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Mit dem Smartphone auf die Pirsch gehen

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Engagierte Bürger, die messen, beobachten und kartografieren: Immer mehr Initiativen zielen darauf ab, die breite Bevölkerung an der Forschungsarbeit zu beteiligen. Wie die globale "Citizen Science"-Bewegung die Wissenschaft von unten herauf verändert.

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Engagierte Bürger, die messen, beobachten und kartografieren: Immer mehr Initiativen zielen darauf ab, die breite Bevölkerung an der Forschungsarbeit zu beteiligen. Wie die globale "Citizen Science"-Bewegung die Wissenschaft von unten herauf verändert.

Ihr Schicksal wurde lange Zeit nicht beachtet, jetzt läuten die Alarmglocken: Die heimischen Schmetterlinge leiden unter dem schleichenden Verschwinden artenreicher Blumenwiesen, aber auch an der fortschreitenden Zersiedelung und landwirtschaftlichen Intensivierung. Mehr als die Hälfte der Tagfalter in Österreich sind akut vom Aussterben bedroht. Für Experten ist das ein klares Indiz für eine Schieflage des gesamten Ökosystems.

Das betont ein kürzlich präsentierter Bericht der Stiftung "Blühendes Österreich", die von der Umweltschutzorganisation GLO-BAL 2000 und der REWE International AG ins Leben gerufen wurde. "Wir möchten diesen Report als Weckruf für Österreich verstanden wissen", sagt Studienautor Peter Huemer vom Tiroler Landesmuseum Ferdinandeum.

Steckbrief für Schmetterlinge

Um diesem "stillen Tod" entgegenzuwirken, steht ab dieser Woche eine kostenfreie Schmetterlings-App mit Informationen und Bildern der heimischen Tagfalter in den App Stores von Android und Apple zur Verfügung. Damit ruft GLOBAL 2000 zur ersten "Schmetterlings-Volkszählung" in Österreich auf: einfach über das Smartphone wischen, und schon kann der gesichtete Schmetterling anhand von "Steckbriefen" bestimmt werden. Die Dokumentation erfolgt per Knopfdruck: ein wichtiger Beitrag, um die Bestandsentwicklung dieser Tiere abschätzen zu können. Interessierte Laien-Forscher betätigen sich hier in einem Feld, das derzeit aufgrund mangelnder Forschungsfinanzierung brach liegt - weil es eben nicht von der professionellen Wissenschaft beackert wird.

Auch Apfel-, Birnen-, Marillen-und andere Obstbäume sollen nun per Smartphone-App dokumentiert werden. Das Projekt "ObstVerrückt" will Hobby-Klimaforscher dazu bewegen, die Entwicklungsphasen der Bäume zu beobachten. Der Hintergrund: In Österreich hat sich die Vegetationsperiode durch den Klimawandel in den letzten Jahrzehnten um rund zwei Wochen verlängert. Die ersten Blüten und der Beginn des Laubaustriebs erfolgen heute um bis zu zehn Tage früher als vor 30 Jahren. Noch immer ist nicht ganz erforscht, in welchem Ausmaß einzelne Faktoren wie Temperatur, Regen und Sonnenscheindauer auf die Entwicklung der Pflanzen wirken. "Die von den Bürgern erhobenen Daten gehen in eine österreichische und in eine europäische Datenbank ein und stehen somit weltweit der Forschung zur Verfügung", erklärt Thomas Hübner von der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG).

