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Feuilleton

"NICHTS MITBEKOMMEN, KONNTE KEINER WISSEN"

1945 1960 1980 2000 2020

HANNA SUKARES ROMAN "STAUBZUNGE" FÜHRT ZWAR IN DIE VERGANGENHEIT, BENENNT ABER AKTUELLE THEMEN.

1945 1960 1980 2000 2020

HANNA SUKARES ROMAN "STAUBZUNGE" FÜHRT ZWAR IN DIE VERGANGENHEIT, BENENNT ABER AKTUELLE THEMEN.

Nein, das ist kein Roman über die Misshandlungen der kindlichen Seele durch einen gottesfürchtigen Pastor-Vater. Auch wenn die ersten Sätze das vielleicht vermuten lassen, wenn es bildreich heißt: "Am Morgen sinkt das Gebet des Vaters auf Kakao und Haferflocken, mittags schliert es in die Suppe, abends riecht es aus den Käsebroten." Auch wenn des weiteren erzählt wird, wie die Worte und das Singen über Frohsein und von der Frohen Botschaft in krassem Gegensatz stehen zu dem, wie die Kinder ihre Mutter, die Frau Pastor, erleben. Wenn die Geschwister Matti und Deli in einer Atmosphäre groß werden, in der jede Frage die falsche sein kann und Matti daher zum Stammler wird. Wenn Disziplin die zweite Haut der Kinder werden soll, die mit der Reitgerte des Vaters eingeprügelt wird.

Was hier an Schweigen und Kälte, Strafe und Strenge erzählt wird, ist nämlich bezeichnend für jene Erziehungsmethoden, die auch unabhängig von der Religiosität der Erziehungsberechtigten lange Zeit kindliche Seelen geschädigt haben. Aber Hanna Sukares Roman "Staubzunge" ist im Folgenden dann auch keine Abrechnung damit, sondern er führt weiter.

Schweigen und Strenge

Allerdings werden Schweigen und Kälte, Strafe und Strenge selbst dort eine Rolle spielen, wo die Autorin mit ihrem Text dann hinlockt. Auch das Motiv der Insel, die das Pfarrhaus darstellt, das nämlich getrennt ist vom Dorf durch die Hochsprache, den rechten Glauben und die fremde Herkunft (denn die Pastorenfamilie kommt aus Österreich, und das ist Ausland), wird sich in gewisser Weise durch den gesamten Roman ziehen. Und mit ihm die Frage nach der Zugehörigkeit: durch Sprache, durch Nationalität, durch Glauben. Die Frage nach der Zugehörigkeit erscheint hier aber vor allem als eine Frage der Sortierung von Menschen. Das macht diese dichte Prosa ganz besonders deutlich. Und das macht sie bedrückend aktuell. Jad, die Gattin des evangelisch-freikirchlichen Pastors, ist im Zweiten Weltkrieg aus Lodz nach Bad Ischl geflohen, mit ihrer Mutter und ihren Schwestern. Über ihre Vergangenheit spricht sie mit ihren Kindern kaum, sie hat ihr früheres Leben weggemauert. "Fünf Leben hatte Jad. Die erste Jad war katholische Polin mit zwei Muttersprachen in Polen. Die zweite Jad war katholische Deutsche im Nazireichsgau Wartheland, die sich hütete, auf der Straße polnisch zu sprechen. Die dritte Jad war Flüchtling ohne Staat. Die vierte Jad war Frau Pastor und sprach mit mir nur Deutsch. Die fünfte Jad hat ihre ersten vier Leben vergessen." Erst nach ihrem Tod wird Tochter Adele, Deli, sich in Lodz auf die Suche machen, geradezu eine Suchsucht nach der Geschichte ihrer Mutter entwickeln. 1940 wird Lodz zu Litzmannstadt und Adeles Großmutter Magdalena kann mit ihren beiden Pässen, dem russischen und dem polnischen, plötzlich nichts mehr anfangen. Die jüdischen Lodzerinnern und Lodzer werden ins Ghetto gesperrt. Und in einem Waggon, umfunktioniert zu einem deutschen Amt, müssen sich die anderen Lodzer in Volkslisten eintragen. Wer sich schon früh aktiv zum Deutschtum bekannt hat, bekommt einen blauen Ausweis. Für andere gibt's je nachdem den blauen, den grünen oder den roten - dieser ist für jene, denen man vorwirft, sie wären "völlig im Polentum aufgegangen und hätten sich deutschfeindlich betätigt."

Unter den Deutschen geht es Mutter und Töchtern offensichtlich nicht schlecht, vor Kriegsende fliehen sie nach Bad Ischl, wo Magdalena einen neuen Pass bekommt. "Geboren als Russin, verheiratet und verwitwet als Polin, wiederverheiratet als Deutsche, gestrandet als Fremde, eine Staatenlose." Jahrzehnte später wird die Enkeltochter Adele in Lodz gefragt werden, ob sie Russin sei. "Russin? Russin! In Österreich fragen mich Leute, ob ich aus Deutschland komme. Berliner sagen: Eine typische Wienerin, das hört man sofort. In Lodz fragt eine: polnisch oder deutsch? Und jetzt: Russin."

