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DIE HAMBURGER STAATSOPER

Während Hamburg als Theaterstadt erst in den letzten Jahrzehnten eine Bedeutung gewonnen hat, geht die Tradition seines Opernhauses auf eine fast 300jährige Geschichte zurück. Nur wenige Meter von ihrem heutigen Standort entfernt wurde 1677 durch die Initiative kunstliebender Bürger das erste deutsche Volksopernhaus gebaut. Am 2. Jänner 1678 fand hier die erste Aufführung statt, bei der das Singspiel von Kapellmeister Johann Theile „Der erschaffene, gefallene und wieder aufgerichtete Mensch“ gegeben wurde. Von vielen Stellen prangerte man die Oper bald als ein „öffentliches Aergernis“ an, doch hatte sie sich zu Beginn des neuen Jahrhunderts bereits völlig durchgesetzt, als 1703 Georg Friedrich Händel als Geiger und Cembalist engagiert wurde. Zwei Jahre später erfolgte hier auch die Uraufführung von Händeis Oper „Almira“. Etwa 30 Jahre später gastierte die erste italienische Operntruppe in Hamburg, und 1738 finden wir vorübergehend die berühmte Neuberin mit ihrer Truppe als Mieterin der Bühne. In den nächsten Jahrzehnten wechseln ständig Opern und Theaterstücke. Die Namen von Gluck und Lessing verbinden sich in dieser Periode aufs engste mit dem inzwischen schon weit über Hamburg hinaus bekanntgewordenen Haus. Die Kette berühmter Namen reißt seitdem nicht ab, und wenn das Hamburger Opernhaus heute auch in Deutschland ebenbürtige Rivalen hat, so verdient es nicht nur wegen seiner Geschichte, sondern in erster Linie wegen seiner vorzüglichen Aufführungen internationale Beachtung. Bei den zahlreichen Gastspielen des Ensembles im Ausland, die insbesondere nach dem Kriege einsetzten, ernteten die Hamburger Sängerinnen und Sänger nachhaltigen Beifall.

Die Aufführungen in den ersten zehn Nachkriegsjahren fanden auf verschiedenen provisorischen Bühnen der Hansestadt statt, und erst im Herbst 1955 erfolgte der Einzug in das neue Haus, das auf den Fundamenten der zerstörten Oper aufgebaut worden war. Es war der erste Theaterneubau der Nachkriegszeit in der Bundesrepublik und stellte nach allgemeiner Beurteilung die kühnste architektonische Lösung dar, die man bislang verwirklicht hatte. Allerdings konnte sich der Architekt nicht völlig frei entfalten, da er im Grundriß festgelegt war und auch verschieden erhalten gebliebene Teilstücke des alten Hauses in den Neubau einplanen mußte.

Das heutige hohe Niveau verdankt das Opernhaus seinem langjährigen Intendanten Dr. Günther Rennert, der während des ersten Nachkriegsjahrzehnts die Leitung innehatte. Rennert verließ vor einigen Jahren Hamburg, um in verschiedenen Städten Gastinszenierungen zu übernehmen, blieb aber trotzdem eng mit dem Hamburger Haus verbunden, das seitdem von Heinz Tietjen geleitet wird, der jetzt wegen seines hohen Alters die Direktion an Rolf Liebermann abgetreten hat.

Während der abgelaufenen Spielzeit lag das Schwergewicht der Aufführungen bei Richard Strauss, Richard Wagner und Alban Berg. Den Auftakt zur Saison bildete „Fidelio“ in einer Neuinszenierung von Günther Rennert, in welcher er durch verschiedene Streichungen und Straffungen eine größere Tiefe und Ausdrucksform erzielte. Die Schwedin Siw Ericsdotter konnte sich als Leonore in ihren Fähigkeiten voll entfalten und erntete entsprechenden Sonderapplaus.

Ein besonderes Verdienst erwarb sich die Oper durch die Neufassung eines Mozartschen Jugendwerkes: „Gärtnerin aus Liebe.“ Da die Partitur dieses Werkes schon zu Lebzeiten des Meisters abhanden gekommen war, stützte sich die Hamburger Erstaufführung, inszeniert von Ernst Poettgen, auf eine Neubearbeitung von Ernst Legal und Hans-Henny Jahnn. Die vor

' zwei Jahren überarbeitete, revidierte und neu textierte Partitur, die auf eine später entdeckte Zweitfassung Mozarts aus der Zeit um 1781 zurückgeht, soll nun von Hamburg aus wieder auf die Spielpläne anderer Bühnen gelangen.

