbarkeit steht in scharfem Kontrast zu dem Lärm, der in den letzten Jahren als Folge der kommerziellen Erschließung der Himalaja-Gipfel aufkam.

Tichy, 1912 geboren, drängte sich niemals ins Scheinwerferlicht. Seine Touren waren höchst spektakulär, aber es genügte ihm, darüber ganz ruhig zu berichten. Schon in den 1930er Jahren reiste er nach Asien, war mit dem Motorrad, mit dem Schiff und vor allem viel zu Fuß unterwegs. Er liebte den Himalaja, denn dort fühlte er sich dem Himmel ein wenig näher. Er hielt sich viele Jahre in dieser Region auf und sie prägte ihn mehr als alle seine anderen Aufenthalte und Reisen. Den Zweiten Weltkrieg verbrachte er in China, später lebte er in Indien und in Nepal, das ihm besonders ans Herz gewachsen war. Er durchwanderte dieses Land, bevor der Tourismus davon Notiz nahm, und schrieb eines seiner schönsten Bücher über Das Land der namenlosen Berge.

Auf seiner letzten Asienreise 1987 bewohnte er wie so oft ein Gästezimmer bei Freunden in Bhaktapur, der Welterbestadt im Königstal von Kathmandu. Der gute Geist dieses vorbildlich renovierten Pilgerhauses war die Haushälterin Shanti, die "Friedliche" bzw. die "Reine", von der er in seinem letzten Buch, Was ich von Asien gelernt habe, schwärmte, dass sie das Auge erfreue. Ihr Lächeln war außerirdisch und der Autor dieser Zeilen, der ebenfalls in diesem Haus einige Zeit wohnen durfte, erinnert sich insofern an sie, weil sie gerne seine Schokomüsliriegel verschwinden ließ. Wie konnte ich den Fehler begehen, sie in der Schublade aufzubewahren? Ich hätte wissen müssen, dass man allem widerstehen kann, nur nicht der Versuchung!

Normal Besonderes schildern

Die Begegnung mit den Menschen in ihrem Alltag, mit Unberührbaren und höchsten Würdenträgern, mit Bettelmönchen oder mit den Frauen und Kindern in den Dörfern vermochte Tichy so zu schildern, dass sie das Publikum hierzulande ebenso faszinierten wie die Bergwelt, in der sie ihr karges Leben führten. Von den Sherpas, den Gurungs, den Rais und all den anderen Volksgruppen, von deren Existenz hier kaum jemand wusste, schrieb Tichy in einer Weise, als wären sie mit uns verwandt, nur eben in einem doppelt so hohen und ausgedehnten Gebirge wie die Alpen zu Hause.

Ihre Nöte und Sorgen, ihre Genügsamkeit, ihre Vergnügungspraktiken und all ihre wundersamen Eigenheiten, ihren Aberglauben wie ihre Demut rückte er so ins Bild, dass ein unbekannter Pasang, ein Narayan, eine Sonam und eine Birmaya zu Figuren mit Gesicht und Charakter wurden, ihre jeweilige Geschichte über das einzelne Schicksal hinaus Bedeutsamkeit erhielt. Die Normalität dieser Leben mit all ihren Besonderheiten zu schildern, machte sich Tichy zur Aufgabe, und genau das hält der US-amerikanische Ethnologe Clifford Geertz für die eigentliche Aufgabe eines guten Ethnologen.

Kein Denkmal, kein Film …

Tichy sah sich aber nicht als Wissenschafter, obwohl er promovierter Geologe war, sondern als Journalist und Schriftsteller, als Botschafter und Vermittler zwischen den Kulturen. Wer ein Volk kennen lernen will, der muss mit den Männern arbeiten und mit den Frauen schlafen, und außerdem ihr Leben und ihre Armut eine Zeit lang teilen, brachte es Tichy auf seine Formel. Er scheint sich daran gehalten zu haben, denn seine Beobachtungen und Beschreibungen haben bis heute ihre Gültigkeit nicht verloren. Die einfühlsamen Texte zeugen von einem ebenso wissenshungrigen wie bescheidenen Menschen, der nicht ständig damit beschäftigt war, an seinem eigenen Denkmal zu arbeiten und über den es keinen Hollywood-Film gibt.

Erst vor kurzem wurden zwei seiner Bücher neu aufgelegt: Cho Oyu - Gnade der Götter und Zum heiligsten Berg der Welt (siehe Buchtipps). Zuvor hatte man fast 20 Jahre vergeblich im Sortimentsbuchhandel nach seinen Büchern gesucht. 25 hat Tichy geschrieben, darunter auch einige Kinderbücher, und viele wurden zu Bestsellern. Seine Literatur erreichte Menschen, die noch nicht rund um die Uhr von Medien zugedröhnt und zugetextet wurden. Das Leben in den entlegenen Regionen dieser Welt stieß auf Sympathie und Neugier und der Wohlstand hier war noch nicht zu groß, um teilbar zu sein.

