Digital In Arbeit
Feuilleton

Mut zum Experiment

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

„Wer Tom Cruise und Angelina Jolie sehen will, ist bei uns an der falschen Adresse“, sagt Olivier Père. Der neue künstlerische Leiter des Filmfestivals von Locarno stellte klar, wofür das Schweizer Vorzeigefestival steht.

Kunst statt Kommerz, Experimente statt ausgetretener Blockbuster-Pfade. „Ich liebe Filme, die etwas ausprobieren. Ich liebe Experimente. Keine Experimentalfilme, sondern das Unerwartete“, so Père, der bis zuletzt die für experimentelle Zugänge bekannte Filmreihe „Quinzane des réalisateurs“ beim Festival in Cannes leitete.

Jetzt versucht er, Locarno eine neue Richtung zu geben, um zwischen den Festivals von Berlin, Cannes und Venedig ein eigenständiges Profil zu erarbeiten.

China bis Kanada

Kein Wunder also, dass bei diesem Festival einige Filme aus dem Rahmen gefallen sind: Darunter auch der Siegerfilm „Han jia“ („Winterferien“) des chinesischen Regisseurs Li Hongqi. Eine überaus langsam und kommunikationsarm erzählte Schilderung des Lebens in der ebenso langsamen und kommunikationsarmen chinesischen Provinz. Gerade junge Menschen leiden darunter, dass hier so gut wie nichts passiert, und auch, dass es keinerlei Perspektiven zu geben scheint. Mit dem Regiepreis für den Kanadier Denis Coté würdigt das Festival ebenfalls eine provinzielle Alltagsgeschichte: Cotés „Curling“, angesiedelt im eisigen Winter in einer kanadischen Provinz, erzählt eine Vater-Tochter-Geschichte und ist bestimmt von Isolation, Tod und der kanadischen Version des Eisstockschießens.

Auch die übrige Auswahl von Pères erstem Wettbewerbsprogramm fiel unkonventionell aus: Sei es nun der wortkarge, aber bildsprachlich starke „Morgen“ des Rumänen Marian Crisan, der von den Problemen illegaler Immigration berichtet, oder der wütende „Bas-Fonds“ von Schauspielerin und Regisseur Isild Le Besco, der drei hysterische Frauen in einer verbrecherischen Abwärtsspirale zeigt. Sei es der missglückte Versuch des Ungarn Benedek Fliegauf, in „Womb“ ein Statement zum Thema Klonen zu setzen, indem er eine Frau (Eva Green) ihren verstorbenen Liebhaber klonen lässt, den sie im eigenen Mutterleib austrägt. Sei es der sechsstündige chinesische Film „Karamay“ von Xu Xin, der von einem Brand erzählt, der Hunderten Kindern das Leben kostete, weil sie Parteibonzen den Fluchtweg freihalten mussten. Oder sei es Christophe Honorés „Homme au bain“, der von der Trennung zweier schwuler Männer erzählt und zwischen spontanem Sex mit Fremden und intimen Analrasuren bald zum lustlastigen Sexspiel wird. Filme zwar, die von unterschiedlicher Qualität sind, aber immerhin gemein haben, voll Mut zu zeigen. Ergänzt um bemerkenswerte Arbeiten aus Serbien („Beli beli svet“, Preis für die beste Hauptdarstellerin), Deutschland („Im Alter von Ellen“) oder Italien („Pietro“), wurde das Programm den Vorstellungen Pères gerecht: mehr Wagnis, mehr Experimente.

Soziale Stellung der Untoten

Aber Olivier Père verweigert sich nicht der Definition des Kinos als Ort der Unterhaltung: Vielmehr nahm er unkonventionelle Vertreter ins Programm, darunter zwei Zombiefilme, die man normalerweise nicht auf den Bühnen von A-Festivals zu sehen bekommt: „Rammbock“ des Österreichers Marvin Kren, der einst von der Wiener Filmakademie abgelehnt wurde und sein Filmdebüt in Deutschland realisierte. Zombies wüten 64 Minuten lang durch einen Berliner Hinterhof, und holen die Klischees aus vergleichbaren US-Filmen damit in deutsche Wohnzimmer. Kren benutzt eine stilistisch rohe, unmittelbare Filmsprache. Oder „L.A. Zombie“ von Bruce LaBruce, einem Enfant des US-Independentkinos, der hier einem außerirdischen, homosexuellen Zombie die Fähigkeit gibt, Tote in abstrusen Geschlechtsakten zurück ins Leben zu holen.

Aufsehen zu erregen, das ist Olivier Père in seinem ersten Jahr zweifellos gelungen, auch, weil er militant in Bezug auf die Ästhetik sein wollte. Père sieht darin die künftige Verantwortung von Filmfestivals im Zeitalter des schnelllebigen Internets: „In vielen Ländern sind Festivals heute der einzige Ort, wo man Filme noch in einem Kino zu sehen bekommt“, sagt er. „Es wird immer Bedürfnisse nach Treffpunkten geben, wo sich Filmemacher mit dem Publikum austauschen können. Filmfestivals tragen ab nun eine größere Verantwortung als früher. Sie müssen mehr wagen, sollen Fürsprecher für Filme und Regisseure sein und eine Möglichkeit zu diesem wichtigen Austausch bieten.“ Locarno hat sich in dieser Hinsicht einmal mehr als ideale Plattform erwiesen.

