Digital In Arbeit

Mit dem Nudelholz abgeflachter Tetraeder

1945 1960 1980 2000 2020

Im sechsten und scheinbar letzten Messner Mountain Museum am Kronplatz hoch über Bruneck geht es um traditionellen Alpinismus, der und den Reinhold Messner geprägt hat. Gebaut wurde es von der Star-Architektin Zaha Hadid als kaum bespielbare kurvige Hülle.

1945 1960 1980 2000 2020

Im sechsten und scheinbar letzten Messner Mountain Museum am Kronplatz hoch über Bruneck geht es um traditionellen Alpinismus, der und den Reinhold Messner geprägt hat. Gebaut wurde es von der Star-Architektin Zaha Hadid als kaum bespielbare kurvige Hülle.

Um es gleich vorweg zu sagen: Wegen dem, was im neuesten Messner Mountain Museum zu sehen ist, muss man sich den weiten Weg nicht antun. Es sei denn, man hat wie Reinhold Messner ein unersättliches Faible für alles Bergige, um das sich letztlich alle seine Museen drehen. Deren Spielorte haben es allerdings immer in sich - sei es das Schloss Juval im Vinschgau, die Burgruine Sigmundskron bei Bozen oder eine künstliche Höhle in Sulden am Ortler, wo das Thema Berg jeweils unter einem anderen Gesichtspunkt verhandelt wird.

Mentale Entschleunigung

Konkurrenz macht ihnen seit wenigen Monaten das neue Messner-Museum am Kronplatz: in Sachen Standort genauso wie in Architektur. Ist doch das 360°- Panorama hier oben scheinbar unendlich und lässt ein kleines bisschen das vergessen, was auf diesem weiten Plateau an architektonischen Scheußlichkeiten herumsteht - das neue Museum natürlich ausgenommen.

Im Winter ist am Kronplatz die Hölle los, im Sommer hatte man hier seine Ruhe -bis zur Eröffnung des neuen Hauses jedenfalls, das täglich von rund 1000 Architektur-Touristen regelrecht gestürmt wird. Für Reinhold Messner von viel zu vielen, sollen für ihn Museen doch prinzipiell Orte mentaler Entschleunigung sein.

Die Idee, durch ein architektonisch spektakuläres Zeichen mehr Touristen auf den Brunecker Hausberg zu locken, hatte das Konsortium Skirama Kronplatz, der Dachverband der lokalen Seilbahnbetreiber. Ursprünglich gedacht war eine Aussichtsplattform. 2012 wurde ein geladener Architektenwettbewerb ausgeschrieben, bei dem die international umtriebige Londoner Baukünstlerin Zaha Hadid ihre fünf Südtiroler Konkurrenten mit links aus dem Rennen geworfen hat. Doch bevor der Auftrag an sie vergeben werden konnte, trat Reinhold Messner mit der Idee, statt der Plattform ein Museum zu bauen, auf die Bildfläche: finanziert von Skirama Kronplatz und bespielt von ihm.

Hadid machte sich ans Umplanen, um nun statt einem weit über dem Abgrund auskragenden Balkon eine Höhle in die Kante des Plateaus hineinzugraben. Auf den Kronplatz hat sich die Architektendiva zwar nie bemüht - nicht einmal zur offiziellen Eröffnung am 23. Juli -, virtuell entwickelte sie sich aber zu einer sehr sperrigen Sparringpartnerin für Reinhold Messner. Ihr habe er viele seiner grauen Haare zu verdanken, seufzt er, letztlich gesiegt habe aber die (Bau-)Kunst - die nicht unbedingt gut für die Kunst sein muss, für die sie letztlich gedacht ist.

In der schwierig bespielbaren dreigeschoßigen Raumskulptur gibt es nur ganz wenige gerade Wände, an die Messner seine Bergbilder hängen konnte. Bei deren Anblick wird sofort klar, dass es hier um das geht, was dargestellt ist und nicht wie. So hängen pompös gerahmte, nicht wirklich gut gemalte "Schinken" aus dem 19. Jahrhundert neben banal aufkaschierten Fotos, während an den Wänden Sager von diversen Berühmtheiten zum Mythos Berg zu lesen sind. Und da in dieser spektakulären Hülle letztlich die Geschichte des Bergsteigens in den letzten 250 Jahren erzählt werden soll, liegen in Vitrinen u.a. Eispickel, Karabiner, Rucksäcke und Bergschuhe legendärer Kollegen von Reinhold Messner und natürlich auch von ihm selbst.

Als leidenschaftlicher Kritiker der Praxis eines kommerzialisierten Achttausender-Tourismus hat Messner eine jener Leitern über den Eingang des Museums gehängt, mittels derer jährlich Tausende auf den Mount Everest gebracht werden. Dieser Eingang ist ein sieben Meter hoher Schlund, der die sich über einen schmalen Weg annähernden Wanderer einsaugt, um sie sofort durch drei eigenartig verzogene Trichter wieder auszuspucken: real auf einen weit über dem Abgrund auskragenden Balkon, virtuell durch zwei riesige Fenster, die für Messner wichtige Teile der Landschaft rahmen.

Nichts gerade, nichts im Lot

Der Schlund und die drei Trichter sind das einzige, das von außen vom Messner Mountain Museum zu sehen ist. Dessen Grundform ist ein Tetraeder, der "wie mit dem Nudelholz abgeflacht" zu sein scheint, wie Andrea Del Frari, der Geschäftsführer von Skirama Bozen, das Wesen dieser speziellen Architektur auf den Punkt bringt: Nichts ist gerade, nichts im Lot, alles kurvig geschwungen, gepuzzelt aus 380 dünnen - außen hellen, innen dunkelgrauen - Betonmodulen, von denen jedes anders ist.

Messner Mountain Museum Corones auf dem Kronplatz

Winteröffnungszeiten: 28.11. - 10.4., tägl. 10 - 16 Uhr

www.messner-mountain-museum.it

FURCHE-Navigator Vorschau