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Feuilleton

Menschenrecht auf einen STILLEN ORT

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist so alt wie die menschheit selbst und ein Gleichmacher wie sonst nur das Grab: das Klosett. aufmerksamkeit hat das Örtchen verdient.

1945 1960 1980 2000 2020

Es ist so alt wie die menschheit selbst und ein Gleichmacher wie sonst nur das Grab: das Klosett. aufmerksamkeit hat das Örtchen verdient.

Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", erschienen 1927, findet sich das Stichwort "Abort" zwischen den Lexikonartikeln zu "Ablaß" und "Abracadabra". Und auch der Inhalt des Beitrags pendelt zwischen Erlösung und Unheilzauber: "Der A. erscheint als Stätte allerlei Zaubers und Aberglaubens", erklärt das Nachschlagwerk und: "Die Unheimlichkeit dieser 'Unstätte', die man bei Nacht kaum zu betreten wagte, ist begründet. Denn bei Isländern, Skandinaviern, Deutschen u. Arabern gilt der A. als Erscheinungsstätte von Totengeistern und Teufeln." Das Lexikon spart nicht mit konkreten Schilderungen von Übertretungen dieses Nachttoilettenverbots, die zu wilden Kämpfen zwischen Klogehern, Geistern und dem Teufel selbst geführt haben sollen. Hätten nicht im letzten Augenblick Kirchenglocken zu läuten begonnen, der nächtliche Gang zum Orkus wäre für so manchen der letzte gewesen

Aberglauben am Abort

Aber auch den geselligen und positiven Seiten von Toiletten widmet sich das Lexikon: So klagte beispielsweise ein angelsächsischer Mönch des 14. Jahrhunderts in einem Brief über den Brauch, "daß die Frauen am A. fröhliche Gelage begehen". Die alte deutsche Bezeichnung "Sprachhaus" für den Abort soll ebenfalls von dieser Rolle der Toilette als Ort der Kommunikation herrühren. Aber auch heilende Wirkung wird dem Abtritt zugeschrieben: Vor Zahnleiden "schützt man sich im Fränkischen, indem man am Karfreitag in den A. riecht, im Erzgebirge, indem man dreimal in den A. spuckt". Im Gegensatz zu diesen für den Lexikon-Autor anscheinend empirisch belegbaren Fakten, glaubt er folgende Volksmeinung nur als "vielleicht halb scherzhaft" durchgehen lassen zu können: "Wenn ein Mann und ein Weib, die sich nur wenig kennen, zufällig an einem A. zusammenkommen und erschrecken, so heiraten sie sich."

Gut, dass es sich hierbei bloß um eine halbernste Kausalität handeln soll. Andernfalls würde die A.-Heirat jede andere Form der Eheanbahnung weit übertreffen, sucht der Mensch im Durchschnitt doch sechsmal täglich eine Toilette auf. Jene Menschen freilich nur, die das keineswegs selbstverständliche Glück eines Klosetts haben, das sanitäre Mindeststandards erfüllt. Ein Drittel der Erdbevölkerung, zweieinhalb Milliarden Menschen, hat nur eine verdreckte oder gar keine Toilette zur Verfügung. Weltweit sind heute mehr Mobiltelefone im Einsatz als Toiletten, die diese Bezeichnung auch verdienen - umgekehrt wäre es besser, stiller in jedem Fall.

Lobbyarbeit für ein Menschenrecht

Am ärgsten ist die sanitäre Misere in Indien und südlich der Sahara; große Bevölkerungsteile müssen in diesen Regionen ihre Notdurft im Freien verrichten. Fäkalien geraten ins Trinkwasser und machen dieses zur Brutstätte "wasserbürtiger Krankheiten": Magen-Darm-Leiden, Durchfall, Parasitenbefall Der Begriff "Notdurft" bekommt hier eine lebensbedrohliche Zuspitzung.

Gegen dieses Übel und um diesem fundamentalen Bedürfnis den Status eines Menschenrechts zu geben, hat der Unternehmer Jack Sim 2001 in Singapur die World Toilet Organisation gegründet. "Man darf kurz darüber lachen, aber dann sollte man das Thema ernst nehmen", lautet Sims Standardantwort auf Schmunzeln und Stirnrunzeln. Und Sim hat mit seinem Toiletten-Lobbying absolut recht. Hygienische Toiletten sind Notwendigkeit und Menschenrecht. Sie geben Würde und ermöglichen die jedem Menschen zustehende Integrität und Intimität. So still es am Stillen Ort sein soll, so laut muss für seine Etablierung überall und für alle lobbyiert werden. Dieser Ort ist ein Kulturgut.

