Digital In Arbeit

Nicht so gemeint

Anstiftung eines Germanisten, politische Aussagen unkooperativ zu lesen.

Wenn Rudolf Edlinger im Parlament die Feststellungen eines FPÖ-Abgeordneten mit dem Ruf ,Heil Hitler' quittiert - was tut er damit? Der Streit um solche Fragen gehört zum politischen Alltag, und ebenso die Tatsache, dass dabei meist auch nach längerer Diskussion keine Einigkeit unter den politischen Akteuren erzielt werden kann. Vielmehr bleiben die Interpretationen so divergent wie am Anfang. Möglicherweise verändern sich die vorgebrachten Argumente im Lauf der Zeit ein wenig. Der Erfolg der Anstrengung bemisst sich weitgehend daran, ob in einem zuständigen Gremium eine Mehrheit gewonnen werden kann oder ob im Publikum die eine oder andere Auffassung besser ankommt. Die unterliegende Partei versucht dann, die Finger so rasch wie möglich vom heißen Eisen loszukriegen, womöglich ohne dies als Zugeständnis der Niederlage erscheinen zu lassen.

Für Forscher mit einem Hintergrund in Linguistik, Kommunikationstheorie oder Medienwissenschaft sind solche Beobachtungen Anlass für empirische Untersuchungen der ablaufenden Kommunikationsprozesse, aber auch für prinzipielle Überlegungen. Gibt es eine Möglichkeit zu sagen, was solche Äußerungen bedeuten und wie sie zu interpretieren sind? Können wissenschaftliche Überlegungen solche Streitfälle klären? Und wenn nicht, warum nicht?

Alltägliche Erfahrung lehrt uns, dass Äußerungen meist problemlos verständlich sind. Manchmal sind wir inhaltlich nicht einverstanden, dann müssen die Differenzen geklärt werden. Relativ selten geben Äußerungen Anlass zu weitergehenden Auseinandersetzungen - typischerweise werden sie dann mit Hinweisen geführt wie "Das habe ich nicht gesagt" oder "So habe ich es nicht gemeint" oder "Du willst das einfach nicht kapieren" etc. So lange noch einigermaßen friedlich gestritten wird, ist das erste Bemühen darauf gerichtet, die strittige Äußerung zu rekonstruieren und ausgehend vom Wortlaut eine Klärung herbeizuführen. Das Gesagte (oder Geschriebene) erscheint hier als eine Art Anker, an den sich Interpretationen festmachen lassen. Dieser Anker ist allerdings nicht immer zuverlässig. Denn sobald das Problem angeschnitten wird, was der andere 'wirklich gemeint' hat oder was seine Äußerung 'nun endgültig verrät', betreten wir hoch gefährliches Territorium. Kommunikation kennt Abgründe und kann in Labyrinthe führen, aus denen kein leichtes Entkommen möglich ist.

Unterstellungen

Was in der privaten Kommunikation meist Rand- oder Krisenfall ist, ist in der politischen Kommunikation Normalfall - zumindest in der medial begleiteten und kommentierten: die Suche nach versteckten Absichten, die Unterstellung von Unlauterkeit oder der Verdacht, selbst positiv klingende Vorschläge des Gegners seien geschickte Finten, die letztlich die eigenen Positionen untergraben sollen. Dies hat zunächst damit zu tun, dass in den Medien primär über das berichtet wird, worüber Meinungsunterschiede bestehen. Demokratie ist öffentlich ausgetragener Kampf der Worte um Zustimmung zu jenen Bildern, Konzepten und Einstellungen, welche die anstehenden politische Entscheidungen prägen, und dieser Kampf wird mit allen Mitteln geführt. Dabei besteht eine permanente Unsicherheit darüber, was die anderen 'wirklich' wollen und was ihre Äußerungen 'wirklich' bedeuten. Dies hat mit der Grundstruktur von Kommunikation zu tun. Über sie ist, auch in der Linguistik und Kommunikationstheorie ausführlich nachgedacht worden. Sie kann vielleicht keine definitiven Antworten geben, aber zumindest erklären, warum wir hier an Grenzen der Klärbarkeit stoßen.

