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Neue Bücher für die lyrische Hausapotheke Titel

1945 1960 1980 2000 2020

Das österreichische Gedicht zwischen Zaubersprüchen und Alltagsbewältigung.

1945 1960 1980 2000 2020

Das österreichische Gedicht zwischen Zaubersprüchen und Alltagsbewältigung.

Eine lyrische Hausapotheke findet sich in den wenigsten Haushalten, nur zu oft vereinsamen Bücher zwischen Vasen und Dekorgegenständen. Fünf Neuerscheinungen österreichischer Lyriker können durchaus zu Recht einen Platz im Regal für seelische Notfälle beanspruchen, denn Lyrik kann entweder als Zauberspruch gelesen werden, der den Alltag wieder lebbarer macht, oder als Tagebuch empfunden werden, in dem Stimmungen als Indikatoren allgemeiner Befindlichkeit keineswegs "blickdicht" versiegelt werden.

Lyrik verkürzt also und schafft die Welt neu. Die sprachlichen Bilder sind Bojen auf einem Meer des Ununterscheidbaren, im Ozean der alltäglichen Sprache, die uns umgibt und die Luft zum Atmen nimmt. Lyrik kann Rettung sein, Rückzug und Kraft, es erneut zu versuchen. So gelesen und so betrachtet, sollten sich viele fragen, wie sie bisher ohne Lyrik überhaupt überleben konnten. Angesichts der Unterschätzung dieser Literaturgattung ist solch selbstbewußte Überschätzung, der es vielleicht gelingt, auch einen Anflug schlechten Gewissens zu erzeugen, erlaubt. Bei der Zusammenstellung einer eigenen lyrischen Hausapotheke muß auf die richtige Zusammensetzung geachtet werden.

Bei weitem nicht nur die lyrischen Klassiker sind gefragt, sondern eine entsprechende Ergänzung mit wenig erprobten, sprich Neuerscheinungen, kann Überraschendes zeitigen. Für die Probleme unserer Zeit sollte nicht nur bei den "Alten" nach guten Rezepten gesucht werden, wenn auch das Aspirin in diesen Tagen seinen hundertsten Geburtstag gefeiert hat. Neue Leiden verlangen auch nach neuen Gegenmitteln. Eine Hilfe gegen den Alltag kann die Entführung in angenehmere Gefilde sein, wenn das "herz barfuß geht" und Gerhard Altmann schreibt: "ich stehe am fenster/ & mache den Hof unter mir südlich".

Eine andere Möglichkeit der Lebensbewältigung ist es, den Alltag zu poetisieren, das Postamt zum Beispiel: "ein blaues briefgeheimnis/ der mausschritt auf dem stempelkissen/ wind in neongelber schrift/ katzen schnurren ein telefonnetz/ das spinnt sich nach australien". Bei diesem Zurücklehnen "ins schwarzmeer" sind die Bedrohungen verschwunden. "die ratten kommen/ auch in den dritten stock", doch sie sind keine Vorboten der Probleme unserer Zeit, müssen es wohl auch nicht sein "und die gärung im Keller/ und die faulende dampfmaische im weingarten/ und der violette abfall vom rotweinfiltern/ und die augen offen halten/ und jeden tag ein naturgedicht/ und?" Wo Altmann die Natur verläßt, stößt er auch an seine Grenzen, wie im Gedicht für den Großvater: "du mußtest nicht den stern tragen/ selbst aufgehender stern am geigenhimmel/ damals: kein himmel voller geigen". Das ist zwar eine persönliche Bewältigung und hat seine Berechtigung, doch die Bildlichkeit scheint dem Rezensenten zu abgegriffen, zu vorausahnbar, was von den übrigen Miniaturen, die im ansprechend gestalteten Band "Sim Sala Mander" zusammengestellt sind, keineswegs zu sagen ist, die überraschen und die Welt in anderen Farben sehen lassen: "blau mit pappeln gestreift die luft/ weingartendraht putzt sein gefieder/ und wieder baut die sonne schatten/ felder schachbretter in farbe/ stellen sich den sommer vor".

Die Lyrisierung der Welt betreibt auch Friedrich Hahn durchaus erfolgreich. "Lyrik als Wirklichkeit" heißt es auch im Eingangsgedicht, das dem Band "hirnsegel, blickdicht" den Namen gibt und auf diese außergewöhnliche Reise Bezug nimmt. Die Liebesgedichte sind Beziehungsgedichte, der Alltag des Nebeneinanderlebens: "festgezurrt: biographie an biographie/ leben an leben, bauch an bauch".

Die Gefahr droht nicht nur diesen: "alle dus schon vereinzelt" im Schlußverkauf der klingenden Nächte. Die Reise mit dem sonderbaren Segel ist auch eine Suche nach der Mitte des Lebens, auch eine Sinnsuche. "die symmetrie des Lebens/ nicht/ auszumachen/ aber immer noch/ feiern wir geburtstage/ als/ halbzeit." Da Lyrik auch mit Zauberei in Verbindung gebracht wurde und wir doch wissen, daß die Magier eben nur geschickt sind, darf der Hinweis auf eine Gefahr, der der Zauberer Hahn ausgesetzt ist, nicht fehlen. Fast scheint es, als würde die tägliche Magie der Werbung ihren Tribut fordern. Oder täuscht der Eindruck bei folgenden Zeilen: "der sprache entlang,/ dienstreisen zum frühen/ verstummen der tage/ der ankick erfolgte/ und wir brauchten/ ein ganzes play-off/ an vergebenen chancen."