Das meint auch der holländische Architekten-Guru Rem Koolhaas. Bei der Architektur-Biennale Venedig 2014 hat er dem Klosett einen eigenen Ausstellungssaal gewidmet. Für die Architektur ist die Toilette so fundamental wie Dach, Fenster oder Wand, attestiert Koolhaas und zählt deshalb das Klosett zu den architektonischen Grundbausteinen.

Auch einen anderen nimmt die Toiletten-Form gefangen und bestimmt den Inhalt seines Denkens - zumindest dort. Peter Handke outet sich in seinem "Versuch über den Stillen Ort" als Klo-Geometer: "In fast allen Toiletten entdeckte ich auf der Stelle ein System von Formen, und zwar von geometrischen, ein System, für das ich draußen vor der Tür keine Augen gehabt habe." Handkes Buch ist eine generelle Liebeserklärung an den Abort als "eine Art Medium" und einen Asylort zugleich: "Und es stimmte auch, daß das Verriegeln der Toilettentür in eins ging mit einem großen Aufatmen:'Endlich allein!'".

Die Abgeschiedenheit des Ab-Orts: Für den Dichter Gelegenheit die Inspirationsquelle anzuzapfen. "Kaum aber verschwunden im Stillen Ort: Die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf, frischer vielleicht denn je zuvor ". Für das Weltdrittel, das keinen Zugang zu menschenwürdigen Toiletten hat, jedoch Quelle ständiger Demütigung und Gefahr. Vor allem für Mädchen und Frauen, die keine geschützten Räume für diesen intimen Lebensbereich haben und in den privatesten Momenten des Privatlebens dauernd einem Sicherheitsrisiko ausgesetzt sind.

Jack Sim und sein Abort-Lobby-Verein haben mittlerweile erreicht, dass auch die Vereinten Nationen die Bedeutung des Klos für die Menschheit würdigen und das Menschenrecht auf einen menschenwürdigen Abtritt im Rahmen ihrer Millennium-Entwicklungsziele universal durchsetzen wollen. Der jährliche Welttoilettentag am 19. November wurde mit dem UN-Gütesiegel aufgewertet und der im Umfeld dieses Tages des Klos veranstaltete World Toilet Summit samt Expo ist ein Muss für die globale Toiletten-Szene.

Nachhaltige Klo-Kulturen entwickeln

"Happy Toilet, Healthy City" lautete das Generalthema beim heurigen Klo-Gipfel in Kuching, Malaysia. Großzügig gesponsert wird die Toiletten-Forschung von der Gates-Stiftung. Ziel ist die komplett autarke Toilette, die ohne Anschluss an Strom- und Wassernetz funktioniert und ohne Kanalisation und zentrale Kläranlage auskommt. Das funktioniert, wenn aus den Fäkalien Energie für die Verdampfung des Urins gewonnen werden kann und am Ende (fast) nichts mehr übrig bleibt, was die Umwelt verdreckt und die Menschen krank macht.

Neben den technischen Finessen muss die Abort-Wissenschaft aber vor allem die kulturellen Eigenheiten berücksichtigen. Es hilft nichts, wenn das hygienische Knowhow aufgrund kultureller Tabus ungenützt bleibt. Bei uns und anderswo im sogenannten Westen funktionieren beispielsweise die Klosetts mit Wasserspülung, dafür verwendet man zum Reinigen meist trockenes Papier. Anderswo geht die Toiletten-Ordnung genau andersrum: Die Toiletten sind trocken, dafür reinigt man sich danach mit Wasser. Für viele die zukunftsweisende, da nachhaltigere Methode, wird hier doch weniger Wasser verbraucht. WTO-Chef Jack Sim und viele andere fordern deswegen ein radikales Umdenken bei der Klo-Kultur.

Dieses neue Denken sollte aber nicht nur technischen und hygienischen Kategorien gehorchen. In einer Welt, die immer schneller und lauter wird, dürfen auch die Gelegenheit zum "Bin dann mal weg" und die kontemplativen Dimensionen des Aborts nicht zu kurz kommen, die kulturübergreifend im Osten wie Westen, ja weltweit Menschen zu schätzen wissen. Peter Handke, in Erinnerung an eine Tempeltoilette im japanischen Nara schwelgend, zitiert in diesem Sinne anerkennend seinen Schriftsteller-Kollegen Tanizaki Jun'ichiro, der meinte, es gebe keinen besseren Ort, "das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, eine Mondnacht, überhaupt die vergängliche Schönheit der Dinge zu allen vier Jahreszeiten auf sich wirken zu lassen" - die alten Haiku-Dichter seien vermutlich an solcherart Stillem Ort "auf zahllose Motive gestoßen".