Nachdem „Salome“ und „Capriccio“ bereits aus der Spielzeit 1956/57 herübergenommen waren, wurde das Strauss-Repertoire innerhalb kurzer Zeit um „Die Frau ohne Schatten“ und „Der Rosenkavalier“ erweitert. Während der volkstümliche „Rosenkavalier“ — noch dazu mit Joseph Keilberth als Dirigenten und in einer Inszenierung von Rudolf Hartmann mit einer vorbildlichen Besetzung (Feldmarschallin: Clara Ebers, Baron Ochs: James Pease, Octavian: Helga Pilarczyk) — mit einem uneingeschränkten Enthusiasmus aufgenommen wurde, blieb „Die Frau ohne Schatten“ nicht ohne erhebliche Meinungsverschiedenheiten. Die musikalische Interpretation unter Leopold Ludwig, dem jetzt 50jährigen Generalmusikdirektor der Hamburger Oper, erfreute sich dafür uneingeschränkter Anerkennung.

Ein ausgesprochener Publikumserfolg wurde „Der Revisor“ von Werner Egk. Während die gleichfalls auf dem Spielplan stehende „Irische Legende“ dieses Komponisten auf erhebliche Schwierigkeiten beim Publikum stieß, wurde das vom Komponisten selbst dirigierte Lustspiel nach Nikolaj Gogol mit voller Zustimmung aufgenommen. Der dankbare Stoff, der dieser Oper zugrunde liegt, wurde vom Komponisten selber mit großer Geschicklichkeit textlich bearbeitet. Unter Günther Rennerts Regie wurde diese Note noch besonders unterstrichen, indem er ihr das entsprechende russische Lokalkolorit hinzufügte.

Nachdem mit „Siegfried“ und „Götterdämmerung“ in der letzten Spielzeit „Der Ring“ abgeschlossen und somit seit langer Zeit erstmalig wieder vollständig in Hamburg gezeigt wurde, verstärkte Hamburgs Intendant Heinz Tietjen das Wagner-Repertoire seines Hauses kürzlich durch die Neuaufnahme des „Lohengrin“. Wieland Wagner war selbst nach Hamburg zur Inszenierung gebeten worden, und der mehr als 75jährige Wagner-Interpret Tietjen hatte die Stabführung zu dieser großartigen Aufführung übernommen. Wieland Wagner hatte gleichsam als Regisseur und Bühnenbildner gewirkt und hierdurch eine wohltuende Geschlossenheit erreicht. Elisabeth Grümmer als Elsa und der junge Tenor Arturo Sergi als Lohengrin, dazu Arnold van Mill als König, Helene Werth als Ortrud und Caspar Bröcheler als Telramund leisteten stimmlich Hervorragendes und gaben der Oper ein echtes Bayreuther Gepräge.

Drei Erfolge gegen Ende der Spielzeit verdienen noch besondere Beachtung. Verdis „Othello“, Meyerbeers „Hugenotten“ und Rolf Liebermanns „Schule der Frauen“. Besonders die „Hugenotten“, die seit Anfang der dreißiger Jahre nicht mehr in Hamburg gezeigt wurden, gefielen in ihrer jetzigen Inszenierung Erich Bormanns insbesondere durch die gut gelungenen Kürzungen. Man stützte sich dabei auf die Fassung von Julius Kapp, nachdem durch den Krieg das Material zum Teil verschollen war.

In der „Schule der Frauen“, die Günther Rennert mit leichter Hand inszeniert hatte, feierte das Hamburger Publikum seit längerer Zeit Wiedersehen mit Anneliese Rothenberger. Bei der Premiere in Anwesenheit des Komponisten, der beim Norddeutschen Rundfunk in Hamburg die Hauptabteilung Musik leitet, kam es wiederholt bei offener Szene zu Beifallskundgebungen, durch die die Qualitäten dieses Opernwerkes bestätigt wurden.

