Mörbischs Lebenszweck

Die diesjährige Produktion der Seefestspiele von Johann Strauß’ Klassiker "Der Zigeunerbaron“ in der Regie von Brigitte Fassbaender kann sich durchaus sehen - und auch hören lassen.

Zwar musste im vergangenen Jahr zur Halbzeit abgebrochen werden, doch das hatte es während der 19-jährigen Intendanz von Harald Serafin bei den Seefestspielen Mörbisch noch nie gegeben: eine komplett entfallene Premiere. Während im Fernsehen die Aufzeichnung der Generalprobe lief, wartete am Neusiedlersee das Publikum geduldig ein vorbeiziehendes Unwetter ab. Doch just in dem Augenblick, als man sehr verspätet beginnen wollte, öffnete der Himmel erneut seine Schleusen, womit dem deprimierten Intendanten um 22 Uhr nur die komplette Absage blieb - unangekündigt gab es für die, die ausgeharrt hatten, als Trost das Feuerwerk.

Dass hier nicht die TV-Eindrücke - die bei einer solchen Großproduktion ganz andere sind als jene des Live-Publikums - geschildert werden müssen, ist dem kooperativen Pressebüro der Festspiele zu danken, das spontan bereit war, für die dritte Aufführung am letzten Samstag nochmals Karten zur Verfügung zu stellen. Und diesmal sollten alle, die aus Nah und Fern ins Burgenland gekommen waren, großes Glück haben: Bei herrlichem Wetter ging der Operetten-Klassiker "Der Zigeunerbaron“ von Johann Strauß - das meistgespielte Stück in der Mörbischer Aufführungsstatistik - in Szene, erstmals in der Premierenbesetzung, die zwei Tage zuvor um ihren Auftritt gebracht worden war.

Viriler Barinkay, blühende Saffi

Und die konnte sich in den meisten Partien absolut hören und sehen lassen (auch wenn die Solisten in den Ensembles alles andere als ideal verstärkt wurden): Lucian Krasznec war ein viriler Zigeunerbaron Barinkay mit strahlend höhenstarkem Tenor und Sinn für feine Phrasierung und Differenzierung, Evelin Novak als dessen Angebetete eine Saffi mit blühend strömendem Sopran von angenehmer Rundung, Monika Bohinec eine Zigeunerin Czipra mit opulentem Mezzo von großem Ambitus, Wolfgang Bankl ein sonorer Schweinezüchter Zsupán und Gernot Heinrich ein versierter Ottokar. Belegt tönte dagegen die Arsena von Iva Mihanovic neben der überdrehten Mirabella von Linda Plech. Als skurriler Sittenkommissär Conte Carnero hatte Harald Serafin seine Auftritte, haderte dabei zwar zuweilen mit Text und musikalischem Takt, stellte aber in puncto Bühnenpräsenz seinen Sohn Daniel Serafin - ein glanzloser Homonay - deutlich in den Schatten. Am Pult des Festspielorchesters stand am 16. Juli erstmals Günter Fruhmann, der von wenigen Pannen abgesehen das musikalische Geschehen über die weiten Distanzen sicher im Griff hatte und mit Animo dirigierte.

Gerade die großen Dimensionen zu füllen schien Regisseurin Brigitte Fassbaender bei ihrem Seebühnen-Debüt anfänglich - trotz tatkräftiger Unterstützung des von Giorgio Madia choreografierten Balletts - etwas schwer gefallen zu sein.

Nicht unkritisch, doch nie plakativ

Und dennoch, mag zwar auch mancher Aspekt (etwa der gesuchte Schatz versteckt in einer Lokomotive, die dann von den Zigeunern zerlegt wird) diskutabel erscheinen, hat sie das Geschehen doch mit vielen Details, mit Sinn für eine ausgewogene Balance zwischen lyrischen und witzigen Passagen auf die Bühne gebracht - und hinsichtlich der "kriegerischen“ Elemente des Stücks keineswegs unkritisch, aber dennoch nie vordergründig plakativ. Bühnenbildner Rolf Langenfass hatte im Vorfeld mit Mörbisch-kritischen Aussagen aufhorchen lassen und sich von seiner Arbeit distanziert - doch die Szenerie in der Konzeption vom ihm und der Regisseurin ist ganz so ausgefallen, wie sie das Publikum seit Jahren liebt: pittoresk, stimmungsvoll und großdimensioniert.

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