„Wer Tom Cruise und Angelina Jolie sehen will, ist bei uns an der falschen Adresse“, sagt Olivier Père. Der neue künstlerische Leiter des Filmfestivals von Locarno stellte klar, wofür das Schweizer Vorzeigefestival steht.

Kunst statt Kommerz, Experimente statt ausgetretener Blockbuster-Pfade. „Ich liebe Filme, die etwas ausprobieren. Ich liebe Experimente. Keine Experimentalfilme, sondern das Unerwartete“, so Père, der bis zuletzt die für experimentelle Zugänge bekannte Filmreihe „Quinzane des réalisateurs“ beim Festival in Cannes leitete.

Jetzt versucht er, Locarno eine neue Richtung zu geben, um zwischen den Festivals von Berlin, Cannes und Venedig ein eigenständiges Profil zu erarbeiten.

China bis Kanada

Kein Wunder also, dass bei diesem Festival einige Filme aus dem Rahmen gefallen sind: Darunter auch der Siegerfilm „Han jia“ („Winterferien“) des chinesischen Regisseurs Li Hongqi. Eine überaus langsam und kommunikationsarm erzählte Schilderung des Lebens in der ebenso langsamen und kommunikationsarmen chinesischen Provinz. Gerade junge Menschen leiden darunter, dass hier so gut wie nichts passiert, und auch, dass es keinerlei Perspektiven zu geben scheint. Mit dem Regiepreis für den Kanadier Denis Coté würdigt das Festival ebenfalls eine provinzielle Alltagsgeschichte: Cotés „Curling“, angesiedelt im eisigen Winter in einer kanadischen Provinz, erzählt eine Vater-Tochter-Geschichte und ist bestimmt von Isolation, Tod und der kanadischen Version des Eisstockschießens.

Auch die übrige Auswahl von Pères erstem Wettbewerbsprogramm fiel unkonventionell aus: Sei es nun der wortkarge, aber bildsprachlich starke „Morgen“ des Rumänen Marian Crisan, der von den Problemen illegaler Immigration berichtet, oder der wütende „Bas-Fonds“ von Schauspielerin und Regisseur Isild Le Besco, der drei hysterische Frauen in einer verbrecherischen Abwärtsspirale zeigt. Sei es der missglückte Versuch des Ungarn Benedek Fliegauf, in „Womb“ ein Statement zum Thema Klonen zu setzen, indem er eine Frau (Eva Green) ihren verstorbenen Liebhaber klonen lässt, den sie im eigenen Mutterleib austrägt. Sei es der sechsstündige chinesische Film „Karamay“ von Xu Xin, der von einem Brand erzählt, der Hunderten Kindern das Leben kostete, weil sie Parteibonzen den Fluchtweg freihalten mussten. Oder sei es Christophe Honorés „Homme au bain“, der von der Trennung zweier schwuler Männer erzählt und zwischen spontanem Sex mit Fremden und intimen Analrasuren bald zum lustlastigen Sexspiel wird. Filme zwar, die von unterschiedlicher Qualität sind, aber immerhin gemein haben, voll Mut zu zeigen. Ergänzt um bemerkenswerte Arbeiten aus Serbien („Beli beli svet“, Preis für die beste Hauptdarstellerin), Deutschland („Im Alter von Ellen“) oder Italien („Pietro“), wurde das Programm den Vorstellungen Pères gerecht: mehr Wagnis, mehr Experimente.

Soziale Stellung der Untoten

Aber Olivier Père verweigert sich nicht der Definition des Kinos als Ort der Unterhaltung: Vielmehr nahm er unkonventionelle Vertreter ins Programm, darunter zwei Zombiefilme, die man normalerweise nicht auf den Bühnen von A-Festivals zu sehen bekommt: „Rammbock“ des Österreichers Marvin Kren, der einst von der Wiener Filmakademie abgelehnt wurde und sein Filmdebüt in Deutschland realisierte. Zombies wüten 64 Minuten lang durch einen Berliner Hinterhof, und holen die Klischees aus vergleichbaren US-Filmen damit in deutsche Wohnzimmer. Kren benutzt eine stilistisch rohe, unmittelbare Filmsprache. Oder „L.A. Zombie“ von Bruce LaBruce, einem Enfant des US-Independentkinos, der hier einem außerirdischen, homosexuellen Zombie die Fähigkeit gibt, Tote in abstrusen Geschlechtsakten zurück ins Leben zu holen.

Aufsehen zu erregen, das ist Olivier Père in seinem ersten Jahr zweifellos gelungen, auch, weil er militant in Bezug auf die Ästhetik sein wollte. Père sieht darin die künftige Verantwortung von Filmfestivals im Zeitalter des schnelllebigen Internets: „In vielen Ländern sind Festivals heute der einzige Ort, wo man Filme noch in einem Kino zu sehen bekommt“, sagt er. „Es wird immer Bedürfnisse nach Treffpunkten geben, wo sich Filmemacher mit dem Publikum austauschen können. Filmfestivals tragen ab nun eine größere Verantwortung als früher. Sie müssen mehr wagen, sollen Fürsprecher für Filme und Regisseure sein und eine Möglichkeit zu diesem wichtigen Austausch bieten.“ Locarno hat sich in dieser Hinsicht einmal mehr als ideale Plattform erwiesen.