Hamburgs Intendant hat während des letzten Jahres viel für den Ausbau des Ensembles getan, wobei er sich einer engeren Zusammenarbeit mit anderen deutschen Opernhäusern bediente. Er ist dadurch in der Lage, fast sämtliche Stücke heute in Doppelbesetzung zu halten, ohne dabei Qualitätsverluste auf sich zu nehmen.

Neben dieser personellen Arbeit wandte Tietjen seine Aufmerksamkeit der Ballettätigkeit zu, wobei er sich seit dem Ende der vorletzten Spielzeit als Choreographen Gustav Blank verpflichtete. Blank hatte bereits im Mai vorigen Jahres die Tanzspiele „Mario und der Zauberer“ sowie „Don Quichotte“ als deutsche Erstaufführung gebracht. In dem ersten Ballettabend dieser Spielzeit bewies er seine Fähigkeiten in einer Erstaufführung der „Prinzessin Turandot“ von Gottfried von Einem sowie in Strawinskys „Scenes de Ballet“ und „Pulcinella“. Der Abend zeigte, nicht zuletzt wegen der hohen tänzerischen Leistungen der Solisten, sowohl im klassischen Stil wie im Ausdruckstanz hohen Rang.

Sowohl für die Solotänzer wie für das Ballett boten sich reichlich Möglichkeiten, die in beispielhafter Weise ausgenützt waren. Dabei hatte man sowohl in den Dekorationen wie in den Kostümen sich stark auf folkloristisches Gut Polens abgestützt und dem Kampf des Eigenständigen gegen die ungeschlachte Art des Okkupanten in gewisser Weise eine aktuelle Note gegeben. Durch die hohe künstlerische Leistung der Inszenierung wurde in einer schönen und vornehmen Form dem polnischen Drang nach Freiheit und Selbständigkeit Reverenz erwiesen.

Auch die kommende Spielzeit unter dem neuen Leiter Rolf Liebermann verspricht viele Ueberraschungen zu bieten. Wieland Wagner wird als Regisseur für zwei Inszenierungen in Hamburg tätig sein, wobei er Bizets „Carmen“ in der ursprünglichen Dialogfassung übernommen hat sowie den „Tannhäuser“. Auch Günther Rennert bleibt der Oper treu und wird Orffs „Carmina Burana“ sowie Busonis „Arlecchino“ inszenieren. Beide Stücke werden an einem Abend zusammen gegeben werden. Außerdem wird Rennert die szenische Erstaufführung von Dvofäks „Dimitri“ in der Bearbeitung von Kurt Honolka auf die Bühne bringen.

Auch Gustaf Gründgens, der schon früher wiederholt gezeigt hat, daß sich sein Können durchaus auch auf die Opernbühne erstreckt, ist von Tietjen gebeten worden, Mozarts „Don Giovanni“ einzustudieren. Man kann dieser Aufführung sicherlich mit berechtigter Spannung entgegensehen. Das gleiche gilt wohl auch für die Uraufführung von Richard Mohaupts „Grünem Kakadu“, dessen Regie Ulrich Erfurth übernehmen wird.

Ernst Poettgen, der die Oper verläßt, um nach Mannheim zu gehen, wird als Oberspielleiter durch Ulrich Wenk ersetzt, der sein Debüt mit Puccinis „Tosca“ geben wird. Anläßlich des 200. Todestages G. F. Händeis wird die Hamburger Oper das Oratorium „Belsazar“ in szenischer Aufführung in einer Bühnenfassung von Wilhelm Brückner-Rüggeberg herausbringen. Das schon erwähnte Strauss-Repertoire wird durch „Elektra“ erweitert werden.

Unter den neuverpflichteten Kräften sind vor allen Dingen Anne Bollinger, die früher schon zum Ensemble gehörte und jetzt aus Amerika zurückgekehrt ist, sowie Astrid Varney und Hildegard Rötger zu nennen. An Herren werden Charles Gibin, Rudolf Schock, Gerhard Stolze, Richard Collott und Josef Greindl neu in das Ensemble eintreten. Die Namen beweisen, daß man ständig bemüht ist, die Qualität der Hamburger Opernaufführungen zu steigern, um der Vergangenheit des Hauses würdig zu sein.

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