"Richtig" verstehen

Das Grundproblem der Kommunikation ist, dass das, was jemand denkt oder beabsichtigt, für andere nicht zugänglich ist. In andere Köpfe können wir nicht hineinschauen. Als Ausdruck einer kommunikativen Absicht verstehen wir nur das, was geäußert wird und als Mitteilung erkennbar ist. Wenn jemand spricht, ist dies fast immer ein untrügliches Zeichen dafür, dass damit eine Mitteilung beabsichtigt ist. Ein Gähnen dagegen ist in dieser Hinsicht zweideutig. Es kann ein rein physiologischer Vorgang sein oder - gewisse Kontexte und zusätzliche nonverbale Signale vorausgesetzt - als Mitteilung gedeutet werden.

Die Sprach-, Text- und Gesprächsforschung hat in den letzten Jahrzehnten immer feiner und überzeugender herausgearbeitet, wie Sprechende oder Schreibende die AdressatInnen dazu anleiten, das Gesagte 'richtig', das heißt in ihrem Sinne zu verstehen. Sie tun dies mit sogenannten Kontextualisierungshinweisen - verbalen (und nonverbalen) Signalen, die wir mit großer Genauigkeit zu setzen und zu interpretieren gelernt haben. Meist genügen wenige Wörter, und wir wissen, ob jemand etwas als ernst gemeint kundtut oder nicht, ob wir es mit einer Meinungskundgabe, einem Bericht oder einem Überzeugungsversuch zu tun haben usw. Das heißt: Eine Mitteilung dient nicht nur der Vermittlung von Informationen. Sie indiziert gleichzeitig die Verstehenskontexte, die die Angesprochenen für die Interpretation mobilisieren sollen. So lange diese Hinweise dicht genug gesetzt und nicht widersprüchlich sind, können wir relativ genau sagen, was eine Äußerung bedeutet, d.h. zu welcher Interpretation die Äußerung anleiten möchte.

Das große Problem der Kommunikation ist nun, dass dies nicht genug ist, um Verstehen sicherzustellen. Zwei potentielle Schwierigkeiten tun sich auf. Zum einen sind Kontextualisierungshinweise gesetzt, sie sind nicht einfach natürlich. Wir haben die Freiheit, das von anderen Gesagte als Ausdruck ihrer Meinungen und Absichten zu akzeptieren oder auch nicht. Dies ist eine Vertrauensfrage. Wir alle wissen, wie leicht es ist zu lügen, zumindest unter gewissen Umständen, und dass nicht immer alles zum Nennwert zu nehmen ist.

Die zweite Schwierigkeit liegt darin, dass der in einer Äußerung indizierte Kontext nicht immer der ist, den wir für relevant halten. Wir sind frei, andere Kontexte dagegen zu halten und als gültig zu erklären. Wenn jemand sich darüber freut, dass Kleider verhältnismäßig weniger kosten als früher, können wir den in der Mitteilung als relevant gesetzten Kontext der Konsumentenkosten durchbrechen, indem wir die Frage unterbezahlter Arbeit in der Dritten Welt dagegenhalten, und wir könnten daraus schließen, dass die in der ursprünglichen Äußerung ausgedrückte Freude nicht am Platz ist.

Ein anderer Kontext

Für diese beiden Schwierigkeiten gibt es im privaten Bereich mehr als genug Beispiele, und es gibt Strategien zu ihrer Überwindung. Normalerweise setzen wir voraus, dass weder Misstrauen noch ständige Kontextualisierungsfragen besonders angenehm sind, und wir ziehen Gespräche und Partner vor, in denen wir nicht ständig mit allzu offensichtlichen Problemen auf diesen Feldern konfrontiert sind. In der politischen Kommunikation dagegen ist beides - die Glaubwürdigkeit der Partner und die Relevanz der von ihnen als wichtig unterstellten Verstehenskontexte - potenziell ständig in Frage gestellt. Man könnte sogar sagen, dass es gerade diese permanente Befragung der Positionen anderer ist, die den Kern der politischen Diskussion ausmacht. Dabei sind die verschiedenen Techniken der Neukontextualisierung die wichtigsten Motoren der Auseinandersetzung; sie führen zu Re-Interpretationen der Bedeutung dessen, was andere gesagt haben, und zur begleitenden Infragestellung ihrer Absichten.

