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Mission am Bahnhof

Martin Scorseses erster 3-D-Film "Hugo Cabret“ ist eine einfühlsame Hommage an die Frühzeit des Kinos.

Die Gemeinsamkeiten können keine Koinzidenzen sein: Die Frühzeit der Filmgeschichte wird beschworen. Wie der "sprachlose“ Film anno 2011 "The Artist“ den Übergang vom Stummfilm zum Tonfilm thematisiert, ist oscarverdächtig (vgl. FURCHE 4/2012). Doch auch "Hugo Cabret“, der ein paar Jahre früher ansetzt - die Brüder Lumière schauen runter … - steht vor einem Oscarreigen. Nostalgie in Sachen Kino scheint diesseits ("The Artist“) wie jenseits ("Hugo Cabret“) en vogue.

Auch der Erste Weltkrieg ist, soweit man denken kann, selten so geballt thematisiert wie zurzeit. Steven Spielberg verirrt sich geschmacklich in die Pferdeschnulze "Gefährten“ über ein Ross, das eben den Ersten Weltkrieg überlebt (mehr dazu in der nächstwöchigen FURCHE). Und "Hugo Cabret“ fußt gleichfalls auf den Wirren des Großen Kriegs, dessen Barbarei durch den noch bestialischeren Zweiten Weltkrieg verdunkelt wurde.

Und eine dritte Gleichzeitigkeit ruft Spielberg ein weiters Mal auf den Plan: der Star-Regisseur und Produzenten-Gigant bewies im Herbst 2011 mit seinem ersten Animationsfilm "Die Abenteuer von Tim und Struppi“ ein weitaus glücklicheres Händchen als bei besagtem Pferde-Schinken: Das ästhetische Ambiente der Zwischenkriegszeit wurde in diesem Film ebenso genial eingefangen (und überzeichnet) wie im nichtanimierten "Hugo Cabret“.

Kindgerecht, aber kein Kinderfilm

Scheint also, als ob Martin Scorsese einmal mehr den Riecher für Themen, die in der Luft liegen, hatte oder - weniger freundlich - er das, was sich abzeichnete, vor- bzw. nachgemacht hat. Aber man soll dem Regie-Monument kaum die Affinität zu anderen Film-Moden vorwerfen. Denn dazu ist "Hugo Cabret“ (im Übrigen auch der erste Scorsese-Film in 3-D) ein doch ganz eigenständiges und gelungenes Debüt: Scorsese legt mit diesem Opus seinen ersten kindgerechten Film vor, auch wenn es sich wirklich nicht um einen "Kinderfilm“ handelt. Aber hier kommen keine Gemetzel wie in "Departed“ (dem Oscar-Abräumer 2007) oder den "Gangs of New York“ (2002) von der Leinwand entgegen. Sondern hier wird in fantasievollem Ambiente der verzweifelte Versuch eines halbwüchsigen Waisenknaben, Hugo Cabret eben, geschildert, in der unwirtlichen Welt eines Pariser Großbahnhofs zu überleben - und vor allem, dem strengen Auge des Gesetzes, sprich: des Bahnhofsaufsehers, zu entgehen, der alle Waisenkinder, die er in seinem Revier vorfindet, der Polizei übergibt, auf dass sie die Streetkids der nächsten Verwahrungsinstitution überantworte.

In dieser Existenz am Rande aller Gemütlichkeit versucht sich Hugo Cabret durchzusetzen, von seinem Onkel wird er angehalten, die Mechanik der Bahnhofsuhren zu warten. Der junge Mann hat überdies noch eine Art Roboter, welchen er von seinem Vater, der bei einem Brand ums Leben kam, geerbt hat. Hugo lernt den ebenso griesgrämigen wie misstrauischen Papa Georges kennen, der mechanisches Spielzeug in einem Bahnhofskiosk verkauft. Hinter diesem Alten verbirgt sich ein Geheimnis, hinter das Hugo im Verein mit Isabelle, dem Patenkind von Papa Georges, das bei ihm lebt, zu ergründen suchen. Die Figur des Papa Georges ist biografisch nahe an einem der Altvorderen des frühen Films, Georges Méliès angelehnt. Bei aller Fantasie-Handlung (oder gerade durch diesen Polt) ist es Martin Scorsese Hommage an den alten Meister zu tun.

Von Lumières in die Zwischenzeit

Vieles spielt da historisch hinein - die Lumière-Zeit und die Jahre danach, der Erste Weltkrieg - und nun eine Zwischenzeit: Der zweite große Krieg wird kommen. Doch der überzeichnete Mikrokosmos im Pariser Bahnhof weiß nichts davon, kann auch nichts wissen. Darum gelten die alten Gesetze und Regeln, personifiziert im kriegsinvaliden Bahnhofsaufseher, der die armen Kinder seines Reviers wie streunende Hunde einfängt und einsperren lässt. Doch auch diese schrullige Auge des Gesetzes wird weich werden, ebenso wie sich Papa Georges Geheimnis lüftet: ein zauberhaftes, kraftvolles Märchen, nicht bloß eine Hommage, voller versteckter, auch sozialkritischer Botschaften. Für solchen Zugang ist Martin Scorsese ja seit jeher zu haben.

Abgesehen von der Technik, den riesigen Uhrwerken etwa, die in 3-D-Technik in den Kinosaal ragen, sind es die Schauspieler, die sich dem perfekten Regisseur ebenso perfekt und einfühlsam beigesellen. Das gilt insbesondere für die beiden 14-jährigen Jungdarsteller - Asa Butterfield in der Titelrolle und Chloë Grace Moretz als dessen "Partnerin“ Isabelle. Ben Kingsley gelingt als Papa Georges eine weitere Sternstunde seiner Karriere und der Bahnhofsinspektor in der Darstellung von Sacha Baron Cohen gibt "Hugo Cabret“ erst recht ein unnachahmliches Flair.

Hugo Cabret (Hugo)

USA 2011. Regie: Martin Scorsese. Mit Ben Kingsley, Asa Butterfield, Chloë Grace Moretz. Universal. 127 Min.

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