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Briefe AN DEN HERAUSGEBER DER „FURCHE“

Sehr geehrter Herr Herausgeber1

Die Diskussion um das geistige Profil der Wiener Staatsoper wurde in Ihrer Zeitschrift mit einem offenen Brief von Herrn A. Razumovsky jun. eröffnet. Ich billige dem Schreiber dieses Artikels gerne zu. daß es ihm um die Erneuerung unseres Opernspielplans ernstlich zu tun ist. Es soll auch nicht bestritten werden, daß es unter den Werken der neuen Opernmusik so manche geben mag, die das geistige Profil unserer Staatsoper um manchen charakteristischen Zug bereichern könnten. Was aber in keinem Fall unwidersprochen bleiben kann, ist, was in diesem Zusammenhang über Richard Strauß gesagt wird. Wer die letzten vier Lieder des Meisters gehört hat, weiß wohl Bescheid über die unerhörte, bis zum letzten Atemzug sich dokumentierende Produktionskraft dieses Genies. Aber gehen ivir nur in das Jahr 1922 zurück, als Richard Strauß in der Vollkraft seiner Jahre stand und als Direktor, Dirigent und Komponist das geistige Profil unserer Staatsoper — und gerade er, er fast allein — über Richard Wagner hinaus in ungeahnter Weise bereichert und erweitert hat. Damals — also im Jahre 1922 — schrieb Richard Strauß in einem Artikel des „Neuen Wiener Journals“ unter dem Titel „Novitäten und Stars — Spielplanerwägungen eines modernen Operndirektors“:

„Als ich in Wien meine Stellung übernahm, bestand auch dort noch jener Ehrgeiz nach einer möglichst stattlichen Anzahl von Novitäten. Die dreißigjährigen Erfahrungen meiner Amtsführung ergaben, daß eine einigermaßen anspruchsvolle Novität Bühne und Personal mindestens drei bis vier Monate ausschließlich in Anspruch nimmt. Besonders die ersten zwei Jahre meiner hiesigen Tätigkeit ergaben, daß ich durch das Heran,bringen von Novitäten, die nur zum Teil der Wiener Oper einigermaßen andauernde Erfolge brachten, in der Durchführung meiner eigentlichen künstlerischen Pläne, nämlich der äußersten Steigerung der Qualität der gebotenen Darstellungen und der Aufstellung eines wirklich vorbildr liehen klassischen Repertoires, im äußersten behindert war, weshalb ich Ende voriger Spielzeit den Entschluß faßte und auch meinem Kollegen Schalk suggerierte, die Annahme von Novitäten, immer ausdrücklich unter den heutigen enorm schwierigenx Verhältnissen, so lange einzustellen, bis der sogenannte klassische Spielplan, zu dem ich auch alle modernen Werke rechne, die sich dauernd auf der Bühne erhalten haben, einigermaßen sichergestellt war, und auch weiterhin so einzuschränken, daß nur diejenigen neueren Werke an die Wiener Staatsoper kommen sollen, die in der Provinz schon einigermaßen ihre Lebensfähigkeit bewiesen haben. Die Wiener Staatsoper kann aus den oben geschilderten Gründen und soll mach meiner Überzeugung kein Experimentierinstitut sein, sondern, sagen wir, eine Art hofier Akademie, in welcher ein ausgewähltes Repertoire in möglichst vorbildlicher Weise zur Darstellung kommt. Um nur ein einziges Beispiel zu erwähnen, verweise ich darauf, daß bei meinem Eintritt in Wien weder ,Don Juan’ noch Jigaro’ noch ,Cosi fan tutte’ ,standen’, wie man in der Bühnensprache zu sagen pflegt. Mein Bestreben geht also dahin, die Qualität des Gebotenen, und sei es auch nur der Jaust’ von Gounod, nach Möglichkeit zu steigern.

Hiezu kommt noch eine Reihe von Einzelerwägungen, die nicht unwichtig sind: Ein Operntheater hat andere Lebensbedingungen als ein Schauspielhaus. Es hat einen feststehenden, eingebürgerten Spielplan, was sich schon daraus ergibt, daß Opern, die ihrer Qualität nach längst dem Orkus verfallen sein müßten, wie etwa ,Margarethe’,

,Mignon’, .Martha’, ,Lucia’ oder .Der Trompeter von Säckingen’, bloß ihrer guten Gesangsrollen wegen zugkräftig sind., sofern sie mit ersten Kräften besetzt werden. Ein Opernhaus hat auch ein viel konservativeres Publikum als die Sprechbühne, ein Publikum, das zum größten Teile gar keine Novitäten verlangt, dem vielmehr seit dem ,Fidelio’ und ,Tristan’ alles gute Neu gewaltsam auf gezwungen werden mußte. Und wie viele Werte seit ISO Jahren waren dieses Aufzeigens wert? Wie viele Opern seit dem ,Parsifal’ sind der deutschen Bühne wirklich dauernd gewonnen worden? Wie viele der seither auf geführten Novitäten haben es an einer und derselben Bühne auf 25 Wiederholungen gebracht? Wie viele auf zehn, wie viele gar nur auf zwei bis drei/? Den Riesenapparat einer Opernbühne für zwei oder drei Aufführungen in Betrieb zu setzen, drei bis vier Monate den ganzen Spielplan lahmzulegen, um eine der heutigen (meist sehr anspruchsvollen) Neuheiten einzustudieren, ist ein Unfug, und solche ,Tat’ würde weder von der Presse noch vom Publikum belohnt. Die Verantwortung dafür wird auclf.wie gesagt, kein gewissenhafter Opernleiter auf sich nehmen…

Jedes Prinzip wird indes an seinen Ausnahmen erkannt, und auch dieses mein Novitätenprinzip enthält eine Ausnahme insofern, als die in Österreich, speziell in Wien lebenden Komponisten ein Recht darauf haben, an der Wiener Staasoper gehört zu werden, selbst auf die Gefahr eines Mißerfolges hin. Während der letzten drei Jahre wurden denn auch an der Staatsoper neue Werke von Bittner, Kienzl, Korngold, Schmidt, Schreker, Weingartner gespielt, und im nächsten Jahre kommen dazu: fDer Schatzgräber’ von Schreker, ,Fredegundis’ von Schmidt, ,Der Zwerg“ von Zemlinsky, wozu ich bemerke, daß die Aufführung des ,Schatzgräbers’ im vergangenen Jahre nicht durch meine Schuld, sondern durch widrige Umstände, wie sie an jeder Bühne Vorkommen, verzögert wurde.

Es gäbe in dieser Novitätenfrage eine Lösung, so vernünftig, daß sie vielleicht gar nicht versucht wird: Wir haben in Wien die Volksoper, ein tüchtiges Institut, das, anstatt den gleichen Spielplan wie die Staatsoper zu pflegen, als Novitäten- und P r obierbühne mit entsprechender Subvention etabliert werden könnte — vorausgesetzt, daß wirklich so viele Interessenten da sind, die alle vier Wochen eine nig einag eineue Oper hören wollen.“

Ein Kommentar zu diesen eigenen Worten von Richard Strauß ist wohl überflüssig, da sich daraus von selbst ergibt, mit welchem selbstlosen Verantwortungsbewußtsein Strauß am „geistigen Profil“ unserer Oper gearbeitet hat. Es bleibt denjenigen, die den Erfolg seiner Tätigkeit an unserer Oper miterleben durften, in unauslöschlicher Erinnerung, welche Glanzzeit die Staatsoper unter seiner Leitung erreicht hat, eine Glanzzeit, die höchstens mit der Ära Mahler verglichen werden kann.

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