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"Mutigstes Espenlaub das ich je zittern sah"

Friedrich Heer - kein Heiliger, kein Held, aber ein Mystiker und Sinnenmensch.

Friedrich Heer 1916-1983

Denker

Bin kein Märtyrer, bin kein Blutzeuge, bin kein Heiliger, bin kein Held", schrieb Friedrich Heer einmal. "Dies bin ich: ein Mensch, der überzeugt ist, dass der Mensch dem Mitmenschen zur Speise werden soll." Dokumentiert sind diese Sätze im Sammelbändchen "Ausgesprochen" unter dem Zwischentitel "Fronleichnam in uns und um uns." In ihnen steckt der ganze dialektische Heer: der provokant formulierende Mystiker und der barocke Sinnenmensch: An einem gemeinsamen Tisch sollten Freunde, Feinde, alle Menschen sitzen, Brot und Wein, Gott und Leben miteinander teilen und in Selbsthingabe das "große Abendmahl der letzten Zukunft" feiern.

Lebenslang hat er die Wolkenberge seiner Gedanken darüber zu entwirren versucht: in der Furche, in Wort und Wahrheit, in einer großen Zahl von Büchern, die der Böhlau-Verlag seit 2003 neu herausbringt, in Vorträgen und Interviews. In seinen letzten Lebensjahren nahm er sich auch mehr Zeit für ein Gespräch mit Freunden, das diese nach dem Erfolg seines Bandes "Das Gespräch der Feinde" (1949) immer häufiger eingefordert hatten.

Ungebändigte Leidenschaft

Mit den "Feinden", die er zum Dialog lockte, tat er sich leichter als mit seinen Freunden in katholischer Kirche, cv, övp und Universität. Sie erschraken, als er die "Dreieinigkeit von Rebellen, Häretikern und Revolutionären" in ihrem Kampf gegen leibliche, geistige, religiöse und politische Väter pries, die im Lauf der Geschichte Söhne und Töchter unterjochten. Nur durch verständnisvolle Zuwendung zu ihren Kindern könnten neue Väter die "große Zerstörung der sündigen Menschheit" verhindern, die sich in Kriege, Hexenprozesse und Judenverfolgungen verstrickt habe.

Gegen solches Unrecht schrieb und redete Friedrich Heer in ungebändigter Leidenschaft an. Bürgerkriegsgräben wollte er auffüllen helfen, Verfeindung der Kirchen überwinden, sie von Machtgehabe befreit sehen, Christen als "Realisten" erleben, die mutig Schuld eingestehen und bewältigen. Fast alles, was Friedrich Heer formulierte, ist heute geistiger Gemeinbesitz - freilich oft nur theoretisch. Aber das Bewusstsein der Zusammengehörigkeit von Christen und Juden, das Zusammenwachsen Europas bei gleichzeitiger Bejahung österreichischer Identität sind unumkehrbar geworden.

Darum ging es auch, wenn Fritz Heer in den frühen 80er Jahren mit Freunden im Melker Stiftskeller in Wien, beim Heurigen in Oberlaa oder in der Wohnung des unvergessenen Caritaspräsidenten Leopold Ungar auf dem Kahlenberg diskutierte und beim Heimfahren anhalten ließ, um beim Blick über das Lichtermeer von Wien einen Seufzer dankbaren Glücks auszustoßen. Dabei hat er einen seiner Romane "Scheitern in Wien" betitelt und dabei wohl auch an sich gedacht.

Fritz Heer hat viel gelitten, an Leib und Seele, war voller Ängste, und doch war Fritz Wotruba Recht zu geben, der von ihm bekannte: "Er war das mutigste Espenlaub, das ich je zittern sah." Dass ihn Unterrichtsminister Heinrich Drimmel, der ihn für einen verkappten Marxisten hielt, nicht auf einen Universitäts-Lehrstuhl berufen wollte und darin von Fachkollegen ermuntert wurde, die Heers "methodische Großzügigkeit" nicht goutierten, hat ihn mit Recht gekränkt.

Glück für die furche

Freilich: Was da aus seinem unermüdlich arbeitenden Gehirn ohne Rücksicht auf Platzverhältnisse auf Schreibmaschinenseiten quoll, hat schon Friedrich Funder, der ihn 1949 zur Furche geholt hatte, zu mancher Verzweiflung getrieben. Dennoch waren die 12 Furche-Jahre ein großes Glück für die Redaktion, für die Leserschaft und auch für Fritz Heer, der seine Kanzel gefunden hatte. Das Versöhnungswerk von Kardinal König mit Gewerkschaftern, Sozialdemokraten, nichtkatholischen Christen, Juden, Agnostikern, Wissenschaftern knüpfte vielfach an Heer an.

Als ein Abgleiten der Furche in rechtes Fahrwasser zu befürchten war, nahm er 1961 ein Angebot an, Dramaturg des Burgtheaters zu werden. Als er merkte, dass die Furche Kurs als Forum für offene Dialoge hielt, arbeitete er auch wieder für sie. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er noch Dutzende - nein: hunderte Buchrezensionen und konnte von den Bänden, die man in seine Wohnung schleppte, nicht genug bekommen.

"Ich habe nie jemandem wehtun wollen!" rief er aus. Nicht alle erfuhren mehr davon. Aber auch damit gab er Leopold Rosenmayr Recht, der ihm im Nachruf die Fähigkeit attestierte, immer wieder "zum Exemplarischen vorzudringen.

Der Autor war von 1978 bis 1984 Chefredakteur der Furche.

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