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Neues Gesicht der Protestanten

Wolfgang Huber, der omnipräsente Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, kandidierte nicht mehr für den Vorsitz. Die Favoritin machte das Nachfolgerennen: Margot Käßmann, Bischöfin von Hannover.

Die Kirchen der Reformation haben sehr wohl Leitungsämter, wenn auch keine Hierarchie. Da sie vom allgemeinen Priestertum der Gläubigen ausgehen und von der „Freiheit des Christenmenschen“, wie ein Motto des Reformators Martin Luther lautet, spielen synodale, man würde heute sagen: demokratische Prozesse eine wesentliche Rolle. Auch die Bischöfe, die Vorsteher der Landeskirchen, werden von Synoden aus geistlichen und weltlichen Mitgliedern gewählt.

In Deutschland existieren 22 lutherische, reformierte und unierte Kirchen, die etwa 25 Millionen Gläubige repräsentieren. Diese weitgehend selbständigen Kirchen sind in der Evangelischen Kirche in Deutschland EKD zusammengeschlossen. Der Dachverband wird von einem Rat geleitet, dem seinerseits ein Ratsvorsitzender vorsteht.

Aller Synodalität und Kollegialität zum Trotz: Das Medienzeitalter setzt auf Köpfe und Gesichter. Und so gilt der Ratsvorsitzende der EKD als das „Gesicht des deutschen Protestantismus“. Wolfgang Huber, Bischof von Berlin-Brandenburg-schlesische Lausitz, hatte dieses Amt seit 2004 inne – und war in der Öffentlichkeit stark präsent: Ein Intellektueller, der seine Kirche auch im öffentlichen Diskurs klar und sichtbar positionierte – nicht zuletzt in bioethischen Fragen, wo er etwa (durchaus nahe der katholischen Position) der Embryonenforschung kritisch gegenüberstand: Er stellte so ein mehr als ebenbürtiges Vis-à-vis zum katholischen Bischofskonferenzvorsitzenden dar, der ja auch bloß der Chef eines Beratungsgremiums ist, und der keinesfalls über die einzelnen Diözesanbischöfe bestimmen kann.

Wachablöse an der EKD-Spitze

Nicht alle Evangelischen goutierten allerdings den Kurs des EKD-Ratsvorsitzenden Huber. Es zeuge „von einer gewissen Selbstüberschätzung der evangelischen Kirche, wenn sie allen Ernstes glauben sollte, die religiöse und gesellschaftliche Themenführerschaft in Deutschland übernommen zu haben“, brach etwa Ulrich Körtner in einem Beitrag für das Internetportal evangelisch.de den Stab über die Ära Wolfgang Huber. Insbesondere kritisierte der Wiener evangelische Theologe den Reformprozess der EKD: „Eine marktorientierte Kirche, die Reformimpulse eher von Unternehmensberatern als von Theologen erwartet, droht sich von den grundlegenden Einsichten der Reformation weit zu entfernen.“

Letzte Woche fand die Wachablöse an der EKD-Spitze statt. Der 67-jährige Huber hatte aus Altersgründen nicht mehr kandidiert. So wurde bei der EKD-Synode in Ulm die Bischöfin von Hannover, Margot Käßmann, für die nächsten sechs Jahre zur Ratsvorsitzenden gewählt. Mit einer überraschend klaren Mehrheit – 132 der 142 Synodalen stimmten für sie. Kaum jemand hatte ein so klares Ergebnis bei der komplizierten Wahlprozedur erwartet

Auch Käßmann ist medial alles andere als ein unbeschriebenes Blatt. Im Gegenteil: In der öffentlichen Präsenz kann die neue EKD-Obere ihrem Vorgänger schon lang das Wasser reichen. Dennoch unterscheidet sich das „neue Gesicht des deutschen Protestantismus“ stark von dem ihres Vorgängers.

Am auffälligsten war in den letzten Jahren da wohl Käßmanns Umgang mit persönlichen Problemen. Vor zwei Jahren ließ sich die heute 51-jährige Mutter von vier erwachsenen Töchtern scheiden und nahm dazu auch öffentlich Stellung. Die kirchlichen Gremien nahmen dies zur Kenntnis, und sie konnte ihr Amt als erste geschiedene Bischöfin weiter ausüben. Ein Jahr zuvor war sie an Brustkrebs erkrankt und machte auch dies und ihren Umgang damit öffentlich. Von den Lesern des TV-Magazins Funk Uhr wurde sie deswegen zur „Frau des Jahres 2006“ gewählt.

Nähe zu den Evangelikalen?

Margot Käßmann stammt aus Marburg in Hessen. Sie studierte in Tübingen, Edinburgh, Göttingen und Marburg Theologie. 1985 bis 1990 war sie Pfarrerin in Kurhessen-Waldeck. Einer breiten Öffentlichkeit wurde sie von 1990 bis 1994 als Generalsekretärin des Deutschen Evangelischen Kirchentages bekannt. 1994 wurde sie zur Bischöfin der mit drei Millionen Mitgliedern größten evangelischen Landeskirche Hannover gewählt.

„Ich bin überzeugt, dass die Sehnsucht der Menschen nach Glauben und Sinn bei uns Antworten finden kann.“ So beschrieb die neue EKD-Vorsitzende bei ihrem Amtsantritt eines ihrer zentralen Anliegen. Der neuen Vorsitzenden eilt auch der Ruf voraus, sich wieder stärker ums geistliche Profil ihrer Kirche zu bemühen. So äußerte sie in einem Spiegel-Interview, im Konfirmandenunterricht würde mehr über Sekten und Drogen gesprochen als über die Bibel, und in evangelischen Kindertagesstätten könne man nicht nur fröhliche Herbstlieder singen, sondern auch biblische Geschichten erzählen.

Kritiker bekritteln eine zu geringe Distanz Käßmanns zu den Evangelikalen. Von deren Meinungsmachern wird Käßmann – trotz Scheidung – als fromme Christin anerkannt. Nicht jedem evangelischen Kirchenleiter wird von den rechten Gläubigen Derartiges konzediert.

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