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Möglichst viele Bauern retten

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Auf lange Sicht erfordert die Ernährung der Menschheit den Einsatz aller verfügbaren Agrarflächen. Für diese Herausforderung sorgt die Agenda nicht vor.

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Auf lange Sicht erfordert die Ernährung der Menschheit den Einsatz aller verfügbaren Agrarflächen. Für diese Herausforderung sorgt die Agenda nicht vor.

dieFurche: Die Finanzierung der EU-Agrarmärkte kann nicht in der bisherigen Form fortgesetzt werden. Darüber gibt es Konsens. Was wäre da ein zukunftsträchtiger Ausweg?

Heinrich Wohlmeyer: Man muß zuerst den politischen Hintergrund schildern: Die Bauern gehören nicht zur Klientel von 13 der 15 EU-Regierungen, sie sind nämlich konservativ und für sozialistisch orientierte Regierungen ist es günstiger ihrer Klientel zu sagen: Wir haben die Zuwendungen für die Bauern gekürzt. Das muß man nüchtern feststellen. Nun aber zur zukunftsträchtigen Alternative: Wirtschaftlich ideal wäre es, wenn alle Rohstoffe und Energieträger ihre wahren Kosten widerspiegelten. Würde man Erdöl, Erdgas und Kohle zu ihrem Wiederbeschaffungswert besteuern, wäre die Nachfrage nach nachwachsenden Rohstoffen so groß, daß die Agrarflächen knapp würden.

dieFurche: Wäre der Ausweg also, die Landwirtschaft nur auf die Lebensmittelherstellung zu beschränken?

Wohlmeyer: Ja. Sie hätte eigentlich Rohstoffe, Energieträger und Lebensmittel zu produzieren.

dieFurche: Wird bei der Agenda 2000 also eigentlich an der falschen Front gekämpft? Geht es primär gar nicht um Prozentpunkte von Preiskürzungen?

Wohlmeyer: Eigentlich ja. Ich habe deswegen vom Prinzipiellen gesprochen, weil es uns folgendes vor Augen führt: Wäre die gesamte Wirtschaft nachhaltig und zukunftsfähig gesteuert, hätten wir die Probleme, mit denen sich die Agenda 2000 herumschlägt gar nicht. Weil aber unser Wirtschaftssystem derzeit nicht aus den Angeln zu heben ist, muß man sich auf eine Strategie der Schadensminimierung beschränken. Einfach ausgedrückt: Für die Zukunft unserer Kinder möglichst viele Bauern retten.

dieFurche: Wird das gelingen?

Wohlmeyer: Vor dem EU-Beitritt haben die meisten den Versprechungen geglaubt, daß die bestehenden Marktordnungen unbefristet gelten würden. Niemand hat den Bauern gesagt, daß die Finanzierung in Frage gestellt werden würde. Als ich davon sprach, hat man mich ausgelacht. Damals hätte man die nicht in den Produktpreisen abgeltbaren Leistungen der Bauern - vom Grundwasserschutz über die Erhaltung der Artenvielfalt bis hin zu Landschaftspflege - mit einem Rechtsanspruch versehen müssen. Dann würde das Entgelt dafür nicht als Subvention erscheinen, die man jederzeit kürzen kann.

dieFurche: Bleibt man Bauer, wenn das Produkt, das man erzeugt, keine Abnehmer findet?

Wohlmeyer: Es geht um die Frage, wie man die Landwirtschaft durchträgt, bis sie wieder dringend gebraucht wird. Ich habe alte Bauern gekannt, die die dreißiger Jahre erlebt haben. Da war die Not nicht nur bei den Arbeitern, sondern auch bei den Bauern unbeschreiblich. Sie haben sich damals gesagt: Dieser Wahnsinn kann nicht ewig dauern, unsere Leistungen werden noch einmal nachgefragt werden. Wer die Überzeugung hat, daß langfristig Naturbewirtschaftung gebraucht wird, der kann durchhalten.

dieFurche: Aber kann er davon leben?

Wohlmeyer: Aufgabe einer Politik, die vom Wert der Landwirtschaft überzeugt ist, sich aber nicht imstande sieht, die derzeitige Weltmarktdynamik zu beeinflussen, wäre es, durch Einsatz öffentlicher Mittel möglichst viel an Einkommen zu gewähren, damit die Bauern durchhalten können. Es geht darum, ihnen das Existenzminimum zu sichern.

dieFurche: Wie geschieht das am zweckmäßigsten?

