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Nächstenliebe, Rettung

Eine Relecture von Adalbert Stifters Erzählung "Der heilige Abend“ ("Bergkrystall“) im Kontext ihrer Entstehungszeit: Sie enthüllt uns den Kern der weihnachtlichen Frohbotschaft.

"Alle Jahre wieder“ erklingt, übertönt und verstört durch Weihnachtsmarkt und Konsumrausch, das Lied des Superintendenten Wilhelm Hey (1837). Als "Verunglimpfung des deutschen Gemüts“ denunzierte Pfarrer Hans-Werner von Meyenn Heinrich Bölls Satire "Nicht nur zur Weihnachtszeit“ (1952). Lassen wir uns daher nicht von Waldmüllers Gemälde "Der Christtagmorgen“ (1844) zu biedermeierlicher Nostalgie verführen. Das Werk steht zwischen Dickens’ "A Christmas carol in prose“ (1843) und Stifters Erzählung "Der heilige Abend“ (1845). Das Bild ist ebenso wie Stifters Erzählung ein wertvolles Dokument für die frühe Präsenz des Christbaums in bäuerlichen Familien und die Entwicklung des Geschenkbrauchtums. Die Talglichter am Christbäumchen sind abgebrannt, die Heilige Nacht hat das Licht des wachsenden Tages gebracht, das durch die geöffneten Fenster in die gewölbte Stube (der Höldrichsmühle, in der Waldmüller starb) strömt. Auch bei Stifter schauen die Menschen in der Mitte der Nacht und am Christtag zum Himmel auf, besuchen und beschenken einander. Die Kinder finden in ihren Schuhen Äpfel: Die Frucht vom Baum der Erkenntnis wird, in der Symbolik des Lebensbaumes, zum Zeichen des wieder gewonnenen Paradieses. Es war übrigens Martin Luther, der das Gabenbringen durch das Christkind anstelle des nachmals so schrecklich zum Weihnachtsmann verkommenen Nikolaus verkündete.

Einfachheit und Besinnung

Maler und Dichter mahnen zu Einfachheit und Besinnung: Beim ersten Weihnachtsfest im neu eingerichteten Palais auf der Augustinerbastei (heute Albertina) des Erzherzogs Karl und seiner protestantischen Gemahlin Henriette von Nassau-Weilburg (1823) erinnerte sich Erzherzog Johann an das bescheidene "Kripperl“ seiner Kindheit. Angesichts des "Graßbaums mit vielem Zuckerwerk und Lichteln und einem ganzen Zimmer voller Spielereien aller Art“ dachte er an "das Elend seiner Kinder im Gebirge“.

Stifters Weihnachtsnovelle ist sein bekanntestes Werk geworden und geblieben: Ein Kinderpaar, wie es dem Dichter an der Seite seines naturforschenden Freundes Friedrich Simony bei seiner Salzkammergutreise im Sommer 1845 begegnete, geht am "heiligen Abend“ (unter diesem Titel erschien die Erzählung im selben Jahr) von Hallstatt nach Gosau (die Ortsnamen sind zu Millsdorf und Gschaid chiffriert) und verirrt sich bei einfallendem Schneegestöber in die Todeszone des Dachsteingletschers. Stifter hat hier alle Register seiner meteorologischen, glaziologischen und astronomischen Kenntnisse gezogen. Die Kinder erleben das Farbenwunder der Eishöhle, das "stumme Schütten“ des Schneefalls, das Krachen des Gletschers, dann das Aufklaren des Sternenhimmels und sein Kreisen (übrigens: Wann haben Sie zuerst und zuletzt die scheinbare Bewegung der Fixsterne wahrgenommen?), ein Nordlicht (dessen elektromagnetischen Ursprung man damals bereits vermutete), schließlich den Licht und Lebensrettung bringenden Sonnenaufgang. Die Natur ist gegenüber dem Einzelwesen fühllos; die Gnade des Mensch gewordenen Gottessohnes, im Weihnachtsevangelium (Lk 2) den Menschen guten Willens verheißen, verwirklicht sich in der gefahrvollen Suche aller Markt- und Dorfbewohner von hüben und drüben. Bis dahin war die Mutter der Kinder, die Tochter des reichen Färbers, "die junge Schustersfrau auf alle Zeit hin gleichsam wie eine Ausländerin betrachtet“ worden. Nun ist "Alles, Alles gut“ - "Nachbarn! Freunde! Ich dank’ Euch! - Danken wir Alle Gott, danken wir Alle Gott.“ Gottesverehrung und Nächstenliebe, die beiden gleich wichtigen Gebote, die Jesus aus dem Gesetz des Alten Bundes herleitet (Mt 2,36 ff.; 5 Mose 6,5; 3 Mose 19,18), werden zum großen Te Deum der Mitmenschlichkeit. Die Kinder "waren von nun an […] erst rechte Eingeborene des Dorfes“.