Zur Bewältigung einer persönlichen Krise nach dem Verlust des Bruders hat sich Mechthild Podzeit-Lütjen ihren "worte mantel" umgeworfen. "nie wieder denken an/ bernsteinfarbene zeiten/ weil es jetzt so ist/ es im eingeschlossenem/ ohne peripherie/ nicht die mitte". Wärme ist von dieser Bewältigung, von diesem Mantel nicht zu erwarten, aber die Kälte der Trauer, der Enttäuschung kann auch einen Weg weisen: "nicht abheben/ oder nicht zu hoch/ enttäuschung/ läßt fallen/ vielleicht zur mitte." Gerade dann, wenn Kunst persönlich wird, hat es Kritik nicht leicht, weil Kritik an einer Trauerarbeit möglicherweise auch als persönliche Verletzung empfunden werden könnte. Nicht nur "das dämmerblau der schlehen" fasziniert, sondern auch das Stakkato der geknickten Rose: "die rose dort/ ein zeichen für/ kein trost nur wort/ hat nie geblüht". Doch es scheint möglich, sich in der Trauer behaglich einzurichten, mit zuviel Schmerz, Erinnern und schmelzendem Schnee.

Blutig und schmerzverzerrt ist auch der Boden der Geschichte, auf dem Hugo Schanovsky in seinen zwölf Rhapsodien "Keine Adlerspur zieht der Mensch" den Leser entführt, der mit dem Autor weit herumkommt, vom Newski Prospekt über die schottischen Highlands bis in die spanische Provinz. Wer so weite Kreise zieht, der muß auch weite Strecken zurücklegen und dabei nicht immer so großen Wert legen auf die einzelnen Schritte, sprich die sprachliche Finesse: "All die Jahre den Rücken gekrümmt/ auf dem Feld und dabei/ die Blumen der Poesie/ aus dem Erdreich geholt/ vor allem für jene, denen das Leben keine Schalmeien/ blies" heißt es über den schottischen Dichter Robert Burnes. Doch wen die gelegentlichen Erdklumpen an den Füßen bei dieser Reise nicht stören, der wird Neues, Unerwartetes erfahren. Eine ungewöhnliche Art, um durch Länder und Geschichte zu reisen.

Hans Raimund hat von den hier vorgestellten lyrischen Neuerscheinungen sicherlich wohl am ehesten seinen Platz in den Bücherregalen gefunden und kann inzwischen auch in verschiedenen Sprachen gelesen werden, seine Gedichte sind ins Englische ebenso übersetzt wie ins Albanische, Italienische und Bulgarische. Hierzulande wird er - abseits der Moden - wohl nicht in dem Ausmaß zur Kenntnis genommen, wie es ihm zukommen würde. Auf diese Situation trifft wohl auch das Gedicht "Obwohl er" zu: "Obwohl er/ - Nun da er sich mutwilllig für immer jede Möglichkeit/ Zur Erlangung eines unkündbaren BeamtenPostens/ verscherzt hat -/ Sich durch diverse Mitgliedschaften Preise/ Fast zwei Dutzend Bücher etliche SchreibMaschinen/ einen Computer Stapel von grünem gelbem weißem/ Papier/ In seiner nie ganz geklärten Absicht bis auf weiteres/ bestätigt glaubt (...) Zu glauben gewillt ist/ Daß ihm der Große Sprung unter gehörigem/ TrommelWirbel/ Eines Tages doch noch gelingen werde." In den Gedichten finden sich viele Ansätze, diesen "Großen Sprung" trotzdem zu wagen, trotz der mißglückten Versuche, trotz des Scheiterns. Es sind Selbstvergewisserungen, es noch einmal zu versuchen. "ES IST DIE ZEIT JETZT aufzustehen/ Der erste Hahn hat schon gekräht .../ Vergiß den Wunsch des Abends morgens/ Nicht mehr aufzuwachen/ (...) Bei KlappMesser einhundertdrei knurrt/ Dir der Magen schon vor Hunger/ Auf den Tag ..."

In unserer Auswahl verschließt sich sein Bändchen "Portrait mit Hut" wohl am stärksten einfachen Anwendungen. Die Welt wird hier nicht lyrisiert, sondern zum Teil neu erschaffen, mit sprachlichen Mitteln, abgesteckt mit lyrischen Koordinaten, aber auch hermetisiert. Fast scheint es so, als sollte sie abgedichtet und geschützt werden vor einfachen Zugriffen. Dies geht nicht ohne Arbeit ab, eine Arbeit, die auch vom Leser gefordert wird, und ein Bemühen, das nicht immer von Erfolg gekrönt ist - zumindest nicht beim Rezensenten, und ein böses Wort lauert: Nabelschau, Beliebigkeit. Oder liegt es nur am fehlenden Schlüssel? "Hab keinen Schlüssel der/ Mir Türen öffnet hab/ In meiner Hand nur die Gelochte Karte für/ Das Zimmer im Hotel". Und doch kommen Botschaften an: "Sekundenkurz: die SchattenSkizze eines jungen Baumes", dazwischen auch immer wieder die Bekräftigung, daß diese Welt nicht zur Gänze betreten werden kann: "Keiner wird je den eisigen Keller betreten ... HerzHälften/ Lähmen den absteigenden Fuß nötigen halbwegs zur/ Umkehr."

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