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Was man in Wien nicht hört

Wien trägt seit den Tagen Brahms’, Bruckners, der Strauß- Dynastie, der Epoche der großen Operndirektoren Mahler, Schalk, Richard Strauss die Aura der Weltmusikstadt. Allerdings hat sich immer mehr der Ruf verfestigt, daß es ein Musikzentrum, eine Bastion des Konservativen ist, wo die Zahl der Uraufführungen neuer Werke, und erst recht der Auftragserteilung an Avantgardekomponisten (verglichen etwa mit den deutschen Städten, die Sitz einer Rundfunkstation sind), minimal ist. Da nützen uns alle Kunstfonds und die paar nach Maß und auf Bestellung geschriebenen Werke auch nur wenig. Das alles bedeutet nämlich, daß die Welt sich heute nur noch selten Sensationen neuer Musik aus Wien erwartet, da dieses Musikimage zwar Galakonzerte mit Bernstein, Böhm, Szell, Ormandy, Krips, kurz: all den Stars der internationalen Dirigentenelite und den interessantesten Solisten und Orchestern assoziieren läßt, nicht aber, daß hier — trotz gegenteiliger Behauptung eines Wiener Konzertveranstalters — auch bedeutende Komponisten leben und wirken. Sie freilich tragen kein Schild mit Sich herum, auf dem sie diese Tatsache jedem kundtun, der nicht genügend scharfen Blick dafür hat. Und außerdem: auflgeführt werden sie ohnedies meist im Ausland.

Nun, man hat in Wien seit Jahren seine klassisch-romantischen Standardprogramme, die vom Publikum ästimiert, von den Veranstaltern aber viel zuwenig um Neues bereichert werden: Weil’s das Publikum angeblich so will. Das heißt aber,

daß das ganze Werkrepertoire der großen Wiener Orchester und Kammerensembles abgenützt, durch viel zuwenig neue Kompositionen auf- gefrischt wird. Gewiß, im Musikverein hat man längst erkannt, daß es kein Risiko ist, auch ein neueres Werk, meist eine Standardkomposition eines „Klassikers der Moderne“, ins Programm zu nehmen; und das Konzerthaus hat immer wieder verschiedene Komponisten respektive ihr Schaffen erneut ins Zentrum des Publikumsinteresses zu rücken getrachtet: Daß Gustav Mahlers Oeuvre in seiner Gesamtheit präsentiert wurde, war ein großes Verdienst; indes, man hat es verabsäumt, das dadurch erst einmal Gewonnene daraufhin kontinuierlich weiterzupflegen. Fazit: Das bereits geweckte Interesse für Mahler, besonders bei der Jugend, droht wieder verschüttet zu werden. Den gleichen Prozeß muß man übrigens auch für die Meister der Wiener Schule befürchten, deren Kompositionen im Rahmen der Festwochen 1969 dm Konzerthaus gespielt werden.

Auch der Rundfunk hat lange Jahre hindurch Konzertzyklen veranstaltet, die eigentlich nicht unbedingt in sein Aufgabengebiet fielen: Zyklen mit viel Haydn, Mozart, Beethoven und ein paar Romantikern. Die Raritäten, sonst in Konzertsälen nicht anzutreffen, waren auch hier, im Sendesaal, eher seltener zu finden, geschweige denn Musik der internationalen Avantgarde.

Nun, das soll sich ändern, Wie man hört. Pläne zur totalen Reorganisation des Rundfunkorchesters und einer ebenso konsequenten Neuge staltung des gesamten Rundfunkkonzertlebens liegen wohl schon teilweise vor: Dr. Otto Sertl, ab 1. Jänner 1969 Leiter der Hauptabteilung Musik, kündigt an, daß in Hinkunft gerade neue Musik intensiv gepflegt werden soll, daß man keine Mittel scheuen wolle, sie an das Publikum heranzutragen, zur Diskussion zu stellen, für häufige Konfrontation zu sorgen. Selten gespielte Stücke, die natürlich nicht immer die größten Meisterwerke sein können, werden ebenso ihren Platz im Repertoire des neuen Rundfunkorchesters finden. Ein verheißungsvoller Plan, der hoffentlich bald reale Gestalt annimmt.

