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Mit 77 noch ein Geheimtip

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Spät explodiert, daher noch zu entdecken: Hans Henzinger

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Spät explodiert, daher noch zu entdecken: Hans Henzinger

Die großen Begabungen würden sich ganz von selbst durchsetzen, heißt es immer wieder, es werde schon keiner übersehen, gehe schon niemand unter, man möge sich diesbezüglich keine Sorgen machen: Der Markt sorge unweigerlich dafür, daß sich Bekanntheitsgrad und Preis jedes Künstlers entsprechend seiner Qualität einpendeln. Und dann kommt einem die in Tirol erschienene Monographie über Hans Henzinger unter, einen Tiroler Künstler, so eine regionale Kleinberühmtheit eben, Holzschnitte, nichts, was ein künstlerisches Ereignis signalisiert, man blättert - und stößt mittendrin, heimtückischerweise ganz unauffällig plaziert, plötzlich auf Landschaften, auf Farbholzschnitte der Kaiserkare, die zum besten gehören, was in Österreich auf diesem Gebiet in den letzten Jahrzehnten entstanden ist.

Jetzt versteht man auch, warum der Herausgeber ein Zitat von HAP Grieshaber an den Anfang setzt. Der außerhalb Tirols so gut wie unbekannte, auch in Tirol eigentlich nur in der Kufsteiner Gegend bekannte Hans Henzinger kennt Grieshaber offensichtlich gut, blieb von ihm keineswegs unbeeinflußt, kann sich aber mit dem besten dessen, was er geschaffen hat, auch durchaus neben Grieshaber behaupten. Er braucht sich vor diesem Großen des Farbholzschnitts nicht zu verstecken.

Es ist immer erfreulich, so einen zu entdecken, einen noch nicht so richtig Erkannten, einen viel zu Bescheidenen, der eigentlich in die zweite Reihe gehört, gleich hinter die wohl etablierten Großen, einen, an dem die verdiente Aufmerksamkeit bisher noch vorbeigegangen ist, was aber bei Hans Henzinger gar nicht besonders verwundert: Er ist zwar 77 Jahre alt, schon oder vielleicht erst, doch die kreative Explosion, mit der er seine Grenzen, die Grenzen der lokalen und regionalen Bedeutung gesprengt hat, die hat erst 1993 stattgefunden.

Der ehemalige Sonderschulleiter, der übrigens auch die Lebenshilfe im Bezirk Kufstein aufgebaut hat, war über 70, längst in Pension und auch schon lange ein in Kufstein anerkannter, religiös motivierter Künstler, als auf Wanderungen durch das Kaisergebirge die körperliche und psychische Herausforderung des Bergsteigens, und auch, wie er selbst sagt, die Ängste, die dabei überwunden werden mußten, eine völlig neue Phase seiner künstlerischen Entwicklung einleiteten. Ein besonderes Zeichentalent hatte er immer schon gehabt. Und der Holzschnitt hatte ihn auch schon lang interessiert. Nach der Pensionierung 1981 besuchte er die Salzburger Sommerakademie und erarbeitete sich die Technik des Holzschneidens. Bereits 1983 entstand der erste große Zyklus von Holzschnitten: "Kreuzwege". Ausdrucksvolle Blätter, "Bildmeditationen", die seine regionale Bedeutung begründeten. Man darf regionale Bedeutung nicht geringschätzen. Auch der frühere Henzinger ist ein wichtiger Tiroler Künstler.

Vieles, was er geschaffen hat, berührt geradezu nostalgisch. Ist technisch sehr gekonnt, auf seine Weise beeindruckend, wirkt dabei aber wie ein Nachvollzug der Nachkriegskunst. Ist vielleicht auch genau dies: Nachvollzug und Aneignung von Entwicklungen, die Henzinger als spätgerufener Künstler verpaßt hatte.

Auch die Holzschnitte der Kaiserkare sind keine Experimente, nicht Avantgarde. Sie ragen aber durch Intensität des Ausdrucks, formale Verdichtung, ihren Abstraktionsgrad, durch Steigerung der Farbe zum Bedeutungsträger und insgesamt ihre Qualität hervor. Sie könnten auch vor 20 oder 30 Jahren entstanden sein, sie sind im besten Sinne modern und zugleich zeitlos. Henzinger tritt mit ihnen zu einem guten Zeitpunkt auf den Plan: Die Avantgarde hat immer mehr Mühe, avant zu sein, der gewaltige Innovationsschub ist nach eineinhalb Jahrhunderten schwächer geworden, der Grad des Bruchs mit dem Vorhandenen ist nicht mehr einziger Gradmesser künstlerischer Qualität. Man darf auch wieder zeitlos sein.

Hans Henzinger - Ins Holz geschnitten - Bildmeditationen Essay: Günther Moschig, Verlag Tyrolia, Innsbruck 1999, 184 Seiten, zahlreiche Farb- und Schwarzweißbilder, geb., öS 490,-.

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