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Mubarak, Al-Azhar und die Christen

Er wird im Westen gern als die "höchste Lehrautorität im sunnitischen Islam“ apostrophiert. Dabei wird nicht immer in den Blick genommen, dass der Großscheich der Al-Azhar-Universität in Kairo auch eine Gestalt der ägyptischen Politik darstellt. Ägyptens Staatspräsident behielt sich diese Ernennung höchstpersönlich vor. Als vor einem Jahr Muhammad Sajed Tantawi, der weltweit geachtete Großscheich, verstorben war, machte Hosni Mubarak - für viele überraschend, den 64-jährigen Islamgelehrten Achmed al-Tajeb zu dessen Nachfolger. Selbstredend ist Tajeb Mitglied in Mubaraks Nationaldemokratischer Partei, seine Nähe zu diesen Machthabern Ägyptens wird auf muslimischer Seite seit langer Zeit kritisiert.

Wiewohl Tajeb in den letzten Jahren als Vertreter eines moderaten und dialogbereiten Islam galt, so war seine Nähe zum Regime in den letzten Wochen doch unübersehbar. Am 20. Jänner hatte Tajeb den Dialog der Al-Azhar-Universität mit dem Vatikan eingefroren. Der Grund dafür war die Kritik von Benedikt XVI. an der mangelnden Religionsfreiheit in Ägypten gewesen, die der Papst nach den Neujahrs-Anschlägen gegen die Kopten beklagt hatte.

Kairo berief daraufhin die Botschafterin beim Heiligen Stuhl zurück, auch der im Westen geschätzte Religionsminister Machmud Zakzuk bestritt die Diskriminierung von Kopten und erklärte: "Wir brauchen keine Lektionen vom Papst.“ Wenn es den Kopten so schlecht gehe, warum seien dann "die reichsten Leute in Ägypten Kopten?“, fragte der Minister.

Der institutionalisierte katholisch-islamische Dialog hat einen schweren Rückschlag erlitten.

Nervosität auch in Al-Azhar

Die Nervosität des Regimes Mubarak erfasste aber auch die Spitze von Al-Azhar. Das zeigte ein Interview vom Achmed al-Tajeb mit der offiziösen Kairoer Tageszeitung Al-Ahram, in dem dieser den Westen und Israel beschuldigte, an einer Zersplitterung der arabischen Welt zu arbeiten: Ägypten solle, so der Großscheich, offenbar in drei Staaten geteilt werden - einen islamischen, eine christlichen und einen "nubischen“.

Wo die Christen in den gegenwärtigen Auseinandersetzungen stehen, ist allerdings nicht eindeutig auszumachen. Es gibt Berichte von christlichen Aktivisten in der Oppositionsbewegung, Seite an Seite mit Muslimen und anderen Gruppen des politischen Spektrums. Andererseits berichtete am Montag das ägyptische Staatsfernsehen, Kopten-Papst Schenuda III. habe Mubarak und der neuen Regierung seine Unterstützung zugesichert. Ob es sich dabei um authentische Aussagen handelte, konnten westliche Medien allerdings nicht ermitteln. Eine große Zahl koptischer Christen fürchtet anderen Berichten zufolge eine Machtbeteiligung der islamistischen Muslimbruderschaft.

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