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Modell der Antike für Kirchen-Zukunft?

Ein Blick nach Ägypten zeigt: In den ersten nachchristlichen Jahrhunderten lebten nur Mönche ehelos. Ihr Verzicht auf Kinder war ein besonders glaubwürdiges religiöses Zeugnis, waren doch Kinder oft die einzige soziale Absicherung für alte Menschen und ein Garant für Wohlstand. Der Lebensentwurf der Ehelosigkeit ist heute längst mehrheitstauglich.

Im Rahmen der Ereignisse der vergangenen Monate ist auch das Zölibat als eine Zulassungsbedingung für das Priesteramt infrage gestellt worden. Dies legt es nahe, sich der Frage des Zölibats aus der Sicht der historischen Forschung zu nähern.

Der Blick auf Ägypten ist nötig. Dorthin zog man bereits im vierten Jahrhundert, um das Mönchtum kennenzulernen, von dort wurden wichtige Impulse für das christliche Mönchtum in die ganze Welt getragen — sei es, dass Männer wie Johannes Cassian in den Berichten von ihren Erkundungsreisen das dortige Mönchtum schilderten, sei es, dass die Regeln der ägyptischen Mönche übersetzt wurden und damit für andere Regionen als Vorbilder wirken konnten.

Kirchliches Amt als Störfaktor

Um es gleich vorwegzunehmen: Die Verbindung von geistlichem Amt und zölibatärem Leben ist in Ägypten für diese Zeit nicht zwingend. Im Gegenteil: Die Mönche waren großteils Laien und wollten gar nicht zu Priestern geweiht werden, da dies sie von ihrer Berufung und ihrem religiösen Leben abzuhalten drohte. Mit anderen Worten: In den Anfängen lehnten es gerade diejenigen ab, in kirchlichen Ämtern Karriere zu machen, die sich zu einem zölibatären Leben berufen fühlten, da sie befürchteten, dadurch in ihrem religiösen Leben gestört zu werden. Umgekehrt waren geistliche Amtsträger oft verheiratet und hatten in der Regel dann auch Kinder treu der Weisung des Timotheusbriefs (1 Tim 3,2.4): „Deshalb soll der Bischof ein Mann ohne Tadel sein, nur einmal verheiratet, nüchtern, besonnen, von würdiger Haltung… Er soll ein guter Familienvater sein und seine Kinder zu Gehorsam und allem Anstand erziehen.“

Bei vielen der auf Papyrus erhaltenen Briefe kann die Frage nicht beantwortet werden, ob ein Brief an zölibatär lebende Menschen gerichtet war oder nicht. Die Grüße gehen an einen „geliebten Bruder“ oder einen „ehrwürdigen Vater“, das ganze Haus wird gegrüßt — und dabei ist dann oftmals nicht zu klären, ob die Anreden reale oder spirituelle Verwandtschaftsbeziehungen meinen, ob also der leibliche Vater oder eine höhergestellte religiöse Persönlichkeit gemeint ist.

Damit ist jedoch ein weiteres Element des zölibatären Lebens in Ägypten erwähnt, das ebenfalls in dieser Form nicht für das katholische Priestertum der Moderne kennzeichnend ist: Man lebte meist in Gemeinschaften von – teilweise erstaunlich großen – Klöstern, die dann in einzelne „Häuser“ unterteilt wurden. Heute würde man von Wohngemeinschaften innerhalb der großen monastischen Komplexe sprechen.

In einer Welt, in welcher der Tod rasch und oftmals unerwartet kam, in der die einzige soziale Absicherung des Alters in der Anhäufung von Besitz und Verwandtschaft bestand, stellte der Verzicht auf eigenen Besitz und eigene Kinder eine weitreichende Entscheidung und ein besonderes religiöses Zeugnis dar.

Wenn man dies nun mit der Gegenwart vergleicht, so fallen mehrere Aspekte ins Auge: Während die ägyptische Kirche über eine Vielzahl von zölibatär lebenden Männern verfügte, besteht heute ein Mangel. Gleichzeitig war jedoch der Zölibat nicht zwingende Voraussetzung für die Aufnahme in den geistlichen Stand. Dass in einer Mangelsituation möglicherweise über Probleme von Kandidaten hinweggesehen wird, stellt ein Risiko dar, das vielleicht auch bei den gegenwärtigen Problemen der katholischen Kirche eine Rolle gespielt haben könnte.

Das Wichtigste scheint jedoch, dass die postmoderne Gesellschaft durch eine Bevölkerungsentwicklung gekennzeichnet ist, die man euphemistisch als „Negativwachstum“ bezeichnen kann. Der Kinderwunsch ist, wenn man den Umfragen glauben darf, größer, als dann die Verwirklichung desselben. Mit anderen Worten: Kinder stellen für die private Existenz und ihre Absicherung keine Notwendigkeit dar, vielmehr können Kinder die Existenz ihrer Eltern zwar emotionell in oftmals unschätzbarer Weise bereichern, finanziell von einer Bereicherung sprechen zu wollen, würde jedoch der Wirklichkeit in den meisten Fällen widersprechen.

In der Antike waren jedoch Kinder sehr bald willkommene Arbeitskräfte, die das Familieneinkommen von Bauern – und das waren ja die überwiegende Mehrzahl der Ägypter – positiv beeinflussen konnten. Während also in der Antike Kinder Sicherheit und Wohlstand bedeuteten, „verzichten“ heute immer wieder Menschen aus unterschiedlichen Gründen auf Kinder, ohne dass es zu einem Verlust an Wohlstand und Sicherheit käme. Es kann für die Karriere sogar vorteilhaft sein, auf Kinder zu verzichten.

Der Priester: ein Single

Und damit ist die grundsätzliche Frage aus der Sicht des Historikers zu stellen: Kann in einer Gesellschaft, in welcher der Verzicht auf eine Familie aufgrund wirtschaftlicher Notwendigkeiten akzeptabel oder sogar vorteilhaft ist, ein Verzicht auf eine Familie besonderes religiöses Zeichen sein, wenn dies einfach nur eine Voraussetzung für zentrale Positionen innerhalb des Unternehmens katholische Kirche darstellt? Und vielleicht, so fragt sich der Historiker, ist der Verlust der Zeichenhaftigkeit der Existenz der tiefere Grund für die Krise des katholischen Priesteramts: Ein Priester ist aus gesellschaftlicher Sicht ein Single – und dies in einer Gesellschaft, deren prozentueller Anteil an Singles ständig steigt. Als solcher kann er mit vielen anderen Singles das Leid teilen, das die Ansprüche des Berufslebens und der Karriere eine dauerhafte Beziehung zu einem Partner verhindert haben. Und damit stellt sich die Frage: Wäre nicht vielleicht eher ein verheirateter Amtsträger mit Kindern, wie ihn die Antike kannte, ein religiöses Zeichen in einer zunehmend kinderlosen Gesellschaft?

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