Nicht einmal im Tod sind alle Menschen gleich

Die seit 1976 in Schloss Ambras beheimatete "Habsburger Porträtgalerie" ist ein absolutes Muss für jeden kunstinteressierten Innsbruck-Besucher. Ein Abstecher zu dieser unter Erzherzog Ferdinand II. in ein Renaissanceschloss verwandelten mittelalterlichen Burg ist diesen Sommer allerdings noch lohnender: Durch die Ausstellung "Face to Face. Die Kunst des Porträts", in der es um die Kunst des Porträts von der Antike bis heute geht. Bestückt mit rund 100 exquisiten Objekten aus der Sammlung des kunstsinnigen Ferdinand, ergänzt durch solche aus dem Kunsthistorischen Museum -dessen Dependance Ambras bekanntlich ist - sowie Leihgaben aus zahlreichen Museen und Sammlungen.

Herrscher und Bürger im Bild

Auf eine chronologische Hängung haben die Kuratoren Thomas Kuster und Katharina Seidl bewusst verzichtet. Um stattdessen das Gezeigte anhand von sechs Kapiteln vorzuführen, was schön den Wandel des Menschenbildes quer durch die Kunst-und Geistesgeschichte zeigt: Das Erstarken des Individuums, die Rolle des Porträts als Mittel feudaler Selbstdarstellung, das Streben nach Memoria weit über den Tod hinaus.

Den Anfang machen die Herrscher: Marc Aurels im zweiten nachchristlichen Jahrhundert in Marmor gehauene Porträtbüste ist hier genauso zu sehen wie ein delikater Fächer aus dem späten 18. Jahrhundert, dessen "neun geheim verborgene Silhouetten" gar nicht so leicht zu finden sind. Fabelhaft auch das um 1515 aus Lindenholz gearbeitete Porträt Kaiser Maximilians I., der hier -obwohl er wie kaum ein anderer um seine "Gedächtnus" bedacht war -ganz schlicht als Privatmann dargestellt ist. Genauso wie seine Tochter Margarete, die sympathisch ungeschönt in einem kleinen Kunstkammerstück verewigt ist. Wie Hans Holbein d. J. das Gesicht des englischen Königs Heinrich VIII. in seiner Zeichnung 1539/40 radikal heranzoomt, mutet dagegen fast modern an.

Apropos modern: Erstmals ist in die Ambraser Sommerausstellung auch die Kunst von heute eingezogen. Etwa Thomas Feuersteins "Marxsche Entfremdung" von 2013, das die Bildnisse von Karl Marx und Margaret Thatcher als Metaphern für zwei grundlegend unterschiedliche Gesellschaftssysteme überlagert. Daneben hängt das pompös in klassizistischer Manier gemalte Porträt von Papst Leo XIII., in Nachbarschaft zur französischen Kaiserin Marie Louise, das geschickte Hände um 1814 als Gobelin gestickt haben. Auf einem in Schloss Schönbrunn stehenden verschnörkelten Sofa sitzen John F. Kennedy und Nikita Chruschtschow mit dem damaligen Bundespräsidenten Adolf Schärf in der Mitte. Entstanden ist das Foto, in dem alle drei Herren mit gequälten Minen in andere Richtungen blicken, 1961 anlässlich eines in Wien stattfindenden Gipfels, der die Welt sicherer machen sollte.

Kapitel Nr. 2 ist dem bürgerlichen Porträt gewidmet. Der Bogen spannt sich hier von der spätantiken "Matrone" über das reizvoll manierierte Hochzeitsbild von Hans Hofer von 1485 bis zu Lukas Cranachs Porträt von Hans Luther, das den Vater des Religionsgründers als unangenehmen Zeitgenossen charakterisiert. Ganz in sich versunken hat dagegen Joshua Reynolds um 1760 eine junge Frau gemalt, Hans Makart rund 100 Jahre später die Frau von Carl Theodor von Piloty in fast schon witzig daherkommendem Pathos. Nicht fehlen darf in der Schau natürlich ein Rembrandt, wenn auch nur ein kleiner, dafür verbrieft echter. Von dem sich das Tiroler Landesmuseum für die Dauer der Schau großzügigerweise getrennt hat.

Selbst-und Totenbildnis

Porträtieren sich Künstler -wie etwa Paul Troger -selbst, schauen sie dem Betrachter meist frontal in die Augen. Das tut allerdings auch Liza Minelli bei Andy Warhol, während Ilse Haiders Porträt des Filmemachers Fritz Lang als geheimnisvolles Vexierbild daherkommt. Reizvolle kleine Kapitel sind Doppelporträts bzw. Serien gewidmet, ein größeres Bildnissen von Toten. Da hängt etwa ein berührendes Mumienporträt eines jungen Mannes neben einem spätantiken feuervergoldeten "Knaben mit Isislocke". In seiner Drastik erschreckend ist dagegen das Totenbildnis von Kaiser Maximilian I. Zeigend, dass der Tod alle Menschen gleich macht. Auch Kaiser Franz Joseph, dessen Totenbildnis den verewigten Herrscher allerdings mit allen Insignien seiner ehemaligen Macht zeigt.

Face to Face. Die Kunst des Porträts Schloss Ambras Innsbruck bis 29. September, täglich 10-17 Uhr. www.schlossambras-innsbruck.at

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