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Monteverdi muss nicht so langweilig sein

Auch mit dem zweiten Teil seiner Monteverdi-Trilogie, "Il ritorno d’Ulisse in patria“, vermag das Theater an der Wien nicht zu überzeugen: orchestral profillos, blutleer auf der Bühne.

In einem Theater, das sich vorgenommen hat, die Barockszene besonders zu pflegen, ist es nur eine Frage der Zeit, bis es sich den großen Monteverdi-Opern stellt. Schließlich hat dort alles begonnen. Soll man ein solches Projekt szenisch wie musikalisch dem selben Team anvertrauen oder auf mehrere Teams aufteilen? Im Theater an der Wien geht man einen differenzierten Weg: Man hat die Regie für die drei Monteverdis, "L’Orfeo“, "Il ritorno d’Ulisse in patria“ und "L’incoronazione di Poppea“, in die Hand eines Regisseurs, Claus Guth, gelegt, wechselt hingegen bei den musikalisch Ausführenden. Nach Ivor Bolton am Pult des Freiburger Barockensembles bei "Orfeo“ (2011) steht bei "Ulisse“ Christophe Rousset an der Spitze seiner Les Talens Lyriques.

Eine besondere Enttäuschung. Gewiss, "Ulisse“ ist die am schwierigsten zu realisierende Oper dieser Trias und konnte sich bisher nicht in dem Maß durchsetzen wie die beiden Schwesternwerke - trotz solch maßstabsetzender Produktionen wie der von Nikolaus Harnoncourt und Jean-Pierre Ponnelle in den 1970er-Jahren an der Zürcher Oper. Natürlich hängt dies auch mit dem Problem der Authentizität des Stücks zusammen. Von ihm existiert nur eine - übrigens in der Musiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek - liegende Abschrift. Diese lässt sich nicht als herkömmliche Partitur ansprechen. Abgesehen von offenkundigen Fehlern muss man die Instrumentierung ergänzen.

Vieler Impulse beraubt

Rousset tat dies behutsam, erweiterte die Streicher durch Zinken und Blockflöten, das Continuo durch Orgel, Regal, Harfe, Gitarre und Lirone. Freilich, der Beginn des Abends wirkte, wie wenn man sich erst einspielen wollte. Erst während des zweiten Teils dieser an Spannung zunehmend verlierenden Premiere hatte man das Gefühl, dass sich die Musiker wirklich gefunden hatten. Das lag auch an der grundsätzlichen Einstellung Roussets, der betonte, dass der "schöpferische Impuls einer Neuinszenierung“ vom Regisseur ausgehe, nicht aber vom Dirigenten. Was nicht heißen müsste, dass man sich so dezent im Hintergrund hält und damit vieler Impulse beraubt. Immerhin ist es Musiktheater, das hier zur Debatte steht.

Enttäuschend auch die Inszenierung von Claus Guth. Er führt das Sujet - bei ihm keine Überraschung - in die Gegenwart, hat sich von seinem Bühnenbildner Christian Schmidt eine fatal an Reichstagsarchitektur erinnernde Bühne bauen lassen, bestückt mit einigen wenigen protzigen Polstermöbeln. Auch der Gag, immer wieder eine Bar in das Geschehen einzubeziehen, wo die Freier der Penelope sich verschiedentlich tummeln können, verliert rasch an Reiz.

Guths naheliegende Interpretation, dass es stets schwierig ist, nach Jahrzehnten der Gefangenschaft wieder so in das angestammte Ambiente zurückzukehren, wie man es seinerzeit verlassen hat, hätte sich auch anders darstellen lassen, vor allem sinnlicher, mit unmittelbar gelebter Dramatik. Genau daran mangelt es dieser Inszenierung. So aufschlussreich es ist, im Programmheft die wohlüberlegten Ideen des Regisseurs nachzulesen, so sehr es ihm gelingt, explizit auf Nebenschauplätze, wie das nie zur Erfüllung kommende Liebespaar Melanto-Eurimaco, hinzuweisen - es ist doch vorrangig intellektuell gesteuertes, kaum je mit natürlicher Emotion erfülltes Theater, das er auf die Bühne bringt. Ein outrierter Hirt Eumete (auch stimmlich pointiert Marcel Beekman) und der seinen ersten Auftritt vulgär auf der Toilette verbringende, seine Tölpelhaftigkeit überbordend präsentierende Iro (Jörg Schneider) bleiben in einem solchen Konzept Fremdkörper, haben bestenfalls vereinzelte Lacher auf ihrer Seite.

Steif und stimmlich karg

Auch vokal bleibt diese Produktion unter den Erwartungen. Eine ordentliche Ensembleleistung, und die wird hier vorgeführt, ist zu wenig, um dieses Meisterwerk zu spannendem Leben zu erwecken. Steif, stimmlich karg die als Sensation angepriesene Darstellerin der Penelope, Delphine Galou, blass Garry Magee als Ulisse. Ungleich vitaler und stimmlich flexibler Katija Dragojevic als Melanto und Sebastian Kohlhepp als Eurimaco, bagschierlich die in Kadettenkleidung auftretende Sabina Puértolas als immer wieder lenkend in das Schicksal eingreifende Minerva.

Weitere Termine

13., 15., 17. September

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