Bemerkenswertes auf Grazer Bühnen: "Lulu" im Schauspielhaus, "Eugen Onegin" im Opernhaus.

Statt noblem Theatersamt das obszöne Flair eines Pariser Nachtclubs: Live-Musik, schummriges Licht, leicht gekleidete Damen. Während auf der Bühne en miniature der Eiffelturm glitzert, werden Gänge, Logen und Parterre zum Schauplatz rasanter Aktion. Matthias Fontheims Inszenierung von Frank Wedekinds "Lulu" am Grazer Schauspielhaus sprengt jedoch nicht nur die Grenzen zwischen Bühne, Vor- und Zuschauerraum. Dem Publikum wird in vielerlei Hinsicht einiges zugemutet: Slapstick, Groteske, exzessive Erotik, provozierende Nacktheit und blutrünstige Tragik. Der fast vier Stunden dauernden skandalträchtigen Urfassung von 1894 getreu folgend, spricht man neben Deutsch auch Englisch und Französisch. Dabei dreht sich der zuweilen allzu schnell durchhastete Szenenreigen vom armseligen Maleratelier über die eleganten Wohnzimmer der etablierten Gesellschaft bis hin zur grauen Tristesse einer Londoner Dachkammer (Bühne: Susanne Maier-Staufen) in verschiedenen Variationen immer um ein Thema: sexuelle Zügellosigkeit, die schließlich letal endet. Frauen und Männer erscheinen zu gleichen Teilen als Marionetten und Drahtzieher, unentrinnbar in ihr Schicksal verstrickt.

Vor allem der beachtlichen Leistung des Grazer Ensembles ist es zu verdanken, dass eine so gewagt dimensionierte Aufführung die Grenze des Erträglichen dann doch nicht überschreitet: Packende Unschuld, Naivität und Verspieltheit charakterisierten Martina Stilps Lulu. Ihr erlagen Franz Friedrich (Dr. Goll), Gerhard Balluch (Dr. Schöning), Daniel Doujenis (Schwarz) und Alexander Weise (Alwa). Friederike Bellstedt gelang es, dem weiblichen Opfer Lulus, der Gräfin von Geschwitz, auf atemberaubende Weise tragische Züge zu verleihen. Treue und kindliches Vertrauen der Titelheldin gewann Helfried Edlinger als ruhiger, abgebrühter Schigolch.

Erste Opernpremiere

Tschaikowskis "Eugen Onegin" nach Puschkin galt die mit Spannung erwartete erste Opernpremiere der Intendanz Karen Stones. Auch hier mündet Amüsement in bitteren, tödlichen Ernst. Stein Winges Regie geht von Kontrasten aus: hell und lebenslustig Olga und ihr Lenksi, dunkel die verträumte Tatjana und der kühle, von Langeweile geplagte Onegin. Die sparsam ausgestattete Bühne (Johannes Schütz) wird, wirkungsvoll unterschiedliche Perspektiven eröffnend, durch einen beweglichen schwarzen Rahmen in Vorder- und Hintergrund geteilt. Russisches Lokalkolorit verströmen die farbenprächtigen Kostüme (Sabine Böing). Angesichts der poetischen Ausdruckskraft und sinnlichen Schönheit einzelner Bilder (Licht: Reinhard Traub) vermerkt man mit Bedauern, dass die Konzeption die letzte Stimmigkeit vermissen lässt. So wirkt die Idee, einzelne Szenen zu überblenden - wohl von dem Gedanken ausgehend, die Vergangenheit reiche in die Gegenwart hinein - nicht immer schlüssig, und auch die Choreographie (Anna Pocher) mutet mitunter im Gegensatz zur Bewegtheit der Musik seltsam statisch an.

Uneingeschränkt gelungen dagegen die Besetzung der Hauptrollen mit durchwegs in Graz erstmals zu hörenden Stimmen: Allen voran bestach Tamar Iveri als Tatjana mit ihrem geschmeidigen, bis ins äußerste Piano makellosen Sopran, Mariusz Kwiecien gab einen distanziert souveränen Onegin, Karl-Heinz Lehner einen einnehmenden Fürsten Gremin. Sympathisch Will Hartmanns Lenski. Einwandfrei Claire Powell (Larina), Anna Kiknadze (Olga) und Diane Pilcher (Filipjewna). Als wahrer Star des Abends entpuppte sich jedoch das Grazer Philharmonische Orchester unter Philippe Jordan, das mit höchst kultiviertem Klang, Transparenz und Sensibilität aufhorchen ließ.

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