Im "Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens", erschienen 1927, findet sich das Stichwort "Abort" zwischen den Lexikonartikeln zu "Ablaß" und "Abracadabra". Und auch der Inhalt des Beitrags pendelt zwischen Erlösung und Unheilzauber: "Der A. erscheint als Stätte allerlei Zaubers und Aberglaubens", erklärt das Nachschlagwerk und: "Die Unheimlichkeit dieser 'Unstätte', die man bei Nacht kaum zu betreten wagte, ist begründet. Denn bei Isländern, Skandinaviern, Deutschen u. Arabern gilt der A. als Erscheinungsstätte von Totengeistern und Teufeln." Das Lexikon spart nicht mit konkreten Schilderungen von Übertretungen dieses Nachttoilettenverbots, die zu wilden Kämpfen zwischen Klogehern, Geistern und dem Teufel selbst geführt haben sollen. Hätten nicht im letzten Augenblick Kirchenglocken zu läuten begonnen, der nächtliche Gang zum Orkus wäre für so manchen der letzte gewesen

Aberglauben am Abort

Aber auch den geselligen und positiven Seiten von Toiletten widmet sich das Lexikon: So klagte beispielsweise ein angelsächsischer Mönch des 14. Jahrhunderts in einem Brief über den Brauch, "daß die Frauen am A. fröhliche Gelage begehen". Die alte deutsche Bezeichnung "Sprachhaus" für den Abort soll ebenfalls von dieser Rolle der Toilette als Ort der Kommunikation herrühren. Aber auch heilende Wirkung wird dem Abtritt zugeschrieben: Vor Zahnleiden "schützt man sich im Fränkischen, indem man am Karfreitag in den A. riecht, im Erzgebirge, indem man dreimal in den A. spuckt". Im Gegensatz zu diesen für den Lexikon-Autor anscheinend empirisch belegbaren Fakten, glaubt er folgende Volksmeinung nur als "vielleicht halb scherzhaft" durchgehen lassen zu können: "Wenn ein Mann und ein Weib, die sich nur wenig kennen, zufällig an einem A. zusammenkommen und erschrecken, so heiraten sie sich."

Gut, dass es sich hierbei bloß um eine halbernste Kausalität handeln soll. Andernfalls würde die A.-Heirat jede andere Form der Eheanbahnung weit übertreffen, sucht der Mensch im Durchschnitt doch sechsmal täglich eine Toilette auf. Jene Menschen freilich nur, die das keineswegs selbstverständliche Glück eines Klosetts haben, das sanitäre Mindeststandards erfüllt. Ein Drittel der Erdbevölkerung, zweieinhalb Milliarden Menschen, hat nur eine verdreckte oder gar keine Toilette zur Verfügung. Weltweit sind heute mehr Mobiltelefone im Einsatz als Toiletten, die diese Bezeichnung auch verdienen - umgekehrt wäre es besser, stiller in jedem Fall.

Lobbyarbeit für ein Menschenrecht

Am ärgsten ist die sanitäre Misere in Indien und südlich der Sahara; große Bevölkerungsteile müssen in diesen Regionen ihre Notdurft im Freien verrichten. Fäkalien geraten ins Trinkwasser und machen dieses zur Brutstätte "wasserbürtiger Krankheiten": Magen-Darm-Leiden, Durchfall, Parasitenbefall Der Begriff "Notdurft" bekommt hier eine lebensbedrohliche Zuspitzung.

Gegen dieses Übel und um diesem fundamentalen Bedürfnis den Status eines Menschenrechts zu geben, hat der Unternehmer Jack Sim 2001 in Singapur die World Toilet Organisation gegründet. "Man darf kurz darüber lachen, aber dann sollte man das Thema ernst nehmen", lautet Sims Standardantwort auf Schmunzeln und Stirnrunzeln. Und Sim hat mit seinem Toiletten-Lobbying absolut recht. Hygienische Toiletten sind Notwendigkeit und Menschenrecht. Sie geben Würde und ermöglichen die jedem Menschen zustehende Integrität und Intimität. So still es am Stillen Ort sein soll, so laut muss für seine Etablierung überall und für alle lobbyiert werden. Dieser Ort ist ein Kulturgut.

Das meint auch der holländische Architekten-Guru Rem Koolhaas. Bei der Architektur-Biennale Venedig 2014 hat er dem Klosett einen eigenen Ausstellungssaal gewidmet. Für die Architektur ist die Toilette so fundamental wie Dach, Fenster oder Wand, attestiert Koolhaas und zählt deshalb das Klosett zu den architektonischen Grundbausteinen.

