Digital In Arbeit

Nicht nur Geld, auch Zeit geben!

dieFurche: Was bedeutet für Sie "Generationenvertrag"?

Liselotte Wilk: Daß die eine Generation, die für die nächste gesorgt hat, sich darauf verlassen kann, daß sie dafür versorgt wird, wenn sie selbst nicht mehr in der Lage dazu ist. Wobei ich dieses Versorgen in einem sehr weiten Sinn verstehe und nicht rein ökonomisch.

dieFurche: Es geht also um Zuwendung, nicht nur um Geld?

Wilk: Der Generationenvertrag in seiner ökonomischen Dimension ist eindeutig vergesellschaftet worden, und ich halte das für sehr gut. Denn das hat für beide Generationen Freiheiten geschaffen, einander als Personen zu begegnen, ohne in ökonomischer Abhängigkeit von einander zu stehen. Was man nicht vergesellschaften kann, ist dieses Dasein als Beziehungspartner, die Selbstverständlichkeit dieses Beistandes sowohl der Eltern für das Kind als auch der Erwachsenen für ihre alten Eltern.

dieFurche: Wird diese nichtökonomische Seite nicht heute vernachlässigt? Werden nicht oft Kinder und Alte von den Angehörigen in Betreuungseinrichtungen abgeschoben?

Wilk: Ich würde behaupten, diese Versorgung, dieses Füreinander-Verantwortung-Übernehmen, hat heute sehr weit Verbreitung und ist nach wie vor als Norm vorhanden. Nur muß man einfach die Möglichkeiten und Grenzen sehen. Viele Probleme sind erst entstanden durch solche Entwicklungen wie eine im hohen Ausmaß verlängerte Lebensdauer, durch die Notwendigkeit, heute für das Aufziehen von Kindern mehr Zeit, mehr Geld, mehr Energie zu verwenden als zuvor. Ich denke nicht, daß Eltern sich heute weniger Zeit für ihre Kinder nehmen als früher, nur sind die Anforderungen in einem Extremausmaß gestiegen. Kinder haben früher vermutlich nicht annähernd soviel Aufmerksamkeit, soviel Zuneigung und sicher nicht soviel Zeit ihrer Eltern bekommen wie heute. Nur brauchen sie heute wahrscheinlich viel mehr Zeit als je zuvor, einfach aufgrund der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung, angesichts der Einflüsse, die vorhanden sind, der Medien zum Beispiel. Mit dem Kind viele Dinge durchzubesprechen, das ist ein Problem, wo man Zeit braucht.

dieFurche: Was war früher leichter?

Wilk: Kinder sind früher als jemand betrachtet worden, der seine vollen Rechte als Erwachsener hat. Heute werden Kinder zunehmend als eigenständige, vollwertige Personen anerkannt, das bedeutet mehr Zeit mit ihnen zu verbringen, weil man aushandeln muß und ihnen nicht einfach befehlen kann. Dadurch, daß Kinder als gleichberechtigt anerkannt werden, auch dadurch, daß man von Kindern in erster Linie erwartet, daß sie Beziehungspartner sind, von daher ist der Anspruch von Zeit für Kinder sicher gestiegen. Abgesehen von der hohen Anforderung im Bildungsbereich. Sie müssen mit einem Kind lernen, wenn sie wollen, daß es in der Schule halbwegs erfolgreich ist. Sie müssen einem Kind die Gelegenheit geben zu sportlicher oder musischer Betätigung. Es gibt neue Vorstellungen davon, was Kinder brauchen.

dieFurche: Sind Erwachsene nicht heute oft doppelt belastet - einerseits Kümmern um die Kinder, anderseits um die alten Eltern?

Wilk: Es stimmt und stimmt zugleich nicht, nämlich aus folgendem Grund: extrem zeitaufwendige Zuwendung bei Älteren ist dann der Fall, wenn sie Hilfestellungen zu Lebensbewältigung benötigen. Dieses Stadium tritt bei den meisten erst ziemlich spät ein, meistens zu einem Zeitpunkt, wo der Großteil der Frauen keine kleineren Kinder mehr zu versorgen hat. Was sehr wohl kollidieren könnte, ist: auf Enkelkinder aufzupassen und die alte Mutter zu versorgen. Wir wissen, daß wir zunehmend mehr Vier-Generationen-Familien haben, und da kann es dazu kommen, daß Frauen wirklich von unterschiedlichen Generationen zugleich beansprucht werden. Ich denke nicht, daß Generationenvertrag bedeutet, zum Beispiel einen voll pflegebedürftigen alten Menschen ein schwerstbehindertes Kind ständig in der eigenen Familie zu betreuen. Hier sind sehr wohl Aufgaben von der Gesellschaft wahrzunehmen. Hier ist auch viel getan worden in letzter Zeit.

dieFurche: Welche Rolle spielt im Generationenvertrag die Beziehung zwischen Enkeln und Großeltern?

Wilk: Ich denke, daß diese Großeltern-Enkel-Beziehung zunehmend Bedeutung bekommt. Die Beziehung währt länger als je zuvor aufgrund der erhöhten Lebenserwartung. Zudem weiß man einfach, daß eine Beziehung, die frei ist von der Verpflichtung der Erziehung und der alltäglichen Belastung, von einer Reihe von Konflikten, für beide eine sehr wichtige Qualität als emotionale Beziehung haben kann. Ich denke, daß für ältere Leute Enkel als Beziehungspersonen zunehmend von Bedeutung sind, aber auch für Enkel Großeltern. Diese Beziehung, die für beide Chancen von Miterleben bietet, wie sie die Eltern-Kind-Beziehung nicht bietet, bekommt dadurch, daß sie so lange dauert und emotional ist, einen ganz besonderen Stellenwert für beide Generationen.

Liselotte Wilk lehrt an der Universität Linz Soziologie. Mit ihr sprach Heiner Boberski.

FURCHE-Navigator Vorschau