Wohlmeyer: Da die Preise die Leistungen der multifunktionalen Landwirtschaft nicht abgelten können, bedarf es eben der Abgeltung aus öffentlichen Mitteln. Zusätzliche Leistungen könnten unter dem Titel Ökologie abgegolten werden. Aber all das muß unter dem Vorzeichen laufen, daß es sich um Überbrückungsstrategien handelt. Das eigentliche Ziel muß aber das nachhaltige, zukunftsfähige Wirtschaften sein, das über die Preise finanziert wird. Sollten einmal der Verkehr, der Rohstoff- und der Energiesektor ihre echten Kosten tragen und Rohstoffkreisläufe zwingend vorgeschrieben werden, dann kommt es automatisch zu einer Regionalisierung der landwirtschaftlichen Erzeugung. Dann können die Bauern überleben.

dieFurche: Aber kann man Bauern heute überhaupt dahingehend beraten, daß sie die Zeiten einer solchen ökologisch ausgerichteten Wirtschaft erwarten?

Wohlmeyer: Ich meine, ja. Wir werden erleben, daß das jetzige Wirtschaftssystem sowohl ökonomisch (siehe Arbeitslosigkeit, Wachstum der Kluft zwischen Arm und Reich) als auch ökologisch in solche Schwierigkeiten gerät, daß es zu einer Kurskorrektur kommen muß.

dieFurche: Welche Folgen hätte es, wenn die Agenda in der derzeitigen Form beschlossen wird?

Wohlmeyer: Die EU selbst sieht voraus, daß mehr als ein Drittel der Bauern auf dem Altar dieser kurzfristigen Zielsetzungen geopfert wird. Man nimmt dann eben die WTO-Stoßrichtung als von Gott gegeben an. Wer auf den Weltmarkt exportieren will, muß dann eben auf dieses nicht kostendeckende Preisniveau heruntergehen. Dann überleben aber nur mehr Großstrukturen mit Intensivkulturen in Gunstlagen.

dieFurche: Ist ein europäischer Weg überhaupt gangbar?

Wohlmeyer: Ja. Das ist immer wieder aufgezeigt worden. Es ginge darum, die Produktion quantitativ zu beschränken. Bei der Milchkontingentierung ist es ja geschehen - auch wenn die großen Milchproduzenten wie Frankreich, Dänemark, England derzeit versuchen sie aufzuweichen. Da die Flächen auch detailliert erfaßt sind, ließe sich auch die Pflanzenproduktion quantitativ steuern. Und Gleiches könnte auch bei den Rindern und den Schweinen geschehen. Die Erfahrungen mit dem Schweinepreis legen einen solchen Schritt auch nahe. Er ist unter zehn Schilling gesunken. Bei ordnungsgemäßer Fütterung müßten es aber mindestens 17 Schilling sein. Die jetzige Konstellation erzeugt also ein massives Sterben der Schweinebauern. Nur kapitalstarke Betriebe können da überleben. Leider wird dieser sinnvolle Weg aus Gründen des Machtkampfes innerhalb Europas nicht beschritten.

dieFurche: Kontingentieren hieße beispielsweise Frankreich eine bestimmte Höchstzahl von Rindern zuzugestehen ...

Wohlmeyer: Ja. Und jedes Land hätte dann diese Zahl intern aufzuteilen. Aber es geht, wie wir erlebt haben. Interessant ist in diesem Zusammenhang, was mir der ehemalige Agrarkommissär Sikko Mansholt, von den Bauern wegen seines Eintretens für den freien Markt gefürchtet, vor einiger Zeit gesagt hat. Er meint, jetzt als alter Mann habe er erkannt, daß die Agrarmärkte, eigentlich die letzten Märkte mit einer Beteiligung vieler kleiner Anbieter, nur über quantitative Eingriffe gesteuert werden könnten. Denn der Natur der Sache nach, sei eben das Angebot und die Nachfrage starr. Daher bewirkten schon geringe Überschüsse und geringfügige Knappheiten riesige Preisveränderungen. Weil die Bauern nicht kurzfristig umdisponieren und aussteigen können, wird der Leidensdruck, den sie bei Preisverfall erleiden, sehr groß. Haben sie aber einmal aufgegeben, dann sind sie nicht mehr zurückzubringen. Agrarmärkte kann man also nicht dem freien Spiel von Angebot und Nachfrage überlassen, das weiß die Volkswirtschaftslehre seit langem. Sonst kommt es zu unnötigen sozialen Härten und zur Vernichtung von Produktionskapital. Und dabei ist eines offenkundig.

Man muß nur das IIASA-Papier vom Dezember 1996 nachlesen: Es ist höchstwahrscheinlich, daß wir langfristig bei Lebensmitteln nicht nur verteilungsbedingten Knappheiten entgegengehen. Im Klartext: Es geht in Richtung Welthungersnot. Unter diesem Aspekt ist es ein Wahnsinn jetzt Produktionskapazitäten nachhaltig zu vernichten, nur weil sie in das derzeitige Plünderungssystem nicht passen.

Das Gespräch führte Christof Gaspari. Heinrich Wohlmeyer ist Professor an der Universität für Bodenkultur in Wien.

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