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Miteinander an der Zukunft tischlern

1945 1960 1980 2000 2020

Der Berliner Verein "Cucula" bietet Flüchtlingen Werkstatt und Schulprogramm und hilft ihnen so, sich aus der Stigmatisierung als "Opfer" zu lösen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Erfolge wie der Auftritt bei der Mailänder Möbelmesse tragen dazu bei.

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Der Berliner Verein "Cucula" bietet Flüchtlingen Werkstatt und Schulprogramm und hilft ihnen so, sich aus der Stigmatisierung als "Opfer" zu lösen und Selbstbewusstsein zu entwickeln. Erfolge wie der Auftritt bei der Mailänder Möbelmesse tragen dazu bei.

Cucula" ist ein Begriff der westafrikanischen Haussa-Sprache und bedeutet, etwas zusammen tun, gemeinsam schaffen. Genau das geschah im Herbst 2013, als Barbara Meyer vom Berliner Jugend-und Kulturzentrum "Schlesische27" künstlerische Workshops mit Migranten und Deutschen organisierte und Flüchtlingen vom Oranienplatz-Protestcamp ein Winterobdach bot. Sebastian Däschle, Designer, Architekt und Bühnenbildner wirkte als Möbeldozent mit. Zu diesem Zeitpunkt beschäftigte er sich mit dem italienischen Designer Enzo Mari und dessen Selbstbauplänen für Möbel aus dem Jahr 1974, wonach jeder und jede selber Möbel bauen kann. Das Echo war damals riesig, Menschen aus aller Welt verwendeten Maris Vorlagen.

Auch fünf Berliner Flüchtlinge, die mit Däschle arbeiteten, waren mit riesigem Enthusiasmus dabei und nach drei Wochen waren tolle Möbel entstanden. Mangels richtiger Bleibe, erzählt Sebastian Däschle, konnten sie die Möbel nicht selbst gebrauchen, stattdessen brauchten sie aber eine Beschäftigung. So entstand die Idee, eine Werkstatt zu gründen, "Cucula", und den Flüchtlingen darüber hinaus Deutschkurse anzubieten und somit die Möglichkeit, richtig anzukommen. Sie alle waren über das Mittelmeer von Libyen aus nach Lampedusa geflohen.

Weihnachten 2013 bat Sebastian Däschle den nunmehr schon 83-jährigen Enzo Mari, seine Entwürfe in diesem Kontext kommerziell verwerten zu dürfen, der stimmte begeistert zu. Per "Crowdfunding", einer Form des Spendensammelns übers Internet, trieb man das nötige Startkapital auf.

Ein Projekt mit Höhen und Tiefen

Den ersten großen Auftritt hatten die Möbelmacher von "Cucula" auf der Mailänder Möbelmesse. Eine Herausforderung, erzählt Däschle, denn dies ist eine Designmesse, wo es ja eher um Oberflächlichkeiten geht. "Die Jungs sind dort aufgeblüht, weil sie endlich in einer neuen Rolle waren und sie ihre Geschichte erzählen konnten und positive Rückmeldungen erhielten, was sie schon jahrelang nicht mehr erlebt hatten."

Neben den getreuen Nachbauten der Entwürfe von Enzo Mari gibt es auch Weiterentwicklungen -was Enzo Mari schon in den 1970er Jahren anstrebte, als er die Möbel entworfen hatte. Als Sebastian Däschle und Corinna Sy, ebenso Designerin und Mitarbeiterin des Projekts "Cucula", zu einem Festival auf Lampedusa eingeladen wurden, bat einer der Flüchtlinge, der in der Möbelwerkstatt mitarbeitet, man möge doch bitte Teile "seines" Bootes mitnehmen. Er wollte daraus einen Stuhl bauen. Er war von der Überfahrt noch immer traumatisiert und wollte so dieses Trauma in eine bessere Zukunft wandeln. Natürlich war es unmöglich, sein Boot zu finden, sie schickten aber einige Bootsreste vom sogenannten Schiffsfriedhof von Lampedusa nach Berlin, um sie als Rohmaterial zu nutzen. Es gab heftige Diskussionen darüber, erzählt Däschle, ob man das tun könne oder nicht. Aber der Wunsch, dieses Material in die Möbel miteinzubauen, war von Seiten der Flüchtlinge sehr stark: Bewusst wollen sie die Frage, ob man das zum Produkt machen dürfe, ob man das so nah an sich heranlassen dürfe, an die Kunden weitergeben.

Organisiert ist "Cucula" als Verein. Ein guter Teil der Zeit geht für Deutschkurse drauf, sowie für verschiedene bürokratische Angelegenheiten -nicht alle Flüchtlinge, die in der Werkstatt arbeiten, haben einen gesicherten Status.

"Das Projekt ist von unglaublichen Höhen und Tiefen geprägt", erzählt Däschle, "auf menschlicher wie auf Projektebene". Er selber will das Projekt ins richtige Fahrwasser bringen, um dann neue Dinge zu machen: "Wenn man als Gestalter ein Haus entwirft, dann wohnt man später nicht drin."

Cucula -Refugees Company for Crafts and Design www.cucula.org

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