"Bergkrystall“, so der Titel für die "Bunten Steine“ (1852), ist vom Naturwissenschafter Stifter in ein mineralogisch-geologisches System eingeordnet worden. Krystallos galt in Altertum und Mittelalter als zu Edelstein verfestigtes Eis, als Symbol für lichtdurchflossenen Stoff, Körper und Seele, Träger der Sphären der Planeten und Sterne, und wurde daher für Kruzifixe, Reliquiare, liturgische Gefäße, Abt- und Bischofsstäbe wie an Kronen und Zeptern verwendet.

Über konfessionelle Grenzen

Schon im ersten Satz deutet "Der heilige Abend“ mit der Gemeinsamkeit der Bräuche "in protestantischen Ländern“ wie "in vielen katholischen Gegenden“ die überkonfessionelle Einheit des Hochfestes der Geburt Christi an, ein Hinweis auf religiöse Toleranz gerade in dem von der Gegenreformation so schwer geprüften Salzkammergut.

Werfen wir einen Blick zu dem erst nach Stifters Weihnachtserzählung weltweit verbreiteten "Stille Nacht“-Lied von Kooperator Joseph Mohr und Lehrer Franz Gruber (entstanden in bitterer Notzeit 1818 nach den Völkerschlachten der napoleonischen Kriege und dem Wiener Kongress der Fürsten und Diplomaten). Bezeichnenderweise fiel in der Überlieferung der ursprünglich sechs Strophen die theologisch (und politisch!) unerhört kühne vierte Strophe weg. Sie lautet: "Stille Nacht! Heilige Nacht! / Wo sich heut alle Macht / väterlicher Liebe ergoß, und als Bruder huldvoll umschloß / Jesus die Völker der Welt! Jesus die Völker der Welt!“ Der Messiasname Christus, wie er heute gesungen wird, kommt in dieser Urfassung nicht vor - nur Jesus, als Bruder und Retter der Menschen, wird genannt.

"Ich habe den heiligen Christ gesehen“

Das gerettete kleine Mädchen Sanna, das im Vertrauen zum großen Bruder immer wieder nur die Worte "Ja, Konrad“ gesagt hatte, spricht die tiefste Erkenntnis aus: "Mutter, ich habe heute nachts, als wir auf dem Berge saßen, den heiligen Christ gesehen.“ Die Quelle dieser Himmel und Erde verbindenden Sicht der Menschwerdung Christi ist das "Gloria in excelsis Deo“ der himmlischen Heerscharen und, wie merkwürdigerweise noch nie gesehen wurde, Dantes "Göttliche Komödie“. Alle Durchgänge durch Inferno, Purgatorium und Himmelssphären enden mit dem Aufblick zum Sternenhimmel: "Dann grüßten wir beim Austritt neu die Sterne […] Rein und bereit zum Aufschwung in die Sterne […] Doch folgte schon mein Wunsch und Wille gerne / Der Liebe, die in ewigem Gleichschwung kreist, / Ihr, die die Sonne rollt und andern Sterne.“ In dieser Schlussvision enthüllt sich dem Seher in einem dreifaltigen Regenbogen das Gottesbild im Menschenangesicht Jesu: "Du ewig Licht ruhst in dir selbst allein, / Verstehst, erkennst dich, bist erkannt, verstanden / In dir und lächelst dir in Liebe zu.“

Glaube und Kunst waren auf der Suche nach dem Antlitz Jesu, in Gestalt der Bildnisse, welche die frühe Kirche als acheiropoieta, überirdischen Ursprungs, nicht von Menschenhand gemalt, verehrte: das byzantinische Mandylion als Abgar-Bildnis, das lateinische Schweißtuch der Veronika, der Sindone von Turin, der Volto Santo, der die Königsherrlichkeit des Gekreuzigten und Auferstandenen zeigt. Die Ikone in ihrer tiefsten Bedeutung, als Gleichnis des Ewigen, verbürgte den glaubenden Christen die Wahrheit der Fleischwerdung des Logos, des göttlichen Wortes, und den Anblick Gottes (Joh 1 und 14). So erzählt Stifters Geschichte von Rettung und Nächstenliebe und enthüllt damit den Kern der weihnachtlichen Frohbotschaft: Alle Menschen ohne Unterschied ihrer Herkunft sind das Ebenbild Gottes und durch die Geburt des Menschensohnes und Heilands geliebte Kinder Gottes geworden.

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