"Citizen Science Award" 2016

Das sind nur zwei aktuelle Projekte im Bereich der österreichischen Bürgerforschung. Allein bei den heurigen "Citizen Science Awards" des Wissenschaftsministeriums wurden insgesamt zehn Projekte initiiert: Sie sollen zum Beispiel eruieren, wie viele Igel in Österreichs Gärten leben oder wie viele Dachse im Großraum Wien zu finden sind. Technik-Fans können mittels einer Foto-App die Veränderung von Landflächen und deren Auswirkungen auf die Umwelt dokumentieren. Medizinisch Interessierte erforschen im Projekt "ALRAUNE", ob die Entstehung von Allergien durch den Lebensstil oder durch Umweltfaktoren beeinflusst wird. Und beim "Tea Bag Index" wird anhand vergrabener Teebeutel die Zersetzungsrate von organischem Material in Böden gemessen. Schulklassen und Vereine, Einzelpersonen und Gruppen sind hier eingeladen, den Forschungsprozess aktiv mitzugestalten. Preisgelder und Sachpreise sollen als Anreiz dienen. Für die Schulklasse, die durch besonders einfallsreiche Strategien glänzt, winkt ein Sonderpreis von 3000 Euro.

Die Einbindung der Bürger ist nur die Speerspitze einer breiten Entwicklung zur Öffnung der Wissenschaft. Der viel zitierte Elfenbeinturm der Forscher und Gelehrten wird heute für die allgemeine Öffentlichkeit zunehmend transparent. Das zeigt sich auch in den vielen Initiativen zur Wissenschaftskommunikation und den "OpenAccess"-Strategien, die darauf abzielen, sämtliche Studiendaten über das Internet frei zugänglich zu machen. Zudem setzt die österreichische Regierung auf eine "Open-Innovation"-Strategie, um die Gesellschaft an Innovationsprozessen teilhaben zu lassen - und damit eine Dynamik zu erzeugen, die mit traditionellen Methoden nicht zu erreichen ist.

Gegen Wissenschaftsskepsis

"Citizen Science" ist zu einer globalen Bewegung geworden, so der Tenor der ersten internationalen Konferenz des Europäischen Vereins für Bürgerwissenschaften (ECSA), die vom 19. bis 21. Mai in Berlin stattgefunden hat. "Die Bürgerforschung wird immer mehr zu einem anerkannten Forschungsansatz - in der Wissenschaft ebenso wie in Gesellschaft und Politik", sagte der ECSA-Vorsitzende Johannes Vogel, Direktor des Museums für Naturkunde Berlin. Das zeige sich in den unterschiedlichen Netzwerken und staatlichen Initiativen, der EU-Forschungsagenda und der Gründung von "Citizen Science"-Vereinen weltweit. Ganz neu freilich ist der Ansatz nicht: Schon vor Jahrhunderten haben Laien wichtige Beiträge zur Forschung geleistet. Im digitalen Zeitalter von "Big Data" aber, wo sich die Bürger via Smartphone oder E-Mail ganz simpel mit professionellen Forschungsteams vernetzen können, werden der "Citizen Science" nun schier unglaubliche Möglichkeiten attestiert.

Bei der Professionalisierung der Bürgerforschung gilt es jedoch einige Herausforderungen zu meistern. Die Qualitätskontrolle der von Laien erhobenen Daten steht hier an oberster Stelle. Auch das fehlende Hintergrundwissen in der Bevölkerung kann mitunter zu enttäuschenden Ergebnissen führen. Beim Berliner Kongress wurde daher vorgeschlagen, beim Ko-Design von Forschungsprojekten weniger die allgemeine Öffentlichkeit, sondern vielmehr spezifische Interessensgruppen einzubinden. Gefragt sei eine Gratwanderung zwischen Inklusion und Exklusion: Denn einerseits soll "Citizen Science" für größere Teile der Gesellschaft bedeutend sein; andererseits gilt es natürlich auch, auf institutioneller Ebene Macht zu erlangen.

In der Partizipation sehen Wissenschaftsstrategen jedenfalls ein gutes Mittel gegen die Technologie- und Wissenschaftsskepsis. Mit der Unterstützung von "Citizen Science" und ähnlichen Initiativen verfolgen Regierungen das Ziel, Europa technikfreundlicher zu machen. Das wissenschaftliche Interesse aber soll in allen Richtungen angefacht werden: Das gilt auch für Obstbäume und Schmetterlinge.