Digital In Arbeit

Nichts als Erinnerung

Henning Mankell über seine Erfahrungen mit Erinnerungsbüchern, die aidskranke Eltern für ihre Kinder schreiben.

Ich war nicht nach Uganda gefahren, damit ein Mädchen namens Aida mir seine Mangopflanze zeigte, die es zärtlich pflegte und unter einer Reisigdecke verbarg, damit die Schweine der Familie nicht an sie herankamen und sie auffraßen. Ich war nach Uganda gefahren, um Menschen zu treffen, die sich auf ihren Tod vorbereiteten, indem sie für ihre Kinder kleine Hefte vollschrieben.

Wann ich zum erstenmal von diesen Erinnerungsbüchern hörte, weiß ich nicht. Aber ich erkannte sofort, dass es etwas war, worüber ich mehr erfahren wollte. Diese Erinnerungsbücher, diese kleinen Hefte mit eingeklebten Bildern und Texten, von Menschen geschrieben, die kaum das Alphabet beherrschten, könnten sich in vielerlei Hinsicht als die wichtigsten Dokumente unserer Zeit erweisen. Wenn alle Untersuchungen, Protokolle, finanziellen Berechnungen, Gedichtsammlungen, Schauspiele, mathematischen Formeln für das Abschießen von ferngelenkten Raketen, Computerprogramme, all das, was unser Leben und unsere Geschichte formt, vergessen ist, dann werden vielleicht diese dünnen Hefte, diese Erinnerungen, welche die zu früh Verstorbenen hinterließen, die wichtigsten Dokumente unserer Zeit sein.

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Ich fuhr nach Uganda, um dies zu verstehen. Um davon erzählen zu können. Um zu erzählen, dass diese Erinnerungsschriften, diese Memory Books oder Livros des memoires, Erinnerungsbücher, Livres de memoirs, wichtige Dokumente unserer Zeit sind.

Wichtig. Aber zugleich sollten sie ganz unnötige Bücher sein. Das eigentliche Ziel der Erinnerungsschriften muss sein, dazu beizutragen, dass sie eines Tages nicht mehr gebraucht werden. Niemand soll gezwungen sein, vorzeitig an Aids zu sterben. Die Suche nach Impfstoffen und Heilmitteln muss laufend intensiviert, existierende virushemmende Mittel müssen zugänglich gemacht werden. Niemand soll in Zukunft Erinnerungsbücher schreiben müssen.

Aber Millionen von diesen Erinnerungsbüchern müssen trotzdem geschrieben werden. Und alle sollen natürlich das Recht haben, es zu tun und die nötige Hilfe zu erhalten. Kein hinterlassenes Kind, weder in einem kleinen Dorf nördlich von Kampala noch in irgendeinem Dorf in China oder Indien, soll als Erwachsener wie gelähmt vor der Tatsache stehen, nichts über seine Eltern zu wissen.

Nichts anderes zu wissen, als dass sie an Aids starben.

Insgesamt las ich während meiner Reise nach Uganda etwa dreißig Erinnerungsbücher. Einige davon waren abgeschlossen, andere waren vom Tod unterbrochen worden und würden nie etwas anderes sein als unvollendete Erzählungen. Einige waren von Menschen geschrieben worden, die nicht mehr am Leben waren, andere Bücher stammten von Verfassern, die noch lebten.

Alle diese Schriften waren ganz verschieden. Manche waren wortkarg, fast spärlich. Das konnte am Stil ebenso wie am Inhalt liegen. Es gab Menschen, die so gut wie nichts über ihre Vorfahren wussten. Sie hatten die Seiten, die von "meiner Familie" handelten, leer gelassen. Andere schienen ganz und gar niedergedrückt von dem Gefühl, sie hätten eigentlich nichts zu sagen. Ihr Leben erschien ihnen gleichförmig, sie hatten nie daran gedacht, dass sie andere Spuren hinterlassen könnten als das Haus, das sie gebaut, die Erde, die sie bestellt, die Kinder, die sie gezeugt hatten. Aber auch wenn einige der Schriften dünn waren, waren sie dennoch alle lebendig und oft äußerst ausdrucksstark. Alles, was dort stand, geschrieben, gezeichnet, als gepresste Blumen oder Schmetterlinge eingelegt - alles handelte von Leben und Tod. Buchstäblich.

Am ergreifendsten waren natürlich die Erinnerungsbücher, die kranke Eltern für ihre Kinder geschrieben hatten, die noch ganz klein waren, in vielen Fällen noch Säuglinge. Sie würden die dünnen Hefte in die Hand bekommen, ohne eine einzige Erinnerung an den, der ein Elternteil gewesen war und dieses Testament geschrieben hatte, das weder Geld noch Eigentum enthielt. Sondern nur Erinnerungen.

Es gab natürlich auch Erinnerungsbücher, die von zwei Menschen zusammen geschrieben wurden. Wenn eine Frau erkrankt, ist es in der Regel der Mann, der sie angesteckt hat. Vielleicht sind sie nicht verheiratet, haben aber Kinder zusammen. Untreue ist in Kulturen, in denen die Polygamie mit Traditionen und nicht mit mangelnder Moral zu tun hat, ein unscharfer Begriff. Jetzt sitzen die kranken Eltern beisammen und schreiben diese Erinnerungsbücher.

Diese kranken Elternpaare. Es war, als säßen sie nebeneinander und sagten: Wer bist du? Wer bin ich? Wer sind wir? Und so wurden die Erinnerungsbücher geschaffen.

