"Mir ist es nicht um Macht gegangen"

Am 5. Februar feiert Altkanzler Fred Sinowatz seinen 75. Geburtstag. "Das alles ist sehr kompliziert" - mit dieser vielfach zitierten Feststellung aus seiner Regierungserklärung hat sich Sinowatz in die kollektive Erinnerung eingeprägt. Er quittiert das mit einem Lächeln und blickt im furche-Gespräch auch sonst recht zufrieden und gelassen auf sein politisches Leben zurück.

Die Furche: Mit dem Namen Sinowatz wird zuallererst der Ausspruch "Alles ist se hr kompliziert" verbunden - ärgert Sie das?

Fred Sinowatz: Im Gegenteil, ich bin stolz auf diese Passage. Mit diesen Gedanken habe ich zum ersten Mal so etwas wie politische Philosophie in eine Regierungserklärung gebracht. Ich bin dafür eingetreten, dass wir die simplen Denkmuster in der Politik überwinden. Und wenn ich heute sehe, wie Politiker im Fernsehen 30 Sekunden Zeit haben, die Welt zu erklären, fühle ich mich in meiner Befürchtung leider bestätigt.

Die Furche: "Ohne Partei bin ich nichts", lautet das andere bekannte Zitat von Ihnen. Würden Sie das heute auch noch so sagen?

Sinowatz: Ich habe Politik immer als Aufgabe angesehen und weniger als eine Möglichkeit, nach außen zu glänzen. Mir ist es nicht um Macht gegangen, sondern für mich war Politik eine Verpflichtung. Ich bin ja auch nicht aus eigenem Zutun Bundeskanzler geworden, sondern ich habe mich bis zuletzt dagegen gewehrt.

Die Furche: Warum haben Sie das Amt dann doch übernommen?

Sinowatz: Wenn man einer Aufgabe nicht entfliehen kann, muss man sich dazu bekennen und sich so gut als möglich dafür einsetzen. Anfang der achtziger Jahre ist eine Periode zu Ende gegangen, der Zeitgeist ist ein anderer geworden, die Menschen hat anderes als zuvor bewegt. Meine Zeit als Kanzler war eine Zeit des Übergangs. Aber auch Zeiten des Übergangs müssen bewältigt werden, gerade weil sie oft steinig sind und keine unmittelbaren Erfolgsaussichten haben.

Die Furche: Zu einer Niederlage für Ihre Regierung wurde die Auseinandersetzung um das Donaukraftwerk Hainburg. Haben Sie die Kraft der Umweltbewegung unterschätzt?

Sinowatz: Hainburg ist zu einem Symbol geworden und hat sich dadurch von Fragen der Wirtschaftlichkeit oder der unmittelbaren Umweltproblematik losgelöst. Und die Politik muss solchen Symbolen - das haben wir damals schmerzlich erfahren - Rechnung tragen, auch wenn wirtschaftliche Erfordernisse dadurch ins Hintertreffen geraten.

Die Furche: Hainburg war die Geburtsstunde der Grünen - freut Sie das, oder reut es Sie, dass es der SPÖ nicht gelungen ist, die grüne Bewegung in der Partei zu integrieren.

Sinowatz: Wäre nicht Hainburg gewesen, wäre etwas anderes gekommen. Das Umweltbewusstsein war damals in der öffentlichen Meinung so weit gediehen, dass eine Parteigründung nur mehr eine Frage der Zeit war.

Die Furche: Wurmt es Sie, dass Ihre politische Karriere mit der Causa Waldheim zu Ende gegangen ist?

Sinowatz: Der Wechsel zu Franz Vranitzky war von mir schon lange geplant und wäre auch ohne die Wahl Waldheims erfolgt. Die Umstände rund um die Wahl Waldheims waren freilich schwierig. Aber die Zeit war reif, dass nach einer langen Periode des Verdrängens über unsere Geschichte geredet wurde. Und diese Aufarbeitung der nationalsozialistischen Vergangenheit des Landes ist in die Wahlbewegung gefallen - und von mehreren Seiten aufgeschaukelt worden. Waldheim ist schlussendlich Bundespräsident geworden. Ich habe das anerkannt und bin zurückgetreten.

Die Furche: Auch der aktuelle Präsidentschaftswahlkampf kommt nicht ohne Rückgriff in die Vergangenheit aus: Wie kommentieren Sie als Zeitzeuge die Verstrickung von Heinz Fischer in die Wiesenthal-Affäre?

Sinowatz: Dass man versucht, aus dieser Sache einen Vorwurf gegen Fischer zu konstruieren, ist lächerlich, weil er selbst seine Position in dieser Sache schon zigmal eindeutig klargestellt hat. Heinz Fischer, ich muss das einmal sagen, ist ein Politiker, der im Verlauf einer langen politischen Tätigkeit seine Identität gewahrt hat. Da gibt es nichts, weder in seinem privaten noch politischen Leben, was man ihm zum Vorwurf machen könnte - er ist das geblieben, was er immer gewesen ist.

