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Nachrichten vom Subjekt in der Krise

Österreichische Erstaufführung von Ewald Palmetshofers "Körpergewicht 17%“ sowie Marlene Streeruwitz’ "Entfernung“ im Schauspielhaus Wien.

Der Einzelne, das Subjekt, welches die Spuren der Verwerfungen gesellschaftlicher Verhältnisse und jüngster Krisen trägt, ist unbestreitbar das Lieblingsthema der jüngsten Gegenwartsdramatik und Prosa. Der Oberösterreicher Ewald Palmetshofer stellt in seinem kurzen Monologstück "Körpergewicht 17%“, das vor zwei Jahren am Nationaltheater Mannheim zur Uraufführung gelangte, dem Zeitgeist gemäß zwei Verliererexistenzen jüngster Wirtschaftsdesaster vor, denen die Welt fremd geworden ist.

Die Welt durch den Türspion

In einen engen, nach vorne offenen Sperrholzkasten gesperrt, der mit luftlosen, schlappen, aus der Form geratenen Bällen drapiert ist, kehrt die Schauspielerin Katja Jung zunächst das Innere einer älteren Frau hervor. Kaum mehr vor die Tür traut die sich, da sie sich vor allem durch lärmende Kinder in ihrem Bedürfnis nach Ruhe gestört fühlt. Die machen immer "Stille tot, durch einen Biss in die Waffel“, und deshalb will sie die Welt da draußen nur mehr durch den Türspion wahrnehmen.

Auch vom anderen gebeutelten Individuum erfahren wir kaum mehr Gewichtiges. Der junge Mann ist weltoffen, ein weit gereister ehemaliger Broker eines jüngst unrühmlich pleite gegangenen amerikanischen Bankhauses, wie die Kisten mit den Accessoires bezeugen. Er hat sich nach Indien davon gemacht, stößt sich dort im Angesicht der hungernden Massen an der himmelschreienden Ungerechtigkeit der Welt und verliert dabei 17% seines Körpergewichts. Viel mehr gibt es da nicht. Man fragt sich, warum das einen Theaterabend wert ist. Ist es auch nicht. Regisseurin Felicitas Brucker ist zwar sichtlich bemüht, dem dürren Text mit einigen Regieeinfällen Substanz zu unterlegen. Aber die Bebilderung der weitgehend inhaltslosen Monologe macht es kaum besser. Katja Jung verleiht den Figuren Körper und vor allem Stimme, meistert das Switchen zwischen alter Frau und jungem Mann mit Bravour, vermag aber auch nicht mehr aus dem Text herauszuhören, als Palmetshofer hineinzupacken vermochte.

Da konnte die zweite Premiere schon gewaltig mehr an Textsubstanz liefern, war die Grundlage doch Marlene Streeruwitz’ 2006 erschienener Roman "Entfernung“, worin sie nicht das Vorstadtprekariat zum Protagonisten macht, sondern den eigenen Betrieb mit seinen Machtstrukturen desavouiert.

Streeruwitz’ Protagonistin heißt Dr. Selma Brechthold, lautmalerisch wesentlich, denn ihr Auf- und Ausbruch lässt nicht zufällig an "Thelma und Louise“ denken. Selma ist 49, politisch links, kinderlos, unverheiratet, frisch von ihrem Liebsten verlassen, dem sie stets mit fürsorglicher Toleranz begegnete und - nachdem sie jahrelang als Chefdramaturgin beim (angeblich) innovativsten Festival der Stadt, den Wiener Festwochen, beschäftigt war - frisch gekündigt. Wo sie doch dem selbstverliebten Sermon des Herrn Intendanten in stundenlangen Sitzungen zuhörte. Alle Anpassung umsonst. Selma fliegt nach London, wo sie exakt am 6. Juli 2005, dem Vortag der Terroranschläge eintrifft.

Bobo-Essen vom Spesenkonto

Streeruwitz setzt damit einen weiteren Schritt in Richtung ihres zentralen Themas, dem Subjekt im Neoliberalismus, das sie in "Entfernung“ an seine Existenz-Grenzen bringt. An ästhetische Grenzen geht auch der Schweizer Regisseur Samuel Schwarz, der den knapp 500 Seiten umfassenden Roman mit drei Schauspielern auf die Bühne gebracht hat. Dabei fürchtet man noch zu Beginn, dass ihm nicht mehr als eine szenische Lesung eingefallen sein mag, stehen doch alternierend Barbara Horvath, Veronika Glatzner und Vincent Glander seitlich am Mikro und berichten in der dritten Person von Selmas Aufbruch. Auf der Bühne hingegen ist ein Atelier eingerichtet, wie von Biennale-Künstlern, hippen Innenarchitekten oder sonst reichen, mächtigen Leuten, die den Kunstbetrieb bestimmen, während ihr Bobo-Essen vom Spesenkonto bezahlt wird.

Diskurse auf die Bühne zu bringen, ist schwierig, wie man sieht, umso mehr ist Schwarz’ engagierte Arbeit, die vor allem im Mittelteil berührt und verunsichert, anzuerkennen.

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