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"Mit Mann, Ross, Wagen …“

Der letzte Akt der Tragödie der Grande Armée begann Ende November 1812 an der Beresina. Ein logistisches Debakel - und eine menschliche Katastrophe unvorstellbaren Ausmaßes.

Der Stand der 1812 gegen Russland aufgebotenen Streitkräfte aus dem von Napoleon beherrschten Europa wurde peinlich genau angegeben: 610.058 Mann mit 182.111 Pferden. Die Zahl jener Soldaten, die im Dezember noch in geschlossener Formation den Njemen erreichten, betrug einige Hundert bis wenige Tausend. Auch Schätzungen, dass insgesamt 80.000 Mann, vielfach invalide, aus dem Desaster gesammelt werden konnten, ändert nichts an der Katastrophe dieses "letzten Krieges“, den Napoleon führen zu müssen glaubte. "Mit Mann und Roß und Wagen / so hat sie Gott geschlagen. / Es irrt durch Schnee und Wald umher / das große mächtge Franzenheer. / Der Kaiser auf der Flucht, / Soldaten ohne Zucht …“ - so läutete zu Jahresende 1812 der Primaner E. F. August auf dem Zimmer von Turnvater Jahn die Totenglocke der napoleonischen Kriegsmacht.

1812 - 1941, "Unternehmen Barbarossa“

Das logistische Debakel dieses bestvorbereiteten Feldzuges, in dem Napoleon allein durch die Demonstration seiner militärischen Stärke den noch vor Kurzem verbündeten Zaren überwältigen wollte, begann schon im Sommer: Aus dem Blitzkrieg wurde ein Vorstoß ins Leere. Die Versorgung brach auf dem Vormarsch nach Wilna, Witebsk, Smolensk, Moskau zusammen - die Straße versank in Staub und Kot, in Sonnenglut und Regengüssen: Man braucht nur Filme vom "Unternehmen Barbarossa“ 1941 zu sehen, um sich 1812 zu vergegenwärtigen. Feldbäckereien und Handmühlen kamen nicht voran. Die ochsenbespannten Proviantwägen blieben zurück, ebenso die mitgetriebenen Viehherden. Konserven (Apperts Erfindung) waren noch nicht produktionsreif, auch Teigwaren bewährten sich nicht. Übrigens: Balzacs Père Goriot erwarb seinen Reichtum als Nudelfabrikant. Die Soldaten plünderten die Dörfer, wurden Marodeure und Deserteure - und machten die Bauern zu Partisanen. Heu und Hafer für die Pferde mangelten; feuchtes Grünfutter, auf dem Rückmarsch nur noch altes Dachstroh, ließ sie zu Tausenden verenden. Murats (König Joachim von Neapel) prächtige Kavallerie ging elend zugrunde; die Kosaken, die leichte Artillerie auf Schlitten mitführten, hatten mit ihren Lanzen leichtes Spiel, da die Handfeuerwaffen weitgehend im Winter versagten.

Der württembergische Regimentsarzt Heinrich von Roos beschrieb das Elend der Truppen auf dem Marsch und in der Schlacht - Borodino: "ein Geschrei trotz dem Donner des schweren Geschützes und Kleingewehrfeuers, als ob alle Stimmen und Sprachen Europas sich auf einmal erhoben hätten“. Am nächsten Tag ein Dorf, das mit russischen Verwundeten gefüllt war: "Mehrere Häuser lagen in Asche. Man zeigte uns in der Nähe die gerösteten, schwarzen und zu Kohlen verbrannten Skelette und einzelne Gebeine dieser unglücklichen Opfer, die unter Schmerzen hierhergeführt wurden, um ja recht qualvoll den oft so bittern Heldentod zu sterben.“ Wochen später war das Schlachtfeld nicht geräumt - "daß nämlich noch verstümmelte Krieger da leben, die in den häßlichsten Gestalten an erschossene Pferde hingekrochen sind und von diesen mit ihren Fingern, Nägeln und Zähnen die Nahrung absaugen.“ Roos sah Opfer des Erschießungsbefehls an nicht marschfähigen russischen Gefangenen, ausgeführt von badischen Grenadieren, die Napoleons Bagage, Kasse und Küche zur Beresina eskortierten.