Menschen sortieren

Die 1957 in Freiburg im Breisgau geborene Autorin, die seit ihrer Jugend meist in Wien lebt, legt mit "Staubzunge" ein beklemmendes Stück Literatur vor, das unter anderem den Wahnsinn zeigt, Menschen einzuordnen und wegzusperren, sie zu sortieren. Sie erzählt die Trennung, die damals über Tod und Leben entschieden hat, die Sortierung in jüdische und nicht jüdische Menschen, die Entzweiung von Familien, wenn sie sich zwischen Polentum und Deutschtum entscheiden mussten, aber auch die Ausgrenzungen, die nach dem Krieg weitergehen.

Es liegt auch an der Erzählweise der Autorin, dass das Gespinst der Verdrängung sichtbar wird, ohne dass es je auserzählt werden könnte. Denn Matti, Adeles Bruder, kommt durch seine Frau Gitti in den Blick, Jad durch ihre Schwester Frantzek und ihre Tochter. Und mit Janina taucht am Ende mit einer bisher unbekannten Cousine noch eine völlig andere Familiengeschichte auf. Doch Adele hat schon geahnt, dass ihre Mutter in einigen Belangen gelogen hat. Vom Vernichtungslager Kulmhof und vom Ghetto in Lodz will sie nichts gewusst haben. Obwohl sich das Ghetto, wie die Tochter schließlich bemerkt, in derselben Straße befunden hat, in der ihre Mutter einst lebte. Die Straße war geteilt.

Es geht der Tochter nicht um Abrechnung, sondern um eine Suche, auch um den Versuch, die eigene Herkunft zu erkunden. Doch ganz aufklären lässt sich nichts. Der Tochter bleiben von ihrer Mutter samt Muttergeheimnis nur deren Sätze, beziehungsweise Satzfetzen: "Habe zwei Muttersprachen, war mein liebster Mensch, Welt will betrogen sein, siehe da: Fräulein weg, beim Reichsarbeitsdienst nicht gewesen, so eine Hetz, Nelken für Litzmannstadt, nichts so fein gesponnen, wer nicht arbeitet, von oben herab kaltblütig, keiner Fliege etwas, wer hätte reisen können, schlagfertig, hat keiner gewusst, endlich aufhören, dein Wort sei Nein Nein, man wird weiße Fahnen brauchen, Angst nicht zeigen, wisst nicht wie kalt ihr, für solche Späße keine Zeit, kein Haar gekrümmt, Jidden und wieder Jidden, nichts mitbekommen, konnte keiner wissen, dein Wort sei Ja Ja, ganzes Leben rechtschaffen, Gott uns geführt, Gott."

Staubzunge

Roman von Hanna Sukare Otto Müller 2015

167 S., geb., € 18,-

Nein, das ist kein Roman über die Misshandlungen der kindlichen Seele durch einen gottesfürchtigen Pastor-Vater. Auch wenn die ersten Sätze das vielleicht vermuten lassen, wenn es bildreich heißt: "Am Morgen sinkt das Gebet des Vaters auf Kakao und Haferflocken, mittags schliert es in die Suppe, abends riecht es aus den Käsebroten." Auch wenn des weiteren erzählt wird, wie die Worte und das Singen über Frohsein und von der Frohen Botschaft in krassem Gegensatz stehen zu dem, wie die Kinder ihre Mutter, die Frau Pastor, erleben. Wenn die Geschwister Matti und Deli in einer Atmosphäre groß werden, in der jede Frage die falsche sein kann und Matti daher zum Stammler wird. Wenn Disziplin die zweite Haut der Kinder werden soll, die mit der Reitgerte des Vaters eingeprügelt wird.

Was hier an Schweigen und Kälte, Strafe und Strenge erzählt wird, ist nämlich bezeichnend für jene Erziehungsmethoden, die auch unabhängig von der Religiosität der Erziehungsberechtigten lange Zeit kindliche Seelen geschädigt haben. Aber Hanna Sukares Roman "Staubzunge" ist im Folgenden dann auch keine Abrechnung damit, sondern er führt weiter.