Außer der Liebe zu Asien hatte Herbert Tichy nichts mit Heinrich Harrer, dem anderen populären österreichischen Weltreisenden und Schriftsteller, gemein. Wie dieser war er aber auch ein Einzelgänger. Die Bücher der beiden beeinflussten Generationen von Bergbegeisterten, aber Tichy stellte niemals sich selbst in den Vordergrund, sondern immer die Welt um ihn herum, die Leute in ihren Landschaften, mit ihrer Kultur und ihren Gottheiten. "Wenn der Weg zu den heiligen Bergen führt, dann gehe ich nicht mit den Beinen, sondern mit dem Herzen", hatte einmal ein indischer Freund zu ihm gesagt, und Tichy selbst war wohl so etwas wie ein Pilger, ein Suchender, aber bestimmt kein Heiliger.

Kein würdiger Schüler!

Als er sich einen Lehrmeister auserwählen wollte und einen Swami drängte ihn zu unterweisen, antwortete ihm dieser, er wäre kein würdiger Lehrer für ihn, aber er, Tichy, sei ebenso wenig ein würdiger Schüler! Auch wenn er mit den Menschen in ihren armseligen Hütten lebte, wo elektrisches Licht noch ein fernes Märchen war, so blieb er doch Gast in den Himalajakulturen, aber einer, der diese Menschen und ihre Sprache bestens verstand, mit ihnen schweigen, tanzen und trinken konnte, sich unter ihnen wohl fühlte und der sich selbst in diesem bunten Treiben auch mit feiner Ironie und Distanz beobachtete. Obwohl er in der Götterwelt der Hindus und der buddhistischen Spiritualität zu Hause war, blieb er doch zeitlebens evangelischer Christ. Auf dem Gipfel beten alle zu ihrem Gott, auf ihre Weise und in verschiedenen Formen vielleicht, aber sie meinen wohl alle dasselbe.

Tichy bestieg mit dem damals kleinsten Team einen Achttausender, was ihn in die Liga der berühmten Höhenbergsteiger brachte. Aber er hielt sich nicht für einen solchen. Er war vielmehr auf der Suche nach Schönheit, nach fremden Menschen, Ausblicken, nach der Harmonie einer Landschaft, dem glückhaften Gehen, um sich mit der Landschaft und den Naturerscheinungen als etwas Untrennbares zu empfinden. "Ich habe die Gipfel geliebt, wie ich einzelne Menschen liebte, als gleichwertige Teile eines Ganzen." Für ihn hatten die Berge etwas Vollkommenes und Endgültiges, wie eine Symphonie von Beethoven oder ein Satz aus der Bergpredigt. "Wenn man demütig ist und dieses Einmalige offenen Sinnes auf sich wirken lässt, fühlt man den großartigen Hauch des Jenseitigen, das dann keine Schrecken und dunkle Geheimnisse mehr birgt, sondern nur ein strahlendes Glück, das wir im weitesten Sinn Gott nennen dürfen. Der Wunsch nach diesem Erlebnis mag manchen unvorsichtigen Schritt, der das Leben gefährdet, verzeihlich machen."

Er fand Worte fürs Fremde

Was wird von seinem Lebenswerk bleiben? Hilde und Willi Senft widmeten diesem Pionier des sanften Reisens eine ausführliche Biografie: Herbert Tichy - Das abenteuerliche Leben des großen Österreichers (Weishaupt Verlag); und ein kürzlich gegründeter Verein zur Förderung des Andenkens an Herbert Tichy (E-Mail: goetterberge@hotmail.com) hat sich zum Ziel gesetzt, seinen ungeordneten Nachlass aufzuarbeiten und das umfangreiche Bildmaterial der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Seine Publikationen, Dokumente von 50 Jahren Augen- und Ohren-auf-Projekten in der ganzen Welt, verdienen es, wieder aufgelegt zu werden.

Auch jüngere Leser können dann seine außergewöhnlichen Leistungen zu Fuß nachvollziehen und nachlesen, wie man Menschen aus anderen Kulturen begegnet, damit daraus für beide Seiten ein positives Erlebnis entsteht.

Mit Herbert Tichy wird ein Mann in Erinnerung bleiben, der über Moral und Charakter verfügte und gerade so viel Gaukler war, um in dieser herausfordernden Welt mit etwas Wagemut überleben zu können. Für ihn war der einfache Weg zumeist der richtige, das menschliche Maß die Messlatte. Er fand für das Fremde die richtigen Worte, weil er seine Pforten der Wahrnehmung stets weit offen hielt. Mit Gelassenheit, jener kaum noch anzutreffenden Tugend, die bei ihm hoch im Kurs stand, war er stets auf der Suche nach dem großen Ganzen, dem Glückhaften, dem Göttlichen, oder einfach nach der Wahrheit, die so unendlich ist wie eine Landschaft ohne Weg.

Der Autor ist Professor an der Universität Salzburg und leitet Eco Himal, die Gesellschaft für ökologische Zusammenarbeit Alpen-Himalaja: www.ecohimal.org

Buchtipps:

ZUM HEILIGSTEN BERG DER WELT

Auf Landstraßen und Pilgerpfaden

in Afghanistan, Indien und Tibet

Von Herbert Tichy Geleitwort von Sven Hedin

Überarbeitete und aktualisierte

Neuauflage, Edition Sonnenaufgang, Wien 2007, 227 Seiten, geb., € 22,-

AUF DER SUCHE NACH DEM ORT DES EWIGEN GLÜCKS

Kultur, Tourismus und Entwicklung im Himalaya Von Kurt Luger StudienVerlag, Innsbruck 2007 208 Seiten, geb., € 29,90

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