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Mit einem lichtblauen Auge

Die Entsorgungs- und Recycling-Branche hat mit den Auswirkungen der Finanz- und Wirtschaftskrise zu kämpfen. Es wird ein Preisverfall bei Rohstoffen verzeichnet. Besonders Produzenten von Verpackungsmaterial leiden: es wird weniger benötigt. Aber es gibt auch Grund zur Hoffnung, dass die Talsohle durchschritten ist.

Müll ist wertlos. Was für die meisten Menschen wohl schon immer Status quo war, ist für einige in der Wirtschaftskrise bittere Realität geworden. Die Krise drücke die Preise der Sekundärrohstoffe, hieß es in zahlreichen Medienberichten, das Recycling befinde sich in einer ebenso schlimmen Krise wie die Wirtschaft.

Rudolf Platzer kann das bestätigen. "Die Branche ist sowohl in einer quantitativen als auch in einer preislichen Krise", erklärt er. "Quantitativ, weil durch die schwache Wirtschaftslage einfach weniger Müll anfällt, und preislich, weil durch die gedrosselte Produktion einfach viel weniger recyceltes Material gebraucht wird."

Geschäft mit dem Weggeworfenen

Platzer ist Vorstand der .A.S.A. (Abfall Service Austria), die zusammen mit der Saubermacher AG aus Graz und der AVE aus Linz die Spitze der österreichischen Abfallwirtschaft bildet. Den restlichen Markt bilden kleinere Privatunternehmen und, vor allem in den Ballungsräumen, die Kommunen selbst. So kümmert sich in Wien die MA 48 um die gesamte Entsorgung des Hausmülls, während in ländlichen Gegenden die Gemeinden private Anbieter mit diesen Tätigkeiten betrauen. Das Ergebnis ist ein relativ ausgeglichener Markt, in dem die drei größten Unternehmen zusammen nur 15 Prozent Marktanteil haben. Die .A.S.A. ist dabei mit einem Umsatz von knapp 100 Millionen Euro im Jahr knapp hinter AVE und Saubermacher die drittgrößte, macht das aber durch Vorteile in Osteuropa, wo auch die anderen beiden vertreten sind, wieder wett. Ursprünglich wurde sie 1988 von der Österreichischen Industrieholding AG (ÖIAG) gegründet, heute ist sie zu 100 Prozent in Besitz des spanischen Konzerns Fomento de Construcciones y Contratas (FCC). Am Schicksal der Firma hängen die Einzelschicksale von über 4.000 Mitarbeitern, 600 davon in Österreich.

Der Preisverfall macht sich bei allen so genannten Sekundärrohstoffen durch die Bank bemerkbar. Teilweise erzielen sie nur noch einen Bruchteil des Preises von vor wenigen Monaten. So fiel beispielsweise der Preis für gemischtes Altpapier von etwa 100 auf etwa 10 Euro pro Tonne, jener für Eisenschrott von fast 400 auf unter 100. Preise, bei denen man nicht ohne Verlust verkaufen kann, wie Platzer erklärt.

Massiver Preisverfall

Woran das liegt, ist einfach erklärt: Bevor die Krise zu ihrem globalen Rundumschlag ausholte, waren die Sekundärrohstoffe in der Produktion heiß begehrt und die Preise dementsprechend hoch. Die Zulieferer der Autoindustrie verschlangen beispielsweise Unmengen an Altmetallen und Kunststoffen, die jetzt schlichtweg nicht mehr, oder zumindest nicht mehr in diesen Ausmaßen, gebraucht werden. Der Preisverfall war die unmittelbare Konsequenz.

Beim Altpapier verhält es sich ähnlich, wenn auch der Grund für die gesunkene Nachfrage hier auf den ersten Blick weniger offensichtlich ist. Unternehmen und Haushalte verbrauchen natürlich auch während der Krise nicht weniger Papier. Umso stärker ist dafür eine Produktgruppe betroffen, die von nahezu allen anderen Industriezweigen abhängig ist: Die Verpackungen. Auch hier gibt die Autoindustrie mit den unzähligen Einzelteilen, die in Kartonagen durch die ganze Welt geschickt werden müssen, ein gutes Beispiel ab. Wenn keine Autos produziert werden, werden auch weniger Kartonagen produziert. Gleiches gilt für nahezu jedes andere Luxusgut, auf das der Mensch in Zeiten der Krise verzichtet und das in Karton verpackbar ist.

Das Ergebnis manifestiert sich in den Lagern von Entsorgungsbetrieben überall auf der Welt, auch in Österreich. Dort stapeln sich jetzt jene Sekundärrohstoffe, die nicht gewinnbringend verkaufbar sind, und warten auf bessere Preise. Daraus ergeben sich vorwiegend zwei Probleme: Erstens sind die Lagerkapazitäten begrenzt und zweitens geht selbst dem größten Unternehmen irgendwann finanziell die Luft aus, wenn es über längere Zeit seine Produkte nicht an den Mann bringt. Für Rudolf Platzer sind beide Probleme noch nicht akut. Von der Lagerkapazität her hätte die .A.S.A. noch einigen Spielraum und auch die Umsatzeinbußen seien vorerst zu bewältigen. Ohne drastischere Maßnahmen wie Personalabbau, wie er versichert. "Wenn Sie mich das in einem Jahr fragen, und die Lage hat sich nicht gravierend geändert, dann hätten wir aber ein Problem."

Personalabbau in Osteuropa

Für die Standorte der .A.S.A. in Osteuropa gilt das nur bedingt. Dort arbeiten .A.S.A.-Mitarbeiter teilweise in Betrieben der Automobilindustrie oder bei deren Zulieferern und sorgen dort für die Abfall-Sortierung direkt vor Ort. Von etwa 400 derartigen Stellen mussten bereits 150 abgebaut werden. Darüber, ob das auch in Österreich notwendig wird, entscheidet der Faktor Zeit. Für kleinere Betriebe, die finanzielle Durststrecken naturgemäß weniger lang aushalten, gilt das umso mehr. Bleibt die Konjunktur weiter im Keller und bleiben damit die Sekundärrohstoffe in den Lagern, so werden Gegenmaßnahmen unumgänglich sein. Ähnlich, wie das auch in jenen Branchen der Fall war, die jetzt für die Krise der Entsorger verantwortlich sind. "Bis jetzt sind mir aber keine derartigen Maßnahmen bekannt", meint Daisy Kroker, Geschäftsführerin vom Verband Österreichischer Entsorgungsbetriebe (VÖEB): "Auch nicht bei den kleineren Unternehmen." Im Gegenteil, im Moment gebe es sogar Grund zur Hoffnung, dass die Talsohle der Krise bereits durchschritten sei.

Rudolf Platzer teilt diese Hoffnung. "Man sieht in den Preisen schon seit einiger Zeit einen schwachen Aufwärtstrend", erzählt er, "sowohl bei Kunststoffen, als auch bei Papier und Metall." Trotzdem bleibt er vorsichtig. Die .A.S.A. mache ihre weitere Vorgehensweise in Österreich von den Zahlen des ersten Halbjahres 2009 abhängig, die demnächst zur Verfügung stehen werden. Sollte sich der Trend, der sich in der Preisentwicklung andeutet, allerdings fortsetzten, so ist man, wie Platzer es ausdrückt, "mit einem lichtblauen Auge davongekommen."

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