Muß Europa erfunden werden?

1945 1960 1980 2000 2020

13 Autoren und eine Autorin lieben Europa, nicht aber das allgegenwärtige Europa-Blabla.

1945 1960 1980 2000 2020

13 Autoren und eine Autorin lieben Europa, nicht aber das allgegenwärtige Europa-Blabla.

Man gebe ein paar Autoren ein Thema, sichere ihnen ein anständiges Honorar zu und lasse sie schreiben, was sie wollen. So wurde die Bawag schon einmal zum Sponsor ("Geld macht sinnlich") und kam so gut an, daß sich die Wiederholung anbot. Diesmal hieß das Thema "Europa der Sinne". 14 Autoren wurden gebeten, über Europa zu schreiben. Aber nicht über das "ohnedies umfänglich beschriebene Europa der ökonomischen Verhältnisse, der Währungen & Finanzen". Den Bogen sollten sie schlagen "von den Mythen des klassischen Europa zu denen eines neuen", über "Europa als sinnvolle Erfahrung" nachdenken, das Ergebnis liegt als Sammelband der Bawag Edition Literatur nun vor.

Auch diesmal nahmen die einen das Thema ernst, was keinesfalls dessen witzige Behandlung ausschließt, während andere ironisch bis satirisch an die Sache herangingen, was wiederum keinesfalls Ernsthaftigkeit ausschließt. In letzterer Kategorie fordert Karl-Markus Gauß "mit ultimativem Nachdruck ... die Anerkennung des Aromunischen als europäisches Kulturgut und internationale Konferenzsprache" - die Zukunft Europas werde von der aromunischen Frage entschieden. Die Aromunen seien nämlich Grenzgänger, denen seit je "das Mißtrauen der vereinigten Polizisten Europas so sicher wie der Haß aller Grenzwächter" galt und "Vorkämpfer eines freien Europas, dessen Grenzen nicht nur für Güter, sondern auch für Menschen durchlässig sind".

Gauß führt ihre Geschichte weit zurück und stellt sie als ein uraltes Volk dar, das seine nationale Identität nie unheilvoll mit der Idee eines Nationalstaats verquickte. Nun verrät das Lexikon dem, der der Sache auf den Grund gehen möchte, bloß, die Aromunen, auch Makedorumänen, Kutzowalachen oder Zinzaren genannt, seien Handwerker, Kaufleute und Viehzüchter und das Aromunische schlicht eine Mundart des Rumänischen mit albanischen, griechischen, slawischen und türkischen Einflüssen im Wortschatz, doch Gauß ist ein hochgebildeter Mann. Dem Leser bleibt also die ebenso quälende wie reizvolle Ungewißheit, wie ernsthaft er das Volk der Aromunen als Modellfall für Europa darstellen oder ob er einfach das Thema auf intelligente Weise ad absurdum führen wollte. Oder in welchem Verhältnis sich diese Absichten in seinem Essay mischen.

Am anderen Ende der Skala, nämlich mit ernsthafter Grundhaltung, doch witzig, brillant und mit viel Ironie und Selbstironie, fragt Milo Dor, wo denn all die Völker geblieben seien, die sich zwischen dem Peloponnes und dem Balkangebirge, zwischen der Adria und der Donau herumtrieben: Wo sind sie geblieben?

"Was ist aus den Skyten, Paionern, Odrysen und Sitalken geworden? Wo sind die Chaoner, Thesproter, Atintanten und Oresten geblieben? Wo findet man noch Spuren der Labraten, Pirusten, Parthiner, Amanten, Liburner, Ardiaier und Taulantier?" Dies lesend, überfällt den Rezensenten, einen begeisterten Europäer (und moderaten Euro-Skeptiker), ein Glücksgefühl, daß es noch Spanier, Dänen, Franzosen, Österreicher, Deutsche, Italiener, Basken, Bretonen, Waliser, Schotten, Vorarlberger und so weiter gibt - und die Traurigkeit, man könnte dereinst nach ihnen so fragen wie nach den Labraten, Taulantiern und Chaonern. Die europäische Einigung, denkt sich der Rezensent, ist etwas Wichtiges, Großes und Schönes, wenn sie in dem Tempo voranschreitet, das ihr die Völker geben und nicht durchgepeitscht wird.

Anders als mit Ironie und Selbstironie kann ein Dichter wie Milo Dor kaum auf sein überaus europäisches Leben zurückblicken. Einer, der aus der Stadt seiner Geburt bereits nach einer Woche in eine andere verbracht wurde, die derzeit den dritten Namen (in einer Generation!) führt. Ein in Budapest Geborener, den in Budapest nur stört, daß dort Ungarisch gesprochen wird, weil seine Eltern Ungarisch zu sprechen pflegten, wenn sie Geheimnisse vor ihm hatten. Ein Dichter, der nicht nur eine Mutter-, sondern auch eine Großmuttersprache besitzt. Einer, der es gründlich verlernt hat, irgendein Volk, und der es dafür gelernt hat, Menschen jeden Volkes zu lieben. (Aber die Tschechinnen besonders!) Einer, dessen Vorfahr väterlicherseits 1848 von den aufständischen Ungarn aufgehängt wurde, "weil er dem Kaiser in Wien die Treue erklärt hatte", und dessen Großvater mütterlicherseits den ganzen Ersten Weltkrieg in einem ungarischen Gefängnis saß, "weil er für die Vereinigung aller Südslawen eingetreten war". Einer, der in der Sprache "die Urgroßmutter aller Huren, die jeder Schuft benützen kann" erkennt. Wer aus ihm einen guten Österreicher machen will, dürfe nie vergessen, "daß ein guter Österreicher ein Mann ohne Eigenschaften ist".

Wenn die Aromunen ein Modellvolk sind, ist Milo Dor ein Modellmensch: Er kann "genauso gut ein braver Serbe wie ein braver Österreicher sein. Ich bin aber weder das eine noch das andere. Das ist meine Krankheit." Wenn das eine Krankheit ist, soll sie uns alle befallen. Milo Dors Formulierungen funkeln hell auf dem dunklen Grund seiner Skepsis und einer gewissen Traurigkeit.

Der Rezensent hat nun ausgiebig über zwei Beiträge referiert - nicht, weil sie die besten oder die einzigen guten wären, sondern einfach deshalb, weil das besser ist, als in aller Kürze über viele dieser Essays nichts zu sagen. Dabei haben es Franz Joseph Czernin, Antonio Fian, Helmut A. Gansterer, Franzobel, Josef Haslinger, Barbara Neuwirth, Hermes Phettberg (der nicht schreibt, sondern interviewt wird), Georg Pichler, Rolf Schwendter, Armin Thurnher, Heinz R. Unger und Rüdiger Wischenbart nicht verdient, unter den Tisch zu fallen. Der einzigen Frau ist übrigens der köstliche Satz zu verdanken, sie sei froh, daß sich wenigstens Islands Hauptstadt nicht als "Herz Europas" bewirbt. Die bloße Aufzählung sollte eigentlich genügen, um nach diesem Buch zu greifen. Es registriert unvollständig, aber repräsentativ, wie österreichische Autoren über Europa - und "Europa" - denken.

Europa der Sinne Herausgeber: BAWAG. Verlag Ueberreuter, Wien 1998 156 Seiten, brosch., öS 196,-

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau