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Neues vom TODES-SPIEL

1945 1960 1980 2000 2020

Kriege gab es gestern, gibt es heute, wird es morgen geben. Aktuelle akademische Werke, populäre Sachbücher und journalistische Interventionen bieten Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Krieges.

1945 1960 1980 2000 2020

Kriege gab es gestern, gibt es heute, wird es morgen geben. Aktuelle akademische Werke, populäre Sachbücher und journalistische Interventionen bieten Einblicke in Geschichte und Gegenwart des Krieges.

Hundert Jahre nach dem Kriegsbeginn 1914 haben Bücher über den Krieg Konjunktur. Geboten werden Rückblicke zum Ersten Weltkrieg, deren Fülle erstmals eine europäische Geschichtsperspektive ermöglichen könnte. Aktuelle akademische Grundlagenwerke, populäre Sachbücher und journalistische Interventionen ermöglichen aber auch Einblicke in Kulturgeschichte und Gegenwart des Krieges und globale Einsichten. Sie sind in ihrer inneren Ausrichtung sehr verschieden. So hat man es etwa bei der akademischen Fragestellung "Was ist Krieg?" meist mit einem Ansatz in philosophisch-analytischer Tradition zu tun. Deren primäres Erkenntnisinteresse liegt in Begriffsklärungen. Journalisten stellen eher die Wer-und Warum-Fragen, während Aktivisten das Wie des Dagegenseins interessiert.

Was ist Krieg?

Es sei vorab gesagt: Der Krieg wandelt sich essentiell und stellt sich in immer neue Beziehungen zu Akteuren, Beobachtern und Opfern. Insofern wird man keine einfache Antwort auf die Was-Frage finden. Für den theoretisch geschulten Wissenschaftler Bernd Hüppauf wird es hier aber erst interessant, selbst wo es ein unlösbares Dilemma zwischen Vernunft und Anti-Vernunft gibt: "Die Kulturgeschichte des Krieges ist dem Vernunftprinzip verpflichtet; aber sie handelt von der größten Anti-Vernunft in der menschlichen Geschichte. Ihr Gegenstand ist der Krieg, die Zerstörung der Vernunft."

Hüppauf geht es um die kulturwissenschaftliche Öffnung eines Forschungsfeldes. Methodisch geht er dabei zunächst mit der analytischen Philosophie und befreit seinen Gegenstand von den sich aufdrängenden Kontexten. Der Zugang soll also weder politökonomisch noch militärhistorisch, weder in den Bahnen von Ideologienoch von Techno-oder Machtkritik erfolgen. Aber der Krieg sei in Diskurse eingeschlossen, ja Diskurse machen ihn erst möglich, und so wird die "analytische" Frage zu einem Problem der Diskursanalyse: "Krieg beginnt nicht sobald sich einzelne Kämpfer zu einer Gruppe mit Anführer zusammenschließen, um gewaltsam zu kämpfen. Krieg ist ein gesellschaftlicher Zustand, und Sprache und Bilder waren von Anfang an Teil des Krieges." Hüppauf unterscheidet in seiner "Grundlegung einer Kulturgeschichte des Krieges" die Ebenen militärischer Kampf und Kriegsdiskurs. Es ist ein Standardwerk mit profunder Kenntnislage und einer kaum überschaubaren Zahl von Quellen und Thesen, Fragestellungen und Perspektiven zu Methode, Theorie und Praxis. Was ist und zu welchem Zweck studiert man nun "Kulturgeschichte des Krieges"? Die akademische Klärung dieser Frage nimmt viel Raum in Hüppaufs Werk ein, aber jenseits reiner Wissenschaftsinteressen geht es um gesellschaftliche Relevanz -ethisch steht laut Programm ein Wandel von der Vernunftmoral zur Gefühlsmoral zur Debatte. Praktisch und zu empfehlen ist der Ansatz für einen erkenntniskritischen Draufblick auf ein echtes Menschheitsproblem.

Ist Krieg zu etwas gut?

"Krieg -Wozu er gut ist", nennt sich das Werk des Archäologen und Historikers Ian Morris, der die kulturkritischen Bahnen verlässt und diese Frage tendenziell in evolutionsbiologischer Tradition verfolgt. Wo Hüppauf am Ende bemerkt, dass die Was-Frage nicht restlos zu klären ist, weil Krieg sich im Kontext der zivilisatorischen und (am Ende doch) politischen Entwicklung permanent wandelt, bemerkt Morris nicht, dass er seine Wozu-Frage letztlich falsch beantwortet.