Ein schönes Beispiel dafür liefert ein BBC-Interview mit dem amerikanischen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld. Er wurde zu Jahresbeginn im Zusammenhang mit der Einrichtung eines Lagers für gefangene Taliban-Kämpfer in Kuba auf deren Behandlung angesprochen, und antwortete: "Ich habe nicht das geringste Bedenken in Bezug auf ihre Behandlung. Sie werden um vieles besser behandelt, als sie selbst alle anderen behandelt haben."

Wohl jeder geübte Zeitungsleser bemerkt, dass diese Aussage etwas Besonderes an sich hat. Es ist im Zusammenhang eines Kampfes des Guten gegen das Böse recht heikel, das Verhalten der Bösen zum Maßstab für das der Guten zu machen. Ich möchte sogar sagen, dass jemand, der dies nicht merkt, den politischen Sinn dieser Äußerung nicht verstanden hat. Es ist kein Zufall, dass im Anschluss an das Interview v.a. in angelsächsischen Zeitungen eine rege Diskussion über diese Aussage entbrannt ist, in der darauf hingewiesen wurde, dass auch in Bezug auf diese Gefangenen Rechtsprinzipien angewendet werden müssten, nicht das Recht des Stärkeren.

Kein Konsens

Es ist nun interessant, dass bestimmte Leser (ich zum Beispiel, auch viele Journalisten) die Aussage Rumsfelds als eine nehmen, die nicht so interpretiert werden darf, wie sie offensichtlich gemeint war, sondern einen anderen als den mit der Äußerung selbst indizierten Kontext als gültig unterstellen. Diese Position ist recht leicht zu legitimieren: Die Erklärung der Menschenrechte oder die Genfer Konvention über Kriegsgefangene können hier angeführt werden. Eine Interviewaussage Rumsfelds kann sicher keinen ähnlichen Status für sich beanspruchen wie die hochoffiziell verkündeten und international abgesicherten Vertragswerke.

Und doch macht sich hier ein Dilemma bemerkbar: Diese Position setzt voraus, dass wir den anderen Kontext, in diesem Fall die rechtlich bindenden Konventionen, als gültig unterstellen, sie also wörtlich nehmen und selber nicht weiteren Kontextualisierungen unterwerfen. Das Dilemma wird offensichtlich, wenn es etwa um andere, weniger leicht mit solchen Grundsätzen verknüpfbare Dinge geht, etwa den Stellenwert der Ernennung eines FPÖ-Funktionärs in eine herausragende Position bei der Sozialversicherung. Ist so etwas eine normale Bestellung oder ein politisch bedeutsames Manöver im Zuge der Übernahme von Machtpositionen durch eine Partei? Obgleich wohl niemand auf die Idee kommt, die politischen Effekte dieser Ernennung zu leugnen - die unterschiedlichen Kontextualisierungen sind kaum auf stringente Weise zu gewichten; auf Konsens ist schon gar nicht zu hoffen.

In der Kommunikation generell, insbesondere aber in der Politik, kann eine Analyse dessen, was gesagt (oder auch getan) wird, nie wirklich Aufschluss darüber geben, was es letztlich bedeutet. Darüber entscheiden nicht die, die etwas sagen, sondern die, die es interpretieren. Sie entscheiden, ob sie die Vorgaben akzeptieren und damit (sozusagen kooperativ) nachvollziehen, was gesagt wurde, oder ob sie (quasi unkooperativ) das Gesagte aufgrund von Neukontextualisierungen umdeuten, vielleicht ins Gegenteil von dem verkehren, was die ursprüngliche Mitteilung bezweckte. Unter welchen Bedingungen die kooperative bzw. die unkooperative Verstehensweise vorzuziehen, vielleicht sogar dringend geboten und rational ist - darüber ist gerade in der Politik Einmütigkeit nur schwer zu erreichen. Linguisten und Kommunikationswissenschaftler haben Instrumente bereit, um das jeweils Gesagte unter vielerlei Perspektiven zu analysieren und in seiner Bedeutung zu bestimmen. Im Hinblick darauf, wie es aufzufassen ist, haben aber auch sie nur ihren Common Sense, den sie mit allen anderen teilen.

Der Autor ist Professor an der Unive sität Graz und sprach auf der Tagung der Österreichischen Gesellschaft für Germanistik über "Neue Sprachmoral?" von 6. bis 9. Juni in Linz.

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