Neues Theater am A... von Wien

1945 1960 1980 2000 2020

Am Rand des 12. Wiener Gemeindebezirks ist seit dem letzten Wochenende das "Werk X" zu finden. Der Ort, bekannt als "Palais Kabelwerk", wird vom Team des ehemaligen Off-Theaters "Garage X" bespielt.

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Am Rand des 12. Wiener Gemeindebezirks ist seit dem letzten Wochenende das "Werk X" zu finden. Der Ort, bekannt als "Palais Kabelwerk", wird vom Team des ehemaligen Off-Theaters "Garage X" bespielt.

Seit dem letzten Wochenende hat Wien ein neues Theater. Das "Werk X" ist eine Zusammenlegung des alten "Palais Kabelwerk", das schon seit 2008 Kulturschaffenden zur Verfügung steht, mit der ehemaligen "Garage X" am Petersplatz. Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny hatte die Fusion entgegen der Empfehlung durch die zuständige Theaterkommission durchgedrückt und eine kräftige Subventionserhöhung (ein Plus von 350.000 auf neu 1,45 Mio.) locker gemacht. Genauer gesagt, übersiedelt die von Harald Posch und Ali M. Abdullah seit 2009 erfolgreich geführte Off-Bühne vom Zentrum des 1. Bezirks an die Randlage des 12. Bezirks.

An der neuen Spielstätte gibt es zwei Säle mit einem Fassungsvermögen von jeweils bis zu 600 Plätzen. Entstehen soll dort, wie es in den Presseunterlagen ehrgeizig heißt, ein "neues Sprechtheater mit internationaler Strahlkraft", das in erster Linie mit "Eigenproduktionen und Kooperationen mit den spannendsten Stadt- und Staatstheatern im deutschsprachigen Raum" bewerkstelligt werden soll. Die ehemalige "Garage X" am Petersplatz heißt neu "Eldorado" und wird als vom Intendantenduo offen kuratierter Ort vor allem der Freien Szene zur Verfügung stehen. Teil des Programms wird dort auch das "diverCITYLAB" um Aslı Kışlal sein, das sich der postmigrantischen Identitätsbildung und dem Heranführen migrantischer Publikumsgruppen an das Theater widmet.

Das Eröffnungswochenende stand ganz im Zeichen der neuen Spielstätte und deren dezentralen Lage, die launig als "Theater am A... der Welt" beworben wurde. Posch und Abdullah haben acht Autoren eingeladen, sich mit dem "Mythos Meidling" auseinanderzusetzen. Die Idee ist bestechend, den Ort zum Sprechen zu bringen, ihn gleichsam zum Mitspieler zu machen, um einen neuen, anderen, vielleicht ästhetischen Blick auf ihn zu erzeugen. Entstanden sind acht Miniaturen von etwa 20 Minuten Länge, die zwischen 17 und 22 Uhr an unterschiedlichen Flecken im und um das Kabelwerk uraufgeführt wurden. Der Zuschauer konnte sich die Reihenfolge selber zusammenstellen und bewegte sich von einer Location zur nächsten, wobei die Lebenswelt des Grätzels in seiner heterogenen Vielfalt selbst zur Szene mutierte, die Grenze zwischen Alltäglichem und Inszeniertem unscharf wurde und die gerahmte Theaterwirklichkeit und die ungerahmte Alltagswirklichkeit mitunter zu diffundieren begannen.

Eine Frage der Qualität

Allerdings vermochten viele der kurzen Stücke kaum zu überzeugen. Robert Misiks angestrengter Versuch in "Nach Meidling!" die Angst der alteingesessenen Meidlinger vor Kolonialisierung durch die Künstler zu thematisieren war ebenso misslungen wie "Das Projekt", einen kapitalismuskritischen Western zu proben, von Ulrike Syha. Unverständlich war auch Bernhard Studlar "No Country for Altmann(sdorf)", das Philipp Hauß vorwiegend als Hörspiel im Poolhaus am Dach in Szene gesetzt hat. Ein wirkliches Schauspiel war da nur die Aussicht. Kurt Palm widmete seinen launigen Beitrag "Stalin in Meidling. Eine volksbildnerische Intervention" dem Aufenthalt von Josef Bessarion Dschugashwili im Januar und Februar 1913, Tex Rubinowitz setzte sich mit dem "Discotod in Meidling" auseinander und Barbara Ungepflegt führte Putin mit dem derzeit berühmtesten Meidlinger, Außenminister Sebastian Kurz, zusammen. Einer der besten Beiträge war Robert Woelfls "Keine Zeit für Klassenkampf", in dem am Stammtisch in der Cafeteria Rosso der Nachbau Meidlings als "Erlebnispark für soziales Elend" in China diskutiert wurde. Am gründlichsten hinterfragt wurde der Mythos Meidling in Sebastian Brauneis großartiger "Reise durch den Arsch der Welt", einer kleinen Bustour durch den Bezirk, die als unsichtbares Theater beinahe aus dem Ruder lief.

Die dezentrale Lage des "Werk X" ist gewiss ein nicht geringes Risiko. Ob das zentrumsorientierte Wiener Theaterpublikum den vergleichsweise weiten Weg an die Oswaldstraße 35A finden wird, ist eine spannende Frage, und hängt wohl nicht zu einem geringen Teil von der Qualität der dort gezeigten Produktionen ab. Einen ersten Eindruck, ob das neue Theater das Zeug zum Geheimtipp hat, und die Reise zum anus mundi lohnend ist, kann man sich bereits ab heute Donnerstag machen, anhand von Marius von Mayenburgs Inszenierung seines eigenen Stückes "Eldorado".

Eldorado

Werk X: 23., 25.10.; 1., 7., 15., 21., 27., 28.11.

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