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Michael Donhauser ist der Träger des Meraner Lyrikpreises 2004: Ein Votumfür den genauen Blick und die Tradition des Naturgedichts.

Ein Autor, der diskutiert werden will, muss einen Roman schreiben. Mit Lyrik kommt man nicht in die Medien. Man kann es dem Lyrikpreis Meran nicht hoch genug anrechnen, dass er seit 1993 nun schon zum siebten Mal die Devise "Lyrik im Gespräch" ausgegeben hat. Das Gespräch lohnt sich, denn die heutige Lyrik ist höchst unterschiedlich: Von der Wiederbelebung griechischer Strophenformen bis zur sprachexperimentellen Zerstückelung gängiger Sätze und Wörter war in Meran alles vertreten. Alle Traditionen scheinen wieder ohne Probleme verfügbar zu sein. Mehrmals war in den Jury-Diskussionen vom "Tonarchiv" der deutschen Lyrik die Rede. Eine alkäische Ode, Verse, die ab 1890 geschrieben sein könnten und in denen Stefan George zu Besuch ist, diagnostizierte Jurymitglied Hans Jürgen Balmes an den Gedichten des 1971 in Hamburg geborenen und in Berlin lebenden Jens Wagner. Ihm wurde der 2. Preis "für seine vielschichtigen Gedichte aus sich überkreuzenden Text- und Bildwelten und präzisen Rückgriffen auf die lange Geschichte der dichterischen Formen und Töne" zugesprochen.

Aus dem Tonarchiv der Lyrik

Berührungsängste mit der Tradition hat auch die jüngste Teilnehmerin am Meraner Lyrikpreis 2004 nicht: Silke Scheuermann, Jahrgang 1973, bereits mit zwei Gedichtbänden bei Suhrkamp hervorgetreten und mit dem Leonce-und Lena-Preis, dem anderen wichtigen Preis für deutschsprachige Lyrik ausgezeichnet. Ihr wurde eine Fragilität, die nicht selbstgefällig ist, attestiert, sie habe die Mythen für heutige Alltagserfahrung tauglich gemacht und finde zu einer Leichtigkeit, die viel bewegen kann, hieß es in der Jury. Konstanze Fliedl von der Universität Salzburg, bewährte Jurorin des Bachmann-Preises und heuer neu in der Meraner Jury, hob die Balance zwischen Charme und Abgründigkeit in diesen Gedichten hervor. Dem großen Applaus bei der Preisverleihung war anzumerken, dass viele im Publikum der Autorin mehr als den Förderpreis gewünscht hätten.

Mit Spannung wurde die Lesung des renommiertesten Lyrikers erwartet; Michael Donhauser, 1956 in Vaduz geboren und seit 1976 in Wien lebend, trug eine Sequenz von zehn Herbstgedichten vor, die ein einziges Ganzes bilden. "Das ist Dichtung, die mich einfach glücklich macht", brach es aus Ulla Hahn, der prominenten Autorin in der Jury, hervor, sie könne in diesen Gedichten den Herbst riechen und sehen. Von da an war das Glück nicht mehr aufzuhalten. Balmes war wieder bei seinem "Tonarchiv": der späte Hölderlin, Klopstock, Stifter - aber ganz heutig! Ein Lyriker müsse "den Mut haben, das zu machen, was man eigentlich nicht mehr machen kann", meinte Ulla Hahn, als Kurt Drawert, der zweite Autor in der Jury, feststellte, Donhauser sei "das Risiko der Biedermeierlichkeit eingegangen". Lediglich Wolfgang Wiesmüller von der Universität Innsbruck meinte, Donhauser sei an diesem Risiko nicht ganz vorbeigekommen, die an Donhauser oft gerühmte Entschleunigung und Verlangsamung sei von einer Mythisierung der Natur bedroht und die Grenze zwischen Zitat und Hinüberkippen in Verbrauchtes nicht immer ganz klar. In der Diskussion hatte es dann fast den Anschein, jede Tradition genieße Respekt, nur die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts nicht, die man gerade zur Tradition erklärt hat. Brechts Einwände gegen das "Gespräch über Bäume" (das ein Schweigen über so viele Ungerechtigkeiten mit einschließt) wurde kurzerhand zum Problem Brechts erklärt.

So hat also, wie zu erwarten, Donhauser den Meraner Lyrikpreis bekommen. Die formale Meisterschaft, mit der er seinen Gang durch den Herbst in die alte vierzeilige Volksliedstrophe gießt, die er vom Endreim befreit, aber gleichzeitig an verschiedenen Stellen Gleichklänge aufblitzen lässt, wie er seine Texte auf eine äußerste Genauigkeit und radikale Einfachheit durcharbeitet, haben den Preis mehr als verdient. Bedenklich war nur die Fast- Einigkeit der Jury für die Tradition und gegen die aus mehrfach bezüglichen Satzfragmenten gebauten Frauenporträts von Barbara Hundegger oder die provokante Nonsens-Sprachflut mit einzelnen Bildinseln von Hansjörg Zauner.

Kein frommes Naturgedicht

Michael Donhauser verwendet den Ausdruck "Naturlyrik" mit großer Vorsicht. "Dass es über meine Arbeit möglich war, diesen Begriff vielleicht wieder ein bisschen zu variieren, dass das ein ganz anderes Spektrum hat, dass es da ganz andere Möglichkeiten gibt als das fromme Naturgedicht, das wird wahrgenommen, und das freut mich", sagte er nach der Preisverleihung gegenüber der Furche. Und: "Es ist eine Möglichkeit, auch die Medien wieder ein bisschen aufmerksam auf einen zu machen, da ich diesbezüglich nicht sonderlich verwöhnt werde." Das gilt für die Lyrik insgesamt, kann man hinzufügen, und deswegen ist Meran so wichtig.

Nur die Quittenbäume trugen noch

die Früchte, üppig in dem kaum erst

verfärbten Grün der Blätter, während

Oleander in Fässern standen auf dem

Pflaster, in einer losen Reihe entlang

der Strasse, von keinen letzten Blüten

noch geschmückt - es ging mir um

diese Schönheit, ich hatte mich den

Dingen am Weg so zugewandt wie

ein anderer vielleicht ein Haustier

hielt, mit ein wenig Zuneigung und

ein wenig Gleichgültigkeit, und so

sah ich jene Weide in einem Bongert

oder Obstgarten, wie sie da hoch und

ausladend war als ein Parkbaum, das

Vogelbeerbäumchen in einem offenen

Hof stand kahl bis auf das helle Rot

seiner schweren Dolden, welche so

niedersahen auf das gefallene Laub

im Schatten der lichten Krone - beim

Bahnhof, in einer Koppel, bewegten

sich die Pferde kaum, sie senkten

oder hoben langsam den Hals, voneinander

entfernt, einander nahe, im Widerspiel

Michael Donhauser

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