In aller Kürze Morris' Argument: Das "Todes-Spiel des Krieges" war nützlich, weil es physisch-materielle Vorteile in der menschlich-biologischen Evolution brachte. Dieser Fortschritt wird durch die technologische Evolution unserer Tage hinfällig, und wenn sich der Mensch -laut Morris um das Jahr 2030 -endgültig mit dem Computer zusammenschließt, endet die menschliche Evolution. Dazu ein Zitat: "Die meiste Zeit unseres Lebens auf Erden hindurch waren wir aggressive, gewalttätige Tiere, weil Aggression und Gewalt sich ausgezahlt haben. In den vergangenen 10 000 Jahren aber, seit wir gelernt haben, produktive Kriege zu führen, haben wir eine kulturelle Evolution durchlebt, die uns peu à peu weniger gewalttätig gemacht hat -weil sich nun das auszahlte."

Ausgezahlt? Ein kurzer Blick auf das 20. Jahrhundert dürfte die Bilanzen dieser "Evolution" klären. Morris' hunderte von Seiten belegen anderes, nämlich eine biotechnologische Fortschrittsfantasie, in deren Logik sich Fakten und Daten, Prozesse und Gedanken zurechtbiegen, weil schon am Anfang der Forschung das Ergebnis feststeht, nämlich eine schicke Formel: Das Ende der Evolution (= die "transhumane" Verbindung Mensch-Computer) führt zum Ende des Krieges. Das aber ist Spekulation. Wie dagegen die Gegenwart der Rüstungsforschung deutlich zeigt, wird der Krieg in der Zukunft nicht abgeschafft, sondern automatisiert - Neue Kriege, alte Frage:

Wer verdient am Krieg?

Mit diesem Aspekt beschäftigt sich "Killing Business". Darin findet Mark Mazetti ein einprägsames Bild: die Abwanderung von privaten Firmen der Geheimdienstund Sicherheitsindustrie aus allen Teilen der USA nach Washington. "Die Branche wollte offensichtlich näher bei 'ihren Kunden' sein: dem Pentagon, der CIA, der National Security Agency und anderen Geheimdiensten. Große und kleine Dienstleister der Regierung bilden heute einen Gürtel um Washington, wie ein Heer bei der Belagerung einer Stadt im Mittelalter." Der Vergleich simuliert Vertrautheit mit den Gegebenheiten "des Krieges", eine gewisse Kontinuität, aber in Wirklichkeit ist der Gürtel um Washington ein ganz anderes Indiz, nämlich ein Zeichen für die grundlegende Wandlung des Krieges, die seine Erklärung erschwert. Seit 9/11 haben sich die USA, wie Mazetti detailliert beschreibt, in einen oft geheimen Krieg an zahllosen Schauplätzen manövriert und private Sicherheits-und Kriegs-AGs finanziert, die gleich in den Kampf eingreifen wie die Söldner der Firma Blackwater im Irak, die amerikanische Offiziere im Einsatz schützen oder Informationsnetzwerke aufbauen, um etwa in Pakistan oder in Somalia den "Feind aufzuklären". Dafür schreiten CIA-Aufklärer im direkten Auftrag des Präsidenten jetzt selbst zur Tat, gehen in Pakistan und Jemen mit unbemannten Predator-und Reaper-Drohnen auf Terroristenjagd und schießen tödliche Hellfire-Raketen auf die Feinde Amerikas. Damit steht die herkömmliche Arbeitsteilung amerikanischer Kriegsführung auf dem Kopf, die politische Kontrollierbarkeit des Krieges wird unterlaufen und erschwert die Lösung des entscheidenden Problems:

Wie wird Krieg verhindert?