Hunger, Kälte, Krankheit

Roos lernte Larrey, den Chefarzt der mobilen Lazarette kennen, der die Methode der Gelenkausschälung entwickelte. Nach Borodino soll dieser Chirurg mit seinen Gehilfen 200 große Amputationen en suite vorgenommen haben (die Zahl der Gefallenen und Verwundeten wurde in Zehntausenden angegeben). Wundbrand und Starrkrampf waren tödliche Folgen selbst kleiner Verletzungen. Vergeblich hatte Larrey geraten, die Soldaten aus den reichen Pelzvorräten Moskaus zu bekleiden, ebenso wurde ein wintertauglicher Hufbeschlag versäumt, fand Napoleon doch den Oktober in Moskau wärmer als in Fontainebleau.

Die demoralisierte Armee, in Moskau noch an die 100.000 Mann stark, schmolz durch Hunger, Kälte und Krankheit dahin. In den verlausten Uniformen nistete die "Kriegspest“, wie Roos den Typhus nannte. Schnee und Frost setzten Anfang November ein. Glücklich, wer einen lebensrettenden Pelzmantel als Beute mitgenommen hatte. Blut und Fleisch der Pferde waren fast das einzige Nahrungsmittel: "die gefallenen Pferde wurden sogleich von Soldaten angegriffen und oft von zehn Hungrigen umringt, die sich Fleisch abschnitten. Oefters waren solche Pferde noch nicht tot, bewegten sich noch und lebten noch, nachdem sie beinahe bis zur Hälfte ihres Fleisches beraubt waren.“ Bajonett und Säbel dienten dazu, das Pferdefleisch zu braten, am umkämpften Biwakfeuer, vor dessen Asche am Morgen die Erfrorenen zuhauf lagen. Nach der Beresina, an der Tauwetter herrschte, verschärfte sich die Kälte extrem - Larrey maß an seinem im Knopfloch getragenen Thermometer -28° (Réaumur!).

Napoleon war stolz auf das letzte Manöver an der Beresina, einem kleinen Fluss von 30 Meter Breite - er habe gezeigt, wie "man unter dem Bart des Feindes entkommt“. Tatsächlich gelang es ihm, die verfolgenden Russen zur Brücke von Borisow abzulenken. Bei der Furt von Studienka wurden zwei Brücken geschlagen. Zugunsten der ohnehin verlorenen Artillerie hatte Napoleon die Zurücklassung des Pontonmaterials angeordnet, so mussten die Pioniere unter dem Kommando General d’Eblés bis zu den Schultern im Eisschollen treibenden Fluss, die Brücke aus den Pfählen des Dorfes errichten. 30.000 Mann konnten noch die Brücke überschreiten - am Morgen des 29. November wurden die Brücken abgebrannt. Tross und Nachzügler fielen in die Hände der Kosaken, auch Roos geriet in Gefangenschaft.

Die Trümmer der Großen Armee

Roos war einer der wenigen, die das Schicksal der "allerunglücklichsten Geschöpfe dieses Krieges“ wahrnahmen. Es waren Zivilisten mit ihren Familien, die französische Kolonie Moskaus, Marketenderinnen, "Soldatenweiber“ und "Offiziersdamen“, "erwachsene Mädchen, die aus verschiedenen Gegenden Europas, vorzüglich aus den größeren Städten Deutschlands, zumal aus Hamburg, den Franzosen gefolgt waren“, Kinder die ihre Eltern verloren hatten. Am Weihnachtsabend erlebte Roos, wie 300 dieser elenden Opfer in ihrem Gefängnis in Borisow verbrannten.

Die letzte schaurige Szene spielt in der mit Proviant gefüllten Stadt Wilna. Bei einer Reise im Jahr 2004 erzählte mir die Stadtführerin, man habe bei Bauarbeiten in der litauischen Hauptstadt vor Kurzem Hunderte Gräber von Opfern des NKWD gefunden. Ich konnte erst - ohne Erfolg - widersprechen, als ich das damals im Neuaufbau befindliche Nationalmuseum besucht hatte. Dort wurde eine Ausstellung von pathologisch untersuchten Skelettteilen gezeigt - es handelte sich um die Überreste der todkrank und verhungernd nach Wilna geflohenen Trümmer der Großen Armee. Aus den Uniformknöpfen ließ sich vielfach die Regimentszugehörigkeit bestimmen, über 2000 Tote lagen in diesem Massengrab, das niemand verzeichnet hatte. Die letzten marschfähigen Truppen flüchteten in Panik vor den nachrückenden Kosaken. Das Ende der Zurückgebliebenen, "1000 Offiziere und 12.000 Gemeine aller Nationen“, war grauenvoll. In Blut und Exkrementen froren die Verwundeten am nackten Boden fest. "Säle und Zimmer lagen voll Toter und Sterbender, die in der Hungerwut ihre toten Kameraden benagten“, berichtete der der Hölle von Wilna entkommene württembergische Leutnant Karl Kurz.

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