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Musik - vom Ruderboot aus genossen

1945 1960 1980 2000 2020

Einem kleinen Festival im Waldviertel gelingt es alljährlich, traditionelle Musiker, innovative Künstler und ein tanz- und musikbegeistertes Publikum in die Natur zu bringen. Spontanes gemeinsames Musizieren inklusive. Impressionen vom Litschauer Schrammel.Klang.Festival.

1945 1960 1980 2000 2020

Einem kleinen Festival im Waldviertel gelingt es alljährlich, traditionelle Musiker, innovative Künstler und ein tanz- und musikbegeistertes Publikum in die Natur zu bringen. Spontanes gemeinsames Musizieren inklusive. Impressionen vom Litschauer Schrammel.Klang.Festival.

Es klingt von überall her. Man wandert um den See, hört von hier traditionelle Walzer, von dort Verjazztes, da heuer sogar Blasmusik. Das Schrammel. Klang.Festival in Litschau am Herrensee kann man auf unterschiedliche Arten konsumieren: Die einen merken sich akribisch vor, welche Gruppen sie an den drei Tagen auf welcher der neun Naturbühnen erleben möchten. Die anderen lassen sich treiben, in der Gewissheit, dass ihnen überall Hochqualitatives geboten wird.

Möglicherweise ist die zweite Art die interessantere: so entdeckt man Formationen, die man bisher noch nicht kannte. Jedenfalls ist es die gemütlichere - und das passt zum Flair dieses Festivals und zur Schrammelmusik an sich.

Das Schrammel.Klang.Festival ist ein Fest der Szene, die sich in all ihren Facetten selbst feiert, was sich nicht zuletzt zeigt, wenn bei Wechseln auf den Bühnen im Wald und auf den Wiesen spontan gemeinsam musiziert wird, anstatt einfach nur zu übergeben -, und ein niederschwelliges Festival, bei dem auch Unkundige so Vielseitiges geboten bekommen, dass wohl jeder etwas für sich findet. Der Name wird alljährlich noch weiter definiert. Natürlich, vom Wiener Thalia Quartett kann man noch lernen, was das picksüße Hölzl, die G-Klarinette, hervorbringt - und wie Schrammelmusik anno dazumal klang.

Schwungvoll auf dem Tanzboden

Traditionelles in höchster Qualität gibt es auch von den Neuen Wiener Concert Schrammeln. Duos wie die 16er Buam oder Horacek&Gradinger bringen das Ur-Wiener Lied und Heurigen-Flair nach Litschau. Doch es gibt auch innovative Ensembles zu entdecken: Stelzhamma lassen Jazziges erklingen, Square Waltz mischen feurige Eigenkompositionen und originelle Arrangements bekannter Walzer. Die Auswahl kann nur willkürlich bleiben, da man unmöglich alles hören kann, was geboten wird, selbst wenn man drei Tage in Litschau verbringt.

Viel mehr als um einzelne Leistungen geht es hier um ein Gesamtkonzept, das aufgeht: Um das Genießen der Musik, der Natur, um das Kontemplieren mit Blick auf den Herrensee und den dichten Wald, um das schwungvolle Tanzen auf dem Tanzboden, der nicht zuletzt dank mitreißender Musik besser angenommen wurde als im Vorjahr. Musikgenuss - auch vom Boot aus oder sogar beim Sprung ins erfrischende Nass.

Auch wenn hier nicht so sehr einzelne Künstler hervorgehoben werden sollen, gehört erwähnt, dass Franz Posch und seine Innbrüggler heuer einen neuen Akzent einbrachten - Intendant Zeno Stanek wollte einen Bogen von den Alpen bis nach Wien schlagen und ließ die 6-Mann-Tanzlmusi das Festival eröffnen. Hier blieb nur die Frage offen, warum Posch nicht immer beim Seinigen blieb, sondern sich offensichtlich genötigt sah, "Heut kommen d'Engerl auf Urlaub nach Wean" zu singen, ohne textsicher zu sein. Dies hätte man lieber anderen überlassen, es wären genügend Könner da gewesen. Für den Bogen über die Alpen und für andere Klänge als die gewohnten sorgte auch Christina Zurbrügg mit Band.

Viel Dynamik brachten Folksmilch, bei denen der EAV-Song "Fata Morgana" zur höchst amüsanten Miniatur-Oper wurde, wo Strauss-Walzer und "Ein Schiff wird kommen" verschmolzen und wo Mozart und Michael Jackson gleichsam Platz hatten.

Eine Opern-Parodie brachte auch die Szene-Königin Agnes Palmisano bei ihrem Auftritt mit Spafudla, bei denen Dudler für die zweisame Annäherung ebenso herhielten wie für die Demonstration, dass der Wiener an sich ein barocker Mensch ist.

Nachdenkliches, das tiefer geht

Den würdigen Abschluss machte Willi Resetarits, sowohl mit den Neuen Wiener Concert Schrammeln und Evergreens seines Repertoires als auch mit Ernst Molden, Walther Soyka und Hannes Wirth mit launigen und nachdenklichen Liedern, die tiefer gingen. Intendant Zeno Stanek ist es auch bei der 11. Ausgabe seines Festivals gelungen, vielerlei Klänge, die einander doch verwandt sind, zu vereinen und nicht nur sein eingeschworenes Stammpublikum zu bedienen, sondern viele zu begeistern.

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