Die Furche: Gerade das bestreiten seine Kritiker mit dem Argument: Einer, der unter so vielen Herren dienen konnte, ist sich nicht treu geblieben.

Sinowatz: Das stimmt nicht. Heinz Fischer hat immer seine Meinung geäußert und war nie bereit, im politischen Theater mitzuspielen. Der Bundeskanzler hat bei der Nominierung der ÖVP-Kandidatin gesagt, dass sie 80 Prozent ihres Beruflebens nicht in der Politik verbracht hat. Da muss ich aber schon fragen: Was ist die Funktion eines Bundespräsidenten? Das ist doch eine politische Funktion, bei der politische Erfahrung eine große Rolle spielt. Die kann man nicht ohne weiteres wegdividieren, nur weil in der Öffentlichkeit seit Jahrzehnten die Politik an sich diffamiert wird.

Die Furche: Mehr privat, weniger Staat, lautet deswegen oft die frustrierte Devise - wie weit darf dieser Prozess gehen?

Sinowatz: Wer braucht den Staat? Vor allem die Menschen, die nicht in der Lage sind, sich immer selbst zu helfen. Bildung, Gesundheit, Sozialpolitik müssen Aufgaben des Staates bleiben. Es kann doch bei uns nicht wieder so sein, dass nur der- oder diejenige höhere Bildung und bessere Betreuung bekommen, die es sich leisten können. Da muss der Staat eine Ausgleichsfunktion übernehmen.

Die Furche: Im Bildungsbereich wollten Sie diesen Ausgleich durch die Gesamtschule herstellen...

Sinowatz: ... die gemeinsame Schule der zehn- bis 14-Jährigen haben wir nicht durchgesetzt, aber vieles ist in diese Richtung geschehen: Die Unterstufe der AHS und die Hauptschule sind weithin angeglichen worden. Nur zeigt sich, dass die Hauptschule in den Ballungsgebieten ausgetrocknet wird, während sie in den ländlichen Gebieten eine gute Entwicklung genommen hat - das muss wieder zusammengeführt werden.

Die Furche: Ist das realistisch? Denken Sie da nicht in verloren gegangenen Kategorien?

Sinowatz: Ich bin ein Verfechter der Chancengleichheit. Elite-Schulen müssen Ausnahmen bleiben. Viel wichtiger ist, dass ein großer Teil der Menschen ein hohes Schulwissen erreichen kann. Das muss der Wirtschaft ein Anliegen sein, ist aber auch für die Lebensgestaltung jedes Einzelnen notwendig. Bildung ist ja nicht nur Beruf, sondern Teil des Lebens. Ich wehre mich, den Wert von Bildung nur nach Leistungskriterien zu beurteilen.

Das Gespräch führte Wolfgang Machreich.

Im Skibob und auf der Olympia Abfahrtspiste

"I hab an Wein mitbracht", soll Fred Sinowatz gesagt haben, als er 1971 sein Amt als Unterrichtsminister am Minoritenplatz angetreten hat. "Stimmt das?" fragt die Furche Sinowatz in seinem Haus in Neufeld an der Leitha. Sinowatz verneint. Schade, die Geschichte will so gut zur politischen Karriere des bulligen Burgenländers passen.

Fred Sinowatz wurde am 5. Februar 1929 als Sohn einer Arbeiterfamilie in Neufeld geboren. In Wien studierte er Geschichte, Germanistik und Leibesübungen. 1961 folgte die Angelobung als Abgeordneter im burgenländischen Landtag, und ein Jahr später war Sinowatz Landesparteisekretär. In dieser Funktion hatte er 1964 großen Anteil am Erfolg der SPÖ im Burgenland: Erstmals nach 1945 kippten die Mehrheitsverhältnisse in einem Bundesland, wurde ein Roter zum Landeshauptmann gewählt.

Bruno Kreisky holte sich Sinowatz als Unterrichts- und Sportminister in seine Regierung. Legendär: Sinowatz im Bob bei der Eröffnung der olympischen Bahn in Innsbruck oder Sinowatz mit Franz Klammer am Patscherkofel. Nach dem Bruch zwischen Kreisky und Hannes Androsch wurde Sinowatz vom "Sonnenkönig" zum Nachfolger auserkoren und am 24. Mai 1983 zum Bundeskanzler angelobt. Mit politischem Sonnenschein war die SP-FP-Koalition wenig gesegnet: Reder-Handschlag, Weinskandal, Noricum-Affäre, Hainburg und schließlich die Causa Waldheim führten zum Rücktritt von Fred Sinowatz im Juni 1986. Strafprozesse in der Waldheim- und Noricum-Angelegenheit folgten und ließen den Privathistoriker erst viele Jahre nach seinem Ausscheiden aus der Politik zur Ruhe kommen.

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