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Mit lauter Lügen in die große Einsamkeit

Am Salzburger Landestheater ist Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land“ in einer Inszenierung von Werner Schneyder zu sehen: keine zwanghafte Modernisierung, sehr nah an Schnitzlers Text.

Ihr Ego zu polieren ist nicht ausschließlich Sache moderner Manager, die sich ewige Jugend schwören und auf ihrem Anti-Aging-Trip nichts auslassen, was ihre Männlichkeit vermehrt. So tat es auch vor hundert Jahren der Fabrikant Friedrich Hofreiter in Arthur Schnitzlers Tragikomödie "Das weite Land“.

Der Schriftsteller, Kabarettist und Regisseur Werner Schneyder hat am Landestheater Salzburg mit den Schauspielern des Hauses das Stück in einer Inszenierung erarbeitet, die kein Wort umdreht oder modernisiert, sondern in der er "modern sprechen“ lässt. Beabsichtigt ist also kein Regietheater und keine "Verheutigung“ des Textes, was meist auf Missverständnisse eines Regisseurs bei der Lektüre des Textes zurückzuführen ist. Schneyder wollte am Wort Schnitzlers bleiben, nicht Bleigewichte anhängen, wo die Komödie ihr Recht hat. Und dann, wenn durch den Tod des jungen Otto von Aigner im Duell die Tragödie ausbricht, zeigt sich in der Deutung Schneyders die Oberflächlichkeit der an diesem "Reigen“ Beteiligten außer an einem, dem Doktor Franz Mauer, den Gero Nievelstein als Gegengewicht zu diesem "Bäumchen wechsle dich“-Spiel gibt.

Keine Schuldgefühle

Sascha Oskar Weis ist der Fabrikant Friedrich Hofreiter, ein Fatzke, wie man anderswo sagt, der eine Beziehung beendet und die nächste beginnt, neben seiner Frau Genia, die ihrerseits möglicherweise oder wirklich ein Verhältnis mit dem Pianisten Korsakow unterhielt, der sich dann das Leben nahm, als er nicht erhört oder das Verhältnis beendet wurde. Schuldgefühle sind der Genia von Franziska Becker nicht zu eigen, sie holt sich dann den jungen Otto von Aigner (Tim Oberließen) ins Bett, während Gatte Friedrich sich auf der Alm mit Erna (Elisabeth Halikiopoulos) vergnügt - Oberfläche mit ein bisschen bis wenig Gefühl, wohin man schaut.

Man kann den Text natürlich auch von den Frauen her lesen; die wirklich Emanzipierte ist dann Erna, während Genia nach Ottos Tod, den ihr Mann im Duell erschossen hat, zu einer gewissen Selbständigkeit findet.

Die große Einsamkeit

Das ist zu sehen und zu hören. Was nicht zu sehen und zu hören ist, sind die Konsequenzen aus diesen Verhaltensweisen. Hofreiter verdrückt sich für eine Weile weit weg, irgendwohin, die Folgen seines Duells überlässt er seinem Anwalt. Und Genia tut so, als hätte sie sich diese Trennung nicht schon längst gewünscht, wiewohl nun - da ist der Leser, Seher und Hörer gefordert - eine Phase ihres Lebens anbricht, die womöglich nicht mehr so sorglos in materieller Hinsicht wie bisher ist, sie aber auf sich selbst zurückwirft. Es könnte in neuer Umgebung auch die große Einsamkeit ausbrechen.

Die Seele ist eine tiefe Grube

Schnitzlers Sprachkunst besteht in Andeutung und Umschreibung. Sigmund Freud attestierte ihm den "psychologischen Tiefenforscher“, was den Schriftsteller und Arzt Schnitzler eher weniger beeindruckte. "Die Seele ist ein weites Land“, sagt der Hoteldirektor Doktor von Aigner, sagt aber nicht dazu, dass sie auch eine tiefe Grube ist. Karlheinz Hackl gibt diesen Aigner, sehr leise, sehr zurückgenommen und zurückhaltend, so dass man ihm den großen Frauenhelden kaum abnimmt. Der Schriftsteller Rohn, selbst ein Gehörnter, gut aufgehoben bei Werner Friedl, sieht die Verhältnisse gelassen und mit großer Selbstironie.

Christian Rinke schuf die Bühne. Die Veranda besteht aus einigen Korbstühlen und Tischchen über dem Orchestergraben. Die Villa im Hintergrund existiert in großen Skizzenflächen mit der Kennzeichnung "Glas“, "Folie“ usw. Birgit Hutter hat die Kostüme der Jahrhundertwende elegant nachempfunden. Angereist war zur Premiere ein starker Wiener Tross, der Premierenbeifall allerdings zeigte mehr Unentschiedenheit als Zustimmung.

Nächste Termine

21., 24. März, 19. April

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