Auch einen anderen nimmt die Toiletten-Form gefangen und bestimmt den Inhalt seines Denkens - zumindest dort. Peter Handke outet sich in seinem "Versuch über den Stillen Ort" als Klo-Geometer: "In fast allen Toiletten entdeckte ich auf der Stelle ein System von Formen, und zwar von geometrischen, ein System, für das ich draußen vor der Tür keine Augen gehabt habe." Handkes Buch ist eine generelle Liebeserklärung an den Abort als "eine Art Medium" und einen Asylort zugleich: "Und es stimmte auch, daß das Verriegeln der Toilettentür in eins ging mit einem großen Aufatmen:'Endlich allein!'".

Die Abgeschiedenheit des Ab-Orts: Für den Dichter Gelegenheit die Inspirationsquelle anzuzapfen. "Kaum aber verschwunden im Stillen Ort: Die Sprach- und Wörterquelle springt frisch auf, frischer vielleicht denn je zuvor ". Für das Weltdrittel, das keinen Zugang zu menschenwürdigen Toiletten hat, jedoch Quelle ständiger Demütigung und Gefahr. Vor allem für Mädchen und Frauen, die keine geschützten Räume für diesen intimen Lebensbereich haben und in den privatesten Momenten des Privatlebens dauernd einem Sicherheitsrisiko ausgesetzt sind.

Jack Sim und sein Abort-Lobby-Verein haben mittlerweile erreicht, dass auch die Vereinten Nationen die Bedeutung des Klos für die Menschheit würdigen und das Menschenrecht auf einen menschenwürdigen Abtritt im Rahmen ihrer Millennium-Entwicklungsziele universal durchsetzen wollen. Der jährliche Welttoilettentag am 19. November wurde mit dem UN-Gütesiegel aufgewertet und der im Umfeld dieses Tages des Klos veranstaltete World Toilet Summit samt Expo ist ein Muss für die globale Toiletten-Szene.

Nachhaltige Klo-Kulturen entwickeln

"Happy Toilet, Healthy City" lautete das Generalthema beim heurigen Klo-Gipfel in Kuching, Malaysia. Großzügig gesponsert wird die Toiletten-Forschung von der Gates-Stiftung. Ziel ist die komplett autarke Toilette, die ohne Anschluss an Strom- und Wassernetz funktioniert und ohne Kanalisation und zentrale Kläranlage auskommt. Das funktioniert, wenn aus den Fäkalien Energie für die Verdampfung des Urins gewonnen werden kann und am Ende (fast) nichts mehr übrig bleibt, was die Umwelt verdreckt und die Menschen krank macht.

Neben den technischen Finessen muss die Abort-Wissenschaft aber vor allem die kulturellen Eigenheiten berücksichtigen. Es hilft nichts, wenn das hygienische Knowhow aufgrund kultureller Tabus ungenützt bleibt. Bei uns und anderswo im sogenannten Westen funktionieren beispielsweise die Klosetts mit Wasserspülung, dafür verwendet man zum Reinigen meist trockenes Papier. Anderswo geht die Toiletten-Ordnung genau andersrum: Die Toiletten sind trocken, dafür reinigt man sich danach mit Wasser. Für viele die zukunftsweisende, da nachhaltigere Methode, wird hier doch weniger Wasser verbraucht. WTO-Chef Jack Sim und viele andere fordern deswegen ein radikales Umdenken bei der Klo-Kultur.

Dieses neue Denken sollte aber nicht nur technischen und hygienischen Kategorien gehorchen. In einer Welt, die immer schneller und lauter wird, dürfen auch die Gelegenheit zum "Bin dann mal weg" und die kontemplativen Dimensionen des Aborts nicht zu kurz kommen, die kulturübergreifend im Osten wie Westen, ja weltweit Menschen zu schätzen wissen. Peter Handke, in Erinnerung an eine Tempeltoilette im japanischen Nara schwelgend, zitiert in diesem Sinne anerkennend seinen Schriftsteller-Kollegen Tanizaki Jun'ichiro, der meinte, es gebe keinen besseren Ort, "das Zirpen der Insekten, den Gesang der Vögel, eine Mondnacht, überhaupt die vergängliche Schönheit der Dinge zu allen vier Jahreszeiten auf sich wirken zu lassen" - die alten Haiku-Dichter seien vermutlich an solcherart Stillem Ort "auf zahllose Motive gestoßen".