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Mit sanftem Druck zurück in die Zukunft

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Die neue Ausbildungspflicht soll verhindern, dass Jugendliche ohne Qualifikation in eine prekäre Existenz als Hilfsarbeiter oder Arbeitslose schlittern. Doch was ist genau geplant? Und warum fallen junge Menschen überhaupt aus dem System? Eine Spurensuche.

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Die neue Ausbildungspflicht soll verhindern, dass Jugendliche ohne Qualifikation in eine prekäre Existenz als Hilfsarbeiter oder Arbeitslose schlittern. Doch was ist genau geplant? Und warum fallen junge Menschen überhaupt aus dem System? Eine Spurensuche.

Ceasar Salad als Vorspeise, danach Karfiolcremesuppe mit Tomatenchips, Schweinsbraten in der Knoblauchkruste mit Serviettenknödel und Sauerkraut sowie als süßes Finale Birnenstrudel mit Vanillesauce: Das Menü, das André Sellner am 30. August bei seiner Lehrabschlussprüfung kochen wird, kann er beinahe schon im Schlaf. Dennoch ist der 19-jährige Wiener ein bisschen aufgeregt: Neben dem vierstündigen Praxisteil wird er schließlich auch theoretisch eine halbe Stunde lang auf Herz und Nieren geprüft.

In der Hauptschule hat ihn Lernen nie interessiert. "Ich habe die Schule gehasst", gesteht er. An den Eltern habe es nicht gelegen, die hätten alles versucht - aber er sei eben stur gewesen. Eine Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung kam noch erschwerend hinzu. Die Folge war ein Stammplatz in der dritten Leistungsgruppe - gekrönt von zwei "Nicht genügend" im Abschlusszeugnis. Sein Traum, eine Kochlehre zu beginnen, lag damit in weiter Ferne. "In einem normalen Betrieb hätte ich mit diesen Noten keine Chance gehabt", erzählt Sellner. Doch ein Orientierungskurs beim AMS hat ihm einen neuen Weg eröffnet: die überbetriebliche Lehre beim Verein "Jugend am Werk" - samt um ein Jahr verlängerter Lehrzeit, um schulische Defizite zu kompensieren.

Jugendliche auf dem Abstellgleis

In knapp zwei Wochen wird der 19-Jährige nun hoffentlich Geselle sein -auch mit Hilfe von Berufsbildungsassistenten und Sozialpädagoginnen, die ihn und alle anderen rund 200 Lehrlinge hier, im Lehrbetrieb von "Jugend am Werk" in Wien-Brigittenau, im Bedarfsfall unterstützen. Ob Sellner danach auch einen Job findet, ist offen, doch seine Chancen sind intakt.

Was aber, wenn er nicht aus eigenem Antrieb zum AMS gepilgert, sondern einfach für ein paar Monate oder gar Jahre zu Hause geblieben wäre? Er wäre aus dem System gefallen - und keine offizielle Stelle hätte es gemerkt. Rund 6,8 Prozent der Jugendlichen schlittern Jahr für Jahr in eine solche Situation: Sie haben zwar ihre Schulpflicht abgesessen, beginnen aber keine weiterführende Schule oder Ausbildung. Bei den Burschen sind es sogar 7,6 Prozent. Dazu kommen noch jene Schülerinnen und Schüler, die zwar eine AHS-Oberstufe oder eine berufsbildende mittlere bzw. höhere Schule beginnen, diese aber ersatzlos abbrechen. Nicht zuletzt gibt es noch jene jungen Menschen, die ihre Lehre ad acta legen oder an der Lehrabschlussprüfung scheitern. 23,6 Prozent der Lehrlinge fallen in diese Kategorie.

Alle drei Gruppen zusammen werden von der Bildungsnomenklatur als "frühe Aus-Bildungsabbrecher" (FABA) geführt. Konkret sind es derzeit etwa 15.000 Jugendliche zwischen 15 und 17 Jahren - also 5000 pro Jahrgang -, die sich im Qualifikations-Nirvana befinden. Entsprechend düster ist ihre berufliche Zukunft: Sie haben ein vierfach erhöhtes Risiko, später einmal als Hilfsarbeiter zu landen, und ein dreifach erhöhtes Risiko, später einmal arbeitslos zu sein.

Die neue Ausbildungspflicht bis 18, die am 1. August in Kraft getreten ist, soll das tunlichst verhindern. Jene Jugendlichen, die mit dem Schuljahr 2016/17 die Pflichtschule beenden, werden erstmals zu einer weiteren Qualifikationsmaßnahme verpflichtet sein. Endet diese schon vor dem Erreichen des 18 Lebensjahres - wie etwa beim Besuch einer BMS - gilt die Pflicht dennoch als erfüllt. Vier Monate haben die Erziehungsberechtigten künftig Zeit, um sich bei der "Koordinationsstelle Übergang Schule-Beruf" in ihrem jeweiligen Bundesland zu melden, wenn ihr Kind eine Schule oder Ausbildung ersatzlos abgebrochen hat (vgl. www.bundeskost.at). Bleibt die Meldung aus, drohen ihnen Strafen von bis zu 1000 Euro.