Doch ich sah natürlich auch die ungeschriebenen Erinnerungsbücher. Deren Seiten leer blieben. Nicht, weil diesem Menschen jede Erinnerung gefehlt hätte. Oder die Fähigkeit, der Wille zu erzählen. Es waren leere Erinnerungsschriften, die von der großen, lähmenden Angst vor der Krankheit und von der Qual und dem Tod zeugten.

Diese leeren Erinnerungsschriften waren fast immer Ausdruck dessen, dass diese Menschen nicht den Mut hatten, mit dem Schreiben anzufangen, weil dies gleichbedeutend damit gewesen wäre, zu akzeptieren, dass sich der Tod wirklich ganz in der Nähe befand.

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Als ich ihn Uganda bin, denke ich plötzlich, wenn man all die Memory Books, die jetzt geschrieben werden, sammeln könnte, dann würden sie die ganze Bibliothek von Alexandria füllen. So zahlreich sind die Erinnerungen, die aufgezeichnet werden wollen, so viele Millionen Schriften werden von denen bleiben, die gerade jetzt oder in naher Zukunft an Aids sterben werden. Die allermeisten dieser Millionen Menschen sterben vorzeitig. Ihnen werden große Teile ihres Leben abgeschnitten. Ihre Kinder, die diese Schriften bekommen sollen, die der Grund dafür sind, dass sie überhaupt geschrieben werden, werden in vielen Fällen in die Heimatlosigkeit hinausgetrieben. Herrenlose Horden von elternlosen Kindern werden über die Kontinente dahintreiben.

Plötzlich sehe ich vor mir: leere, verlassene Bibliotheken. Die großen Büchersammlungen bleiben ohne Leser. Ganz undenkbar ist das nicht. Es ist möglich, denkbare Handlungsmuster zu entwerfen, so als wären sie für ein Science-Fiction-Drehbuch gedacht. Es gibt bereits seriöse Wissenschaftler, die meinen, dass gewisse Länder oder Regionen südlich der Sahara kollabieren werden, wenn die Verbreitung von Aids sich so fortsetzt wie bisher. Sie sind glaubwürdig. Die grundlegenden Strukturen der Gesellschaft werden zusammenbrechen, es wird eine Rückkehr zum primitiven Tauschhandel geben, bei dem Geld keine Rolle mehr spielt, nur Ware gegen Ware oder Ware gegen Dienstleistung. Und diese primitiven Gesellschaftsformen werden sich auf Kinderarbeit gründen, da alle anderen, außer den Ältesten und Gebrechlichen, fort sind. Hinzu kommt, dass das gesamte intellektuelle Erbe auszusterben droht, da infizierte Jugendliche sich kaum zum Studium werden motivieren lassen.

Verödete Länder, Kinderarbeit, Schweigen. Es gibt viele Leute, die sich weigern zu glauben, dass dies eine mögliche gesellschaftliche Entwicklung sein kann. Jedenfalls ist es etwas, das weit, weit entfernt liegt und uns nichts angeht. Aber man braucht nur etwa neun Stunden, um aus dem Herzen Europas ins Herz Afrikas zu fliegen. Das ist eine gute durchgeschlafene Nacht oder ein etwas verlängerter Arbeitstag. Dann ist man mitten in dem, was zur Zeit dabei ist, sich in ein verlassenes Land zu verwandeln, in eine Rückkehr zu den primitivsten Arbeits- und Eigentumsverhältnissen.

Es gibt bereits einige, die dies in ihren Erinnerungsschriften kommentieren. Menschen, die sterben werden, aber trotzdem versuchen, nach vorn zu schauen. Sie erkennen die Konsequenzen ihres eigenen Todes, vergrößert und in riesenhaftem Ausmaß. Denn wenn etwas sicher ist, was Aids auf dem afrikanischen Kontinent betrifft, dann dies, dass du nicht allein stirbst und dass dein Tod sehr weit reichende Konsequenzen haben wird.

In mehreren der Erinnerungsbücher lese ich darüber. Die Angst vor der Verarmung, die Angst davor, dass die Kinder allein bleiben werden, die Angst davor, dass alles Wissen vergessen werden wird, vergehen wird wie der Körper des Toten.

Der Autor ist schwedischer Schriftsteller - bekannt sind vor allem seine Kriminalromane - und Theaterregisseur in Maputo/Mosambik. Dieser Text ist ein Vorabdruck seines neuesten Buches.

Memory Books

Mehr als zwei Millionen Aidswaisen gibt nach Schätzungen bereits allein in Uganda. In so genannten Memory Books schreiben die todkranken Eltern ihre Familiengeschichte nieder, damit den Kindern eine Erinnerung bleibt. Sie - meist sind es die Mütter - geben darin den Kindern auch ihre Wünsche für die Zukunft mit. Die Memory Books erleichtern einerseits den Eltern Abschied zu nehmen, andererseits den Kindern das Trauern. Plan International kümmert sich in Uganda um Menschen, die an Aids erkrankt sind, und ihre Familien und unterstützt dabei auch das Memory Books Projekt. Henning Mankell stellt in seinem neuesten Buch, das am 28. August 2004 erscheint und in dem ein Memory Book von Christine Aguga abgedruckt ist, mit einfühlsamen und engagierten Reflexionen dieses Projekt vor. Mit dem Kauf seines Buches wird die Arbeit von Plan International in Uganda finanziell unterstützt.

Ich sterbe, aber die Erinnerung lebt

Von Henning Mankell. Zsolnay Verlag, Wien 2004

144 Seiten, geb., e 13,30

Spenden unter dem Stichwort "Aids-Waisen in Uganda" an: Konto-Nr. 16 017 881, Raiffeisenverband Salzburg reg. Gen.mbH (BLZ 35000) oder unter www.plan-deutschland.de/patenschaften/projektspenden.html

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