Diese Frage lässt sich nur beantworten, wenn die globalen Verhältnisse, die wirtschaftlichen und kulturellen Beziehungen sowie die politischen Prozesse bekannt sind. Das ist -gerade wenn eine systematische Geheimhaltung betrieben wird, das grundlegende Zeichen des Krieges - ein Problem der kritischen Öffentlichkeit und ihrer politischen Visionen. Einstweilen bezahlt man die Ingenieure der Kriegsindustrie für die Entwicklung einer anderen Vision: nanotechnische Kleinstwaffensysteme (z.B. eine Minidrohne mit Pollonium im Giftstachel), die von der selektiven Tötung zur "selektiven Massenvernichtung" (im Gegensatz zur alles zerstörenden Atombombe) führen könnten. Armin Krishnan, Professor für Security Studies in Texas, hat sie in seiner kritischen Studie "Gezielte Tötung" schon im Blick, analysiert aber vor allem die aktuelle Praxis. Er hält die militärische Effektivität der Drohnen - wegen der unbeteiligten Opfer und trotz Allmachtphantasien bei Politik und Militär -für fragwürdig. Politisch sieht Krishnan akutere Gefahren: "Der strittige Punkt ist die Möglichkeit einer schleichenden Ausweitung von gezielten Tötungen auf eigene Staatsbürger im Inund Ausland unter dem Vorwand der Terrorismusbekämpfung." Krishnan zitiert das Handbuch des U.S.-Verteidigungsministeriums von 2009, es bezeichnet politischen Protest bereits als "Terrorismus niedriger Stufe". Im Sammelband "Töten per Fernbedienung" wird ausführlich erörtert, wie Protest auch in Europa zumindest zum Gegenstand der Drohnenüberwachung wird.

Über die Anti-Drohnen-Bewegung schreibt Medea Benjamin. Sie gehört zum Aktivistennetzwerk Bay-Area bei San Francisco und zur Gruppe CodePink, ironisch nach dem farbig abgestuften Terrorwarnsystem des U.S. Department of Homeland Security benannt.

"Wie die Gegenwart der Rüstungsforschung deutlich zeigt, wird der Krieg in der Zukunft nicht abgeschafft, sondern automatisiert."

"Der Krieg wandelt sich essentiell und stellt sich in immer neue Beziehungen zu Akteuren, Beobachtern und Opfern. Insofern wird man keine einfache Antwort auf die Frage 'Was ist Krieg?' finden."

"Ian Morris' Buch 'Krieg -Wozu er gut ist' belegt eine biotechnologische Fortschrittsfantasie, in deren Logik sich Fakten und Daten, Prozesse und Gedanken zurechtbiegen."

THESEN ZUM KRIEG

Kulturgeschichte

Krieg ist, zeigt der Wissenschaftler Bernd Hüppauf in seiner Kulturgeschichte des Krieges, "ein gesellschaftlicher Zustand, und Sprache und Bilder waren von Anfang an Teil des Krieges."

Nützlicher Krieg?

Ian Morris' fragwürdige These: Aggression und Gewalt hätten sich "ausgezahlt". Das "Todes-Spiel des Krieges" hätte physisch-materielle Vorteile in der menschlich-biologischen Evolution gebracht.

Protest als Terror?

Armin Krishnan zitiert in seiner Studie "Gezielte Tötung" das Handbuch des U.S.-Verteidigungsministeriums von 2009: Es bezeichnet politischen Protest als "Terrorismus niedriger Stufe".

Krieg im Comic

Ins "Herz der Finsternis", wo das Wissen um die Wirklichkeit des Massenmordes und der Mythos vom weißen Mann als Zivilisationsbringer aufeinanderprallen, führen auch Comics.

BÜCHER ZUM THEMA

Was ist Krieg?

Zur Grundlegung einer Kulturgeschichte des Kriegs. Von Bernd Hüppauf. Transcript Histoire 2013.568 Seiten, kartoniert, € 30,80

Krieg

Wozu er gut ist Von Ian Morris, übersetzt von Ulrike Bischoff, Susanne Kuhlmann, Bernhard Josef. Campus 2013. 527 Seiten, gebunden, € 27,80

Killing Business

Der geheime Krieg der CIA. Von Mark Mazzetti, übersetzt von H. Dierlamm, Th. Pfeiffer. Berlin Verlag 2013.416 Seiten, gebunden, € 23,70

Gezielte Tötung

Die Zukunft des Krieges Von Armin Krishnan. Matthes &Seitz Berlin 2012.270 Seiten, kartoniert, € 18,40

Töten per Fernbedienung

Kampfdrohnen im weltweiten Schattenkrieg. Von Peter Strutynski (Hg.). Promedia 2013.224 Seiten, kartoniert, € 14,90

Drohnenkrieg

Tod aus heiterem Himmel Von Medea Benjamin, übersetzt von Sigrid Langhäuser. Laika Verlag 2013.208 Seiten, kartoniert, € 19,60

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