Schlagend werden solche Eltern-Pönalen freilich erst 2018 - und das auch nur als allerletztes Mittel, wenn alle behördlichen Kontaktversuche abgewehrt wurden. Tatsächlich ist ein ungeheurer Behördenlauf geplant, um frühe Ausbildungsabbrecher zu finden und anschließend ins System zurückzuführen (siehe Kasten) - nicht zuletzt wegen des heiklen Themas Datenschutz. "In Österreich gibt es eben keinen zentralen Datenturm, wo alles automatisch zusammenfließen würde", verteidigt Sonja Schmöckel vom Sozialministerium das geplante Prozedere. Mario Steiner, Experte für frühen Bildungsabbruch am Institut für Höhere Studien sowie Autor der wissenschaftlichen Grundlagenanalyse für die "Ausbildung bis 18", kann das angesichts der "orthodoxen" Datenschutzlage in Österreich durchaus nachvollziehen - würde sich aber ein praktikableres Monitoring-System wünschen. "In den Niederlanden sind etwa die Ausbildungs- und Schulabbruchquoten an den einzelnen Schulstandorten im Netz abrufbar, damit sich Eltern über diesen Qualitätsaspekt informieren können", erklärt er. Für österreichische Verhältnisse ein No-Go. Auch die Ausnahme von Asylwerbern aus der Ausbildungspflicht solle im Sinne der Integration langfristig überdacht werden.

Bleibt die Frage, wo der Schuh im System am meisten drückt. Laut Mario Steiner würden die Sonderschulen, wo Jugendliche aus sozial benachteiligten sowie Migrantenfamilien deutlich überrepräsentiert sind, besonders viele Bildungsabbrecher produzieren. Aber auch bei der Lehre besteht Handlungsbedarf: Dass jeder zehnte Lehrling nicht zur Abschlussprüfung antritt, könne nicht hingenommen werden. Ebenso Abbruchraten von über 50 Prozent bei der überbetrieblichen Lehrausbildung. "Aber man kann hier das Glas auch halb voll sehen", so Steiner. Schließlich hätten diese Jugendlichen sonst gar keine Chance.

Lehrstellenmangel und Disziplinprobleme

8,6 Prozent aller österreichischen Lehrstellen werden derzeit bereits an einer überbetrieblichen Einrichtung angeboten - in Wien, wo es anders als im Westen einen Mangel an Lehrstellen gibt, sind es bereits 22 Prozent. Allein "Jugend am Werk" bietet knapp tausend Plätze an. Doch auch bei den Jugendlichen selbst gibt es Handicaps: "Das Wissensniveau ist stark gesunken", glaubt Koch-Ausbildner Adalbert Reiländer am Standort Wien-Brigittenau. Dazu kämen oft disziplinäre Probleme und Unpünktlichkeit. Von den 19 Jugendlichen, die gemeinsam mit André Sellner die Lehre einst begonnen haben, gäbe es heute nur noch fünf.

Umso mehr Hoffnung setzt man auf die Ausbildungspflicht. Doch schon jetzt gibt es viele Erfolgsgeschichten. Zum Beispiel jene von Caroline Kern. In der Mittelschule hatte die Wienerin gravierende Probleme - nicht zuletzt wegen familiärer Schwierigkeiten. Auch die Höhere Bundeslehr- und Versuchsanstalt für chemische Industrie brach sie nach drei Monaten ab. "Der Sprung war zu groß", erzählt sie. Es folgten Bewerbungen für große Unternehmen - und lauter Absagen. Ein Jahr war sie arbeitslos, ohne dass sich das AMS oder ein Jugendcoach bei ihr gemeldet hätte. Doch schließlich erfuhr sie, dass man bei "Jugend am Werk" auch Uhrmacherin lernen könne. Heute ist sie die Beste ihres Jahrgangs und beginnt im Oktober ein Auslandspraktikum in Portsmouth. "Ich bin glücklich", sagt sie, "aber zwingen kann man jemanden dazu vermutlich nicht."

Hintergrund

Wie man einen FABA findet

Es war die Gretchenfrage: Wie detektiert man frühe Ausbildungsabbrecher (FABA), deren Eltern den Abbruch nicht binnen vier Monaten an die "Koordinationsstelle Übergang Schule-Beruf" ihres Bundeslandes melden? Und zwar ohne Verletzung des Datenschutzes? Der aktuelle Plan lautet so: Die jeweiligen Institutionen (Schulen, Arbeitsmarktservice, Lehrlingsstellen der Wirtschaftskammern, Hauptverband der Sozialversicherungen etc.) melden die Daten von Jugendlichen, die eine Ausbildung beginnen, beenden oder abbrechen, vier Mal jährlich der "Statistik Austria", wo sie verschlüsselt ("pseudonymisiert") werden. Taucht ein Datensatz binnen vier Monaten nach einem Abbruch bei keiner weiteren Einrichtung auf, wird er wieder mit der konkreten Person verknüpft. Die nötigen Informationen werden an die jeweilige "Koordinierungsstelle" weitergeleitet, die ihrerseits schriftlich Kontakt mit den Erziehungsberechtigten aufnimmt. Gelingt dies, wird gemeinsam mit dem AMS oder dem Jugendcoaching ein individueller Perspektivenplan erstellt. (Die österreichweit 440 Jugendcoaches begleiten Jugendliche ab der 9. Schulstufe bzw. auch außerhalb der Schule, die gefährdet sind, auf Grund persönlicher oder anderer Probleme keinen Abschluss zu erlangen.) Reagieren die Eltern nicht, meldet sich nochmals direkt das Jugendcoaching. Scheitert auch das, folgt ein weiteres Schreiben der Koordinierungsstelle. Erst, wenn dieses unbeantwortet bleibt, meldet die Koordinierungsstelle den Fall dem Sozialministeriumsservice, das eine Anzeige bei der Bezirksverwaltungsbehörde erstattet. Beim ersten Verstoß drohen den Erziehungsberechtigten 100 bis 500 Euro Strafe, im Wiederholungsfall 200 bis 1000 Euro. Im Zuge der "Ausbildung bis 18" sollen sowohl Jugendcoaching als auch die Koordinierungsstellen personell aufgestockt werden. (dh)

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