De Beer - © Foto: Imago / Skata

Lotte de Beer: „Heute spiele ich immer noch mit einem Puppenhaus“

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Eigentlich wollte sie Sängerin werden, wandte sich dann aber der Regie zu. Nun stellt sich Lotte de Beer als Volksopern-Intendantin einer großen Herausforderung.

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Eigentlich wollte sie Sängerin werden, wandte sich dann aber der Regie zu. Nun stellt sich Lotte de Beer als Volksopern-Intendantin einer großen Herausforderung.

Hätte es die durch Corona verursachte Auszeit in der Kultur nicht gegeben, wer weiß, ob sich Lotte de Beer entschieden hätte, sich erstmals für ein Opernhaus zu bewerben. Am Wochenende beginnt sie ihre erste Saison an der Wiener Volksoper mit der selten gespielten Operette „Die Dubarry“.

DIE FURCHE: In wenigen Tagen beginnt Ihre erste Saison als – noch dazu – erste Direktorin in der Geschichte der Wiener Volksoper. Wie aufgeregt sind Sie?
Lotte de Beer:
Ich bin sehr aufgeregt, es ist meine erste Intendanz. Vor wenigen Tagen lief ich über die Bühne und dachte, ich bin jetzt für alles verantwortlich, nicht allein für das Künstlerische, auch wenn eine Wand umfällt und jemand verletzt wird, jemand falsch in der Szene steht, dass das Ticketing funktioniert, wie die Menschen sich an ihren Arbeitsplätzen fühlen, die Zukunft des Hauses. Es ist riesig, aber ich habe diese Herausforderung gewollt.

DIE FURCHE: Wie sind Sie zum Theater gekommen?
de Beer:
Meine Mutter war eine begeisterte Amateursängerin und -bühnenbildnerin in einem Operettenverein in Maastricht, da bin ich immer mitgegangen. Man hat mich auch mitgenommen in die Oper von Liège. Es war für mich schon spannend, bevor der Vorhang aufgegangen ist und die Musiker ihre Instrumente gestimmt haben. Da hatte ich mein Herz bereits verloren und wusste, was ich werden wollte: Sängerin. Ich habe tüchtig Klavier geübt und mit 16 Jahren begonnen, neben dem Gymnasium Gesangsunterricht zu nehmen. Bald erkannte ich, dass ich dafür zu wenig Talent habe. Deswegen sattelte ich auf Schauspiel um. Das war es auch nicht, ich konnte aber Kollegen gut helfen. Helfen, sagte mir ein Lehrer, bedeutet eigentlich inszenieren. So bin ich zur Regie gekommen. Ich war zwanzig, als ich ein Regiestudium angefangen habe, das war für mich wie nach Hause kommen. Helfen, unterstützen, träumen, interpretieren, etwas möglich machen, das sind nicht nur die Aufgaben eines Regisseurs, sondern auch einer Intendantin: Man versucht, die notwendigen Strukturen zu bauen.

DIE FURCHE: Es heißt zwar, man kann alles lernen. Aber was nutzt einem als Regisseur das Handwerk, wenn man keine Fantasie mitbringt?
de Beer:
Ich war als Kind immer mit dem Kopf in den Wolken. In der Volksschule habe ich kaum wahrgenommen, was jemand gesagt hat, und meist zum Fenster hinausgeschaut. Mit zwölf Jahren spielte ich, zum Schrecken meiner Mutter, noch mit Puppen. Heute spiele ich immer noch mit einem Puppenhaus – mit dem Unterschied, dass es echt ist. Dieses Spielen, Träumen, Welten-Zusammenführen, Die-Welt-Sehen, Sich-Sorgen-Machen, das gehört alles zusammen. Inspiration ist wichtig, aber es geht nicht ohne Handwerk, gerade in der Oper. Möglicherweise ist der Anteil der Inspiration bei einem Schriftsteller, oder wenn man mit einer kleinen Truppe arbeitet, größer. Aber Oper bedeutet eine unglaubliche Administration: 200 Personen in einer Aufführung genau im richtigen Moment das Richtige tun zu lassen, damit es Kunst wird.

DIE FURCHE: Wie viel Musiker sollte ein Musiktheaterregisseur sein?
de Beer:
Ich glaube nicht, dass man Musiker sein muss, das heißt Musik machen können muss, um eine Oper zu inszenieren. Man muss Musik verstehen. Ich inszeniere nicht mit einer Partitur, aber in einem Klavierauszug bin ich zu Hause. Für mich ist Opernregie wie Wellensurfen. Die Wellen, das ist die Musik. Man kann alles machen, aber die Wellen werden sich nicht verändern. Die Kraft der Musik ist so emotional, so direkt kommunizierend. Wenn man mit der Musik mitgeht, kann man ganz toll surfen.

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