Gerade von hier aus kann man sich eine Auffrischung und systematische Erneuerung des stark abgenützten Repertoires, der ständig schrumpfenden Anzahl gespielter Werke erwarten. Natürlich wäre es das sinnvollste, das ganze Wiener Konzertleben zu erfassen, Wiens Konzertveranstalter zu gemeinsamer Planung zu bewegen, so daß ein harmonisch gestaltetes Generalkonzertprogramm für das ganze Jahr vorgelegt werden kann. Doch dazu müßte man wohl erst einmal imstande sein, Wiens Musikchefs an einem Tisch zusammenzubringen. Erst dann werden Sinnlosigkeiten ein Ende finden, wie die viermalige Aufführung von Schuberts V. Symphonie (B-Dur, DV 485) von verschiedenen Orchestern innerhalb von drei Wochen: Das Publikum hat nämlich Gelegenheit, das Werk im März 1969 am 7. von den Symphonikern unter Heiller im Konzerthaus, am 28. mit dem Rundfunkorchester unter Melles im Sendesaal und 29. und 30. mit den Wiener Philharmonikern unter Fortner im Musikverein zu hören... Sollte das vielleicht gar Absicht gewesen sein?

Wären stattdessen nicht so manche anderen hörenswerten Werke besser, richtiger am Platz? Hätte sich nicht jeder Musikmanager den Kopf ein bißchen länger zerbrechen und eines der vielen Stücke ausfindig machen können, die ohnedies in den Repertoires der Orchester fehlen? Sie wären listenweise anzuführen, Stücke für alle denkbaren Besetzungen und aller erdenklicher Stilrichtungen. Wie steht es um Schrekers Kammersymphonie, um Hindemiths Sinfonie in Es, um so manche Werke Strawinskys, Messiaens, Honeggers, Frank Martins, Franęaix’, um nur irgendwelche Namen zu nennen. Oder um Mendelssohns g-Moll- Klavierkonzert, seine Oratorien „Paulus“ und „Elias“, um Berlioz’ „Harold“, „Romeo und Julia“, seine brilannten Ouvertüren? Verschiedene symphonische Dichtungen Liszts wären ebenso aufzuführen wie endlich einmal seine Oratorien „Die Legende von der heiligen Elisabeth“ und „Christus“ oder Wagners „Faust“-Symphonie, der man sich annehmen müßte. Auch Brahms’ „Doppelkonzert“ (op. 102) hörte man gerne öfter, ebenso Kompositionen von Hugo Wolf, wie „Penthesilea“, die stets wohl nur zu Gedenkkonzerten aus der Versenkung hervorgeholt wird; Cherubinis Ouvertüren, Werke Lalos, Saint-Saěns (der Rundfunk hat deren Aufführung in letzter Zeit ein wenig forciert), Debussys „Fantasie für Klavier und Orchester“, Stücke von Roussel und Fauré, der russischen Symphoniker wie Glinka, Balakirew, vor allem von Alexander Skrjabin und Rachmaninoff, Janá- čeks „Sinfonietta“, Werke von Grieg, Pfitzner, Reger usw. Von der Moderne gar nicht zu reden.

Wie viele Werke sind gerade bei einer solchen Generalsichtung des Musikbestandes schon neu entdeckt worden! Sogar Werke, die späteren Epochen als anregende geistige Vorbilder gegolten haben und allmählich neue Interpretationsstile entwickeln halfen. Solchen Stücken erneut Wiens Musikleben zu öffnen, würde frischen Wind bringen. Man muß nicht immer bekannte „Fünfte Symphonien“ hören, wie man nicht ständig Kaviar essen kann. Und schließlich kommt nicht zuletzt daher die abwehrende Haltung vieler Jugendlicher — des Konzertpubli- kums von morgen — gegen die sterotypen Konzertprogramme. Sollen die jungen Leute heute gar kein Recht auf eigenen Geschmack haben und stets nur abgespielte Programme hören, die für ihre Eltern und Großeltern fabriziert wurden? Das sollte doch wohl überlegt werden.

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