"Musik in allen Zweigen“

Im kommenden Jahr feiert die Gesellschaft der Musikfreunde, eine der weltweit bedeutendsten Musikorganisationen, ihr 200-jähriges Jubiläum.

Der Sekretär des Hoftheaters, Joseph Ferdinand Sonnleithner, ist nicht nur der Librettist von Beethovens Oper "Fidelio“, sondern steht auch an der Wiege der Gesellschaft der Musikfreunde. Denn im Anschluss an eine erfolgreiche Aufführung von Händels Oratorium "Alexanderfest“ in der Winterreitschule der Hofburg zugunsten der Hinterbliebenen nach der Schlacht von Aspern 1809 legte er am 29. November 1812 - das Jahr, in dem Beethovens siebente und achte Symphonie vollendet wurden - die Gründungsurkunde der Gesellschaft der Musikfreunde in Wien zur Subskription auf.

"Die Emporbringung der Musik in allen ihren Zweigen“ wählte sich die neue Gesellschaft, die binnen Kurzem über 500 Mitglieder aus Adels- und Bürgerkreisen zählte, zu ihrem Hauptzweck. Erreicht werden sollte dies durch eine musikalische Schulungsstätte, aus der sich bald das Konservatorium entwickelte, eine Sammlung musikalischer Dokumente, sowie die Veranstaltung von Konzerten. Ein, wie man nach demnächst zweihundert Jahren weiß, so richtungsweisendes wie erfolgreiches Konzept. Denn das Konservatorium der Gesellschaft der Musikfreunde wurde 1909 in die "k.k. Akademie für Musik und darstellende Kunst“ überführt und damit zur Keimzelle der heutigen Wiener Musikuniversität - der größten der westlichen Welt. Sammlung und Archiv haben Weltruf, als Konzertveranstalter ist dank ihrer im Musikverein untergebrachten Konzertsäle die Gesellschaft der Musikfreunde eine allererste Adresse, der "Goldene Saal“ wegen der Übertragungen des jährlichen Neujahrskonzerts der Wiener Philharmoniker der bekannteste Konzertsaal überhaupt.

Das war nicht von allem Anfang an so, denn vorerst galt es entsprechende Räumlichkeiten zu finden. 1822 mietete man sich nach einigen Provisorien auf der Tuchlauben in der Wiener Innenstadt im Haus "Zum roten Igel“ ein, sieben Jahre später erwarb die Gesellschaft dieses Gebäude und baute es innerhalb eines Jahres für ihre Bedürfnisse neu auf. Schon nach drei Dezennien zeigt sich, dass das Gebäude zu klein ist. Mit kaiserlicher Entschließung erhält die Gesellschaft einen Baugrund gegenüber der Karlskirche. August Sicard von Sicardsburg, Eduard van der Nüll und Theophil Hansen sollen die Baupläne ausarbeiten, schließlich wird Hansens Entwurf, der mit dem Musikverein eines seiner bedeutendsten Projekte verwirklichen sollte, akzeptiert.

Einweihung der Säle 1870

Zweieinviertel Jahre nach der Grundsteinlegung - eine Zeit, von der heutige Veranstalter bestenfalls träumen können - Anfang Oktober 1869, kann das Konservatorium der Gesellschaft seinen Betrieb in den neuen Räumlichkeiten aufnehmen. Im Jänner 1870 werden die neuen Säle mit Festkonzerten feierlich eingeweiht. Clara Schumann ist die Erste, die im Kleinen Saal, dem heutigen Brahms-Saal, konzertiert. Im Mai ersuchen die Wiener Philharmoniker künftig im Großen Saal ihre Abonnementkonzerte veranstalten zu dürfen. Eine bis heute ununterbrochene Tradition beginnt. Längst zählen die Philharmoniker - wie auch der Wiener Männergesangverein, der Musikverlag Universal Edition oder die Musikalische Jugend Österreichs - zu den Mietern der Gesellschaft der Musikfreunde.

Es ist eine Erfolgsgeschichte, die das Haus schreibt, auch wenn 1945 bei Bombeneinschlägen die gesamte Verglasung zerstört wird. Nicht allein die besondere Atmosphäre der Säle - der "Goldene Saal“ gilt weltweit als akustisch bester, nach dem sich neuere Konzertsäle orientieren, ohne das Vorbild ganz zu erreichen - führt Künstler aus aller Welt hierher. Es ist mindestens ebenso das Geschick der jeweiligen Generalsekretäre - seit 1987 Thomas Angyan - für volle Säle zu sorgen und den Interpreten ideale Bedingungen für ihre Auftritte zu schaffen. Mit der in den letzten Jahren erfolgten Errichtung der neuen Säle gibt es vermehrt Möglichkeiten für neue Veranstaltungsformen, mit denen man die Jugend als das Publikum von morgen ansprechen kann.

Selbstredend, dass die Gesellschaft der Musikfreunde ihr Jubiläum gebührend feiert. Zuvörderst mit einem von Riccardo Muti, Fabio Luisi, Zubin Mehta, Daniel Barenboim, Mariss Jansons und Nikolaus Harnoncourt prominent besetzten Sonderzyklus, in dem mit Schuberts großer C-Dur-Symphonie und Schmidts "Buch mit sieben Siegeln“ auch Werke auf dem Programm stehen, die der Gesellschaft gewidmet sind, oder mit Pendereckis Doppelkonzert für Violine und Viola ein Stück, welches im Auftrag der Gesellschaft entstanden ist. Schließlich wird dem bereits im Styria Verlag erschienenen prächtigen Bildband "200 Jahre Gesellschaft der Musikfreunde in Wien“ noch ein von Archivdirektor Otto Biba verfasstes Handbuch folgen.

Musik eben in allen Zweigen, wie es sich die Gründer vorgenommen haben - und das schließt neben hochkarätigen Veranstaltungen auch die Wissenschaft mit ein.

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