Wecker

Konstantin Wecker: Mehr als nur ein Lied

1945 1960 1980 2000 2020

Konstantin Wecker veröffentlichte jüngst ein Album und ein Buch – in beidem wirkt dabei, im besten Sinne wütend und zart, ganz der alte Utopist. Und im Unterbau: ein Mystiker.

1945 1960 1980 2000 2020

Konstantin Wecker veröffentlichte jüngst ein Album und ein Buch – in beidem wirkt dabei, im besten Sinne wütend und zart, ganz der alte Utopist. Und im Unterbau: ein Mystiker.

Ich singe, weil ich ein Lied hab’, hieß eines meiner allerersten Lieder. [...] Und das ist mein künstlerisches Lebens- und Überlebensmotto geblieben“, schreibt Konstantin Wecker in „Poesie und Widerstand in stürmischen Zeiten“. Hier wie auch auf dem Album „Utopia“ beleuchtet er die Pandemie und ihre Auswirkungen auf Gesellschaft, Kultur und Künstler(innen). Man brauche Kultur, sie sei systemrelevant, schreibt Wecker. Es gehe eben nicht in erster Linie „um Unterhaltung, sondern um Haltung“.

Überhaupt bildet der Begriff der Kultur in dem Buch programmatisch den roten Faden – etliche Beiträge fassen ihre Allgegenwart: die „Kultur der Hoffnung“ etwa auf dem „langen Weg nach Utopia“. „Gerade an der Utopie, die nie eine starre Ideologie ist, kann man sich orientieren.“

Leiser Mut und tobende Wut

Weckers hier vorgebrachten Visionen sind nicht in erster Linie spirituell, obwohl er sich selbst immer wieder als einen Mystiker bezeichnet, inspiriert vom Zen-Buddhismus, aber auch vom Christentum, die für ihn ebenso wenig gegensätzlich sind wie Zärtlichkeit und Widerstand, leiser Mut und tobende Wut – oder das „Mönch und das Krieger-Sein“, wie in eines seiner Lieder und via Buch gefasst. So spricht Wecker immer wieder von einer „herrschaftsfreien Welt“, von der er weiter träume. Das Album „Utopia“ ist in dieser Hinsicht vor allem eine Neuauflage dieses fortwährenden Traumes. Während im Buch schlichte, manchmal allzu schlichte Prosa zu lesen ist, ist das Album „Utopia“ gleichsam die verdichtete, klingend brennende Version des Buchgehalts. Dass Wecker weniger ein Essayist, sondern ein mit himmlischen und höllischen Wassern gewaschener Poet ist, zeigt er auf dem Album auch an vier unvertonten Gedichten.

Doch so unbekannt, wie er es ankündigt, sind die Themen der 18 Stücke und Gedichte tatsächlich nicht. Vielmehr sind sie ganz und gar Wecker: Es ist der von Liebe und Leidenschaft singende, auf den Klaviertasten den „raunenden Regen“ vertonende, mit bissigen Versen gegen Krieg und Verdummung wütende Künstler: „Ich gebe mich diesen Tönen hin / sie beschreiben ein anderes Sein / etwas, das ich noch gar nicht bin / und dennoch ahne zu sein“. Eines der Highlights des Albums ist „Die Tage grau“. „Du versuchst zu leben / Und weißt genau, du wirst nie wieder schweben / So wie es war, als dich deine Gedanken / Noch nicht ins Taumeln brachten und noch nicht ins Schwanken“.

Das Stück steigt musikalisch wie lyrisch in ungeahnte Himmelshöhen, ohne Göttliches und Religiöses zu benennen – denn Religionen sieht Wecker überaus kritisch. „Ich vertraue der Kunst mehr als den Religionen (…), sie haben sich fast immer in den Dienst der Mächtigen gestellt und des Patriarchats.“

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