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Feuilleton

Mit dem Leoparden nach Sizilien

1945 1960 1980 2000 2020

Ein prachtvoller Bildband entführt in die luxuriöse Lebenswelt des sizilianischen Hochadels.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein prachtvoller Bildband entführt in die luxuriöse Lebenswelt des sizilianischen Hochadels.

Der Tag des typischen Leoparden begann spät. Wenn kein religiöses Fest, keine Hochzeit, Taufe oder Totenmesse zu feiern war, kein berühmter Gast in der Stadt weilte und er nicht seine Frau, pardon, Gemahlin in die Kirche begleitete (man hatte zwar eine eigene Kapelle, doch dort hatte man kein Publikum), empfing er gegen Mittag die ersten Gäste. Einen wichtigen Bestandteil seines Tageslaufes bildete das ritualisierte Flanieren, zu Fuß, zu Pferd oder in der Kutsche, und das dazu gehörende Flirten, Schäkern und Austauschen des neuesten Klatsches auf der Piazza della Marina. Goethe äußerte sich darüber in seiner "Italienischen Reise" entzückt. Besonders gefiel ihm die nächtliche Promenade ohne jegliches künstliches Licht.

Natürlich promenierte und flirtete jeweils nur jener Teil des sizilianischen Adels, der sich nicht gerade der zweiten angestammten und wichtigen Tätigkeit seiner Gesellschaftsschichte hingab, nämlich seine Güter zu verspielen.

Das alles und viel mehr erfahren wir aus einem prachtvollen Bildband, an dem nicht nur seine Freude haben wird, wer nach Sizilien reist oder kürzlich dort war. Die Autoren entführen in Schlösser und Lebenswelt des sizilianischen Hochadels. Den roten Faden bilden Zitate aus dem Roman "Der Leopard" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der auf Italienisch aus persönlichen Gründen nicht "Il Leopardo", sondern "Il Gattopardo" heißt. Um die Verwirrung perfekt zu machen, sei angemerkt, dass das berühmte Wappentier zwar in der Heraldik Leopard genannt wird, aber in Wirklichkeit ein Löwe ist. Lampedusa, dessen Palazzo zerbombt worden war, starb 1957, ein Jahr vor Erscheinen des Romans.

Der Text des Bandes ist um Klassen intelligenter als der vieler anderer Bücher der Zu-Gast-bei-Kategorie und die Aufnahmen der Interieurs und der für dieses Buchprojekt aus Schränken und Truhen geholten Objekte sind hinreißend. "Tomasi di Lampedusas Sizilien" ist ein verschwenderisch ausgestatteter Bildband zum Schwelgen. Eines der Bücher, über denen sich die Armen in den Reichtum träumen. Aber das Team beherrscht sein Metier. Die Information, dass der schier orientalische Reichtum, das Nichtstun und die Exklusivität des sizilianischen Hochadels auf die unbarmherzige Ausbeutung der Landbevölkerung gegründet war, wird nicht gerade ausgestellt, aber auch nicht verschwiegen. Wir haben nicht nur ein Buch zum Schwelgen vor uns, sondern auch eine kulturgeschichtlich reizvolle Neuerscheinung. Die Welt, die sie beschreibt, gibt es nur noch in Spuren.

Tomasi Di Lampedusas Sizilien Von Jean-Bernard Naudin, Gerard Gefen, Lydia Fasoli und Fanny Calefati di Canalotti. Knesebeck Verlag, München 2001. 184 Seiten, geb., 240 Bilder, öS 715,-/e 51,96

Der Tag des typischen Leoparden begann spät. Wenn kein religiöses Fest, keine Hochzeit, Taufe oder Totenmesse zu feiern war, kein berühmter Gast in der Stadt weilte und er nicht seine Frau, pardon, Gemahlin in die Kirche begleitete (man hatte zwar eine eigene Kapelle, doch dort hatte man kein Publikum), empfing er gegen Mittag die ersten Gäste. Einen wichtigen Bestandteil seines Tageslaufes bildete das ritualisierte Flanieren, zu Fuß, zu Pferd oder in der Kutsche, und das dazu gehörende Flirten, Schäkern und Austauschen des neuesten Klatsches auf der Piazza della Marina. Goethe äußerte sich darüber in seiner "Italienischen Reise" entzückt. Besonders gefiel ihm die nächtliche Promenade ohne jegliches künstliches Licht.

Natürlich promenierte und flirtete jeweils nur jener Teil des sizilianischen Adels, der sich nicht gerade der zweiten angestammten und wichtigen Tätigkeit seiner Gesellschaftsschichte hingab, nämlich seine Güter zu verspielen.

Das alles und viel mehr erfahren wir aus einem prachtvollen Bildband, an dem nicht nur seine Freude haben wird, wer nach Sizilien reist oder kürzlich dort war. Die Autoren entführen in Schlösser und Lebenswelt des sizilianischen Hochadels. Den roten Faden bilden Zitate aus dem Roman "Der Leopard" von Giuseppe Tomasi di Lampedusa, der auf Italienisch aus persönlichen Gründen nicht "Il Leopardo", sondern "Il Gattopardo" heißt. Um die Verwirrung perfekt zu machen, sei angemerkt, dass das berühmte Wappentier zwar in der Heraldik Leopard genannt wird, aber in Wirklichkeit ein Löwe ist. Lampedusa, dessen Palazzo zerbombt worden war, starb 1957, ein Jahr vor Erscheinen des Romans.

Der Text des Bandes ist um Klassen intelligenter als der vieler anderer Bücher der Zu-Gast-bei-Kategorie und die Aufnahmen der Interieurs und der für dieses Buchprojekt aus Schränken und Truhen geholten Objekte sind hinreißend. "Tomasi di Lampedusas Sizilien" ist ein verschwenderisch ausgestatteter Bildband zum Schwelgen. Eines der Bücher, über denen sich die Armen in den Reichtum träumen. Aber das Team beherrscht sein Metier. Die Information, dass der schier orientalische Reichtum, das Nichtstun und die Exklusivität des sizilianischen Hochadels auf die unbarmherzige Ausbeutung der Landbevölkerung gegründet war, wird nicht gerade ausgestellt, aber auch nicht verschwiegen. Wir haben nicht nur ein Buch zum Schwelgen vor uns, sondern auch eine kulturgeschichtlich reizvolle Neuerscheinung. Die Welt, die sie beschreibt, gibt es nur noch in Spuren.

Tomasi Di Lampedusas Sizilien Von Jean-Bernard Naudin, Gerard Gefen, Lydia Fasoli und Fanny Calefati di Canalotti. Knesebeck Verlag, München 2001. 184 Seiten, geb., 240 Bilder, öS 715,-/e 51,96