Schweigen und Strenge

Allerdings werden Schweigen und Kälte, Strafe und Strenge selbst dort eine Rolle spielen, wo die Autorin mit ihrem Text dann hinlockt. Auch das Motiv der Insel, die das Pfarrhaus darstellt, das nämlich getrennt ist vom Dorf durch die Hochsprache, den rechten Glauben und die fremde Herkunft (denn die Pastorenfamilie kommt aus Österreich, und das ist Ausland), wird sich in gewisser Weise durch den gesamten Roman ziehen. Und mit ihm die Frage nach der Zugehörigkeit: durch Sprache, durch Nationalität, durch Glauben. Die Frage nach der Zugehörigkeit erscheint hier aber vor allem als eine Frage der Sortierung von Menschen. Das macht diese dichte Prosa ganz besonders deutlich. Und das macht sie bedrückend aktuell. Jad, die Gattin des evangelisch-freikirchlichen Pastors, ist im Zweiten Weltkrieg aus Lodz nach Bad Ischl geflohen, mit ihrer Mutter und ihren Schwestern. Über ihre Vergangenheit spricht sie mit ihren Kindern kaum, sie hat ihr früheres Leben weggemauert. "Fünf Leben hatte Jad. Die erste Jad war katholische Polin mit zwei Muttersprachen in Polen. Die zweite Jad war katholische Deutsche im Nazireichsgau Wartheland, die sich hütete, auf der Straße polnisch zu sprechen. Die dritte Jad war Flüchtling ohne Staat. Die vierte Jad war Frau Pastor und sprach mit mir nur Deutsch. Die fünfte Jad hat ihre ersten vier Leben vergessen." Erst nach ihrem Tod wird Tochter Adele, Deli, sich in Lodz auf die Suche machen, geradezu eine Suchsucht nach der Geschichte ihrer Mutter entwickeln. 1940 wird Lodz zu Litzmannstadt und Adeles Großmutter Magdalena kann mit ihren beiden Pässen, dem russischen und dem polnischen, plötzlich nichts mehr anfangen. Die jüdischen Lodzerinnern und Lodzer werden ins Ghetto gesperrt. Und in einem Waggon, umfunktioniert zu einem deutschen Amt, müssen sich die anderen Lodzer in Volkslisten eintragen. Wer sich schon früh aktiv zum Deutschtum bekannt hat, bekommt einen blauen Ausweis. Für andere gibt's je nachdem den blauen, den grünen oder den roten - dieser ist für jene, denen man vorwirft, sie wären "völlig im Polentum aufgegangen und hätten sich deutschfeindlich betätigt."

Unter den Deutschen geht es Mutter und Töchtern offensichtlich nicht schlecht, vor Kriegsende fliehen sie nach Bad Ischl, wo Magdalena einen neuen Pass bekommt. "Geboren als Russin, verheiratet und verwitwet als Polin, wiederverheiratet als Deutsche, gestrandet als Fremde, eine Staatenlose." Jahrzehnte später wird die Enkeltochter Adele in Lodz gefragt werden, ob sie Russin sei. "Russin? Russin! In Österreich fragen mich Leute, ob ich aus Deutschland komme. Berliner sagen: Eine typische Wienerin, das hört man sofort. In Lodz fragt eine: polnisch oder deutsch? Und jetzt: Russin."

Menschen sortieren

Die 1957 in Freiburg im Breisgau geborene Autorin, die seit ihrer Jugend meist in Wien lebt, legt mit "Staubzunge" ein beklemmendes Stück Literatur vor, das unter anderem den Wahnsinn zeigt, Menschen einzuordnen und wegzusperren, sie zu sortieren. Sie erzählt die Trennung, die damals über Tod und Leben entschieden hat, die Sortierung in jüdische und nicht jüdische Menschen, die Entzweiung von Familien, wenn sie sich zwischen Polentum und Deutschtum entscheiden mussten, aber auch die Ausgrenzungen, die nach dem Krieg weitergehen.

Es liegt auch an der Erzählweise der Autorin, dass das Gespinst der Verdrängung sichtbar wird, ohne dass es je auserzählt werden könnte. Denn Matti, Adeles Bruder, kommt durch seine Frau Gitti in den Blick, Jad durch ihre Schwester Frantzek und ihre Tochter. Und mit Janina taucht am Ende mit einer bisher unbekannten Cousine noch eine völlig andere Familiengeschichte auf. Doch Adele hat schon geahnt, dass ihre Mutter in einigen Belangen gelogen hat. Vom Vernichtungslager Kulmhof und vom Ghetto in Lodz will sie nichts gewusst haben. Obwohl sich das Ghetto, wie die Tochter schließlich bemerkt, in derselben Straße befunden hat, in der ihre Mutter einst lebte. Die Straße war geteilt.

Es geht der Tochter nicht um Abrechnung, sondern um eine Suche, auch um den Versuch, die eigene Herkunft zu erkunden. Doch ganz aufklären lässt sich nichts. Der Tochter bleiben von ihrer Mutter samt Muttergeheimnis nur deren Sätze, beziehungsweise Satzfetzen: "Habe zwei Muttersprachen, war mein liebster Mensch, Welt will betrogen sein, siehe da: Fräulein weg, beim Reichsarbeitsdienst nicht gewesen, so eine Hetz, Nelken für Litzmannstadt, nichts so fein gesponnen, wer nicht arbeitet, von oben herab kaltblütig, keiner Fliege etwas, wer hätte reisen können, schlagfertig, hat keiner gewusst, endlich aufhören, dein Wort sei Nein Nein, man wird weiße Fahnen brauchen, Angst nicht zeigen, wisst nicht wie kalt ihr, für solche Späße keine Zeit, kein Haar gekrümmt, Jidden und wieder Jidden, nichts mitbekommen, konnte keiner wissen, dein Wort sei Ja Ja, ganzes Leben rechtschaffen, Gott uns geführt, Gott."

Staubzunge

Roman von Hanna Sukare Otto Müller 2